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Frauen, Männer, Kinder

Mir ist folgende russische Einschätzung bekannt: Eine Frau kann aus nichts alles machen, einen Hut, einen Salat oder einen Skandal. Eine Frau scheint in ihrem Rollenverständnis nicht unbedingt abhängig zu sein von der Anerkennung eines Mannes, sondern definiert ihr Rollenverständnis selbst, soweit die äußeren Umstände dies zulassen. Die äußeren Umstände sind für die Entwicklung der Frauen von außerordentlicher Bedeutung, ob diese religiös, physisch oder geschlechtsspezifisch strukturiert sind. Im Rahmen vorhandener Möglichkeiten ist weibliches Verhalten autonom und nicht von männlicher Anerkennung abhängig. Dies bedeutet aber keineswegs, dass es verzichtbare Austauschprozesse zwischen Frau und Mann und Frau und Frau gäbe. Frauen erwarten Beachtung und erkennen in dieser sich selbst. Sie beobachten genau und reagieren im Falle versäumter Aufmerksamkeit wie eingangs beschreiben.

Männer, die sind halt so. Wie aber ist Mannsein? Es gibt eine Außensicht und eine Innensicht. Beide sind nicht deckungsgleich, sollen aber oft zur Deckung gebracht werden, damit die Typisierung nicht allzu sehr ramponiert wird. Diese Typisierung ist in der Regel dankbar einfach: Macho oder Nichtmacho. Natürlich wird der Mann auch sehr viel differenzierter wahrgenommen, jedoch erleichtern Muster die Einordnung, schaffen Kategorien. Diesen Einschätzungen sieht sich der Mann zwar ständig ausgesetzt, empfindet sich aber in den seltenen Fällen selbst so. Es ist nicht nur seine geschlechtsspezifische Orientierung zu Frauen oder anderen Männern, sondern auch seine Erinnerung daran, wie alles begann, sich sein männliches Ich ausbildete und seine Erziehung ihn schließlich dann zum Mann werden ließ. Aber trotz aller äußerer oder innerer Umstände ist der Mann in erster Linie Mensch mit allen seelischen und geistigen Anforderungen, denen sich auch andere Menschen jedweden Geschlechts und sexueller Präferenz ausgesetzt sehen. Der Mann erfährt seine spezifische Anerkennung als solche erst durch andere, seien diese Mann oder Frau.

Kinder werden oft darauf getrimmt, schon junge Erwachsene zu sein. Das sind sie nicht. Sie sind aber vom ersten Atemzug an darauf aus, selbst in dieser Welt zu bestehen und die dafür erforderliche Ausbildung zu erfahren. So sind die Kinder auf ihre Eltern angewiesen, aber nicht für die Eltern da. Es ist der segensrechte Opportunismus der Natur, dass Kinder ihren Eltern und anderen Familienangehörigen gefallen, um dadurch Vorteile des Beachtenwerdens und Förderung zu erfahren. Aus den Reaktionen, die Kinder wahrnehmen, lernen sie, leiten ab, was geht und was nicht geht, verinnerlichen Rollenspiele und begreifen so allmählich ihre ganz unterschiedlichen Lebenschancen als Mann oder Frau.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski