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Arbeitsmühen

Früher gab es die allgemein geläufige Gewissheit: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr!“ Auch waren fast alle Menschen davon überzeugt: „Machste was, biste was, machste nix, biste nix.“ Alle diese so eindeutig sprachlich fixierten Überzeugungen sind über die Zeit hinweg allmählich erodiert. Früher einmal gehörte man dazu, wohnte möglichst im gleichen Kiez, genoss die oft jahrzehntelange Anerkennung seines Meisters und die der Kollegen. Ob in Betrieben oder der Verwaltung, die Anmutung war sehr einheitlich. Man arbeitete gemeinsam und feierte gemeinsam. Es ging dabei auch um den Stolz auf die eigene Leistung und die Verpflichtung gegenüber der Familie, dem Unternehmen, den Kollegen, aber auch gegenüber der Allgemeinheit.

Schon früh wurden die Weichen für das Arbeitsleben gestellt. Leistungsbewusstsein, Pflicht und Vorbilder schufen die Motivation für das zweckgerichtete Lernen und die berufliche Verantwortung. All dies war eingebettet in einen familiären und gesamtgesellschaftlichen Konsens, der dank seiner sozialen Kontrolle nicht in Frage gestellt wurde. Die Regeln gaben vor, wie man was tut. Bildungsferne, abgehängt sein und ähnliche Zuweisungen waren weitgehendst unbekannt, wobei nicht verschwiegen werden darf, dass das durch Rituale bestimmte Leben keine Abweichungen zuließ, intolerant auf jede Störung reagierte. Dies mag auch der Grund dafür sein, dass diese Gewissheit, die früher den Zusammenhang garantierte, zwischenzeitlich beseitigt wurde: Die anstelle der Gemeinsamkeit nun weit verbreitete „Ich-Betrachtung“, das selbst bestimmte Arbeiten statt der Zuweisungen, die Work-Life-Balance statt der Arbeitspflicht, die Umschulung und Weiterbildung statt der Beständigkeit des Arbeitslebens.

Ist das, was sich inzwischen herausgebildet hat, aber richtig und gut und woher kommt diese allgemein feststellbare Haltungsänderung? Ich denke, mit den Eltern fängt es an. Die Veränderungen, die sie selbst Zeit ihres Lebens in den Betrieben und in dem privaten Umfeld erfahren haben, trägt erheblich zu der Verunsicherung, die sie weitergeben, bei. Sie mussten erfahren, dass die primäre Zuständigkeit für die Bildung ihrer Kinder ihnen staatlicherseits entzogen und ihnen verdeutlicht wurde, dass Chancengerechtigkeit dadurch am besten verwirklicht werden könne, dass sie ihre Kinder Kindergärten und Schulen anvertrauen, anstatt sie selbst auf das Leben vorzubereiten. Was Sie dabei nicht wissen konnten, ist, dass sie sich selbst dadurch einer Verpflichtung gegenüber ihren Kindern entzogen haben, die darin besteht, dass sie eigentlich primär für die Bildung ihrer Kinder zuständig sind, insbesondere in den Bereichen Sprache und Kommunikation, beginnend schon pränatal und sich fortsetzend unmittelbar nach der Geburt.

Aus Unwissenheit sprechen und singen sie nicht mehr oft mit ihren Kindern und erzählen ihnen keine Alltagsgeschichten, obwohl dies für die sprachliche und geistige Entwicklung ihrer Kinder förderlich wäre. Dieses Versäumnis erscheint mir ausschlaggebend für die auch ins berufliche durchschlagende Unruhe bei der Aufnahme und Umsetzung einer konsequenten zweck- und zielgerichteten Tätigkeit. Will man künftigen Generationen wieder gefestigte berufliche Lebensperspektiven eröffnen, ist es unumgänglich bei der Aufklärung und Schulung der Eltern anzusetzen, aber auch dafür zu sorgen, dass Leistungsbewusstsein, Pflicht und Vorbild nicht nur die Begleiter lebenslangen Lernens, sondern auch des Handelns sind. Wer nichts tut, kann auch nicht erwarten, dass andere diese Verweigerung wettmachen.

Zuwendung und Hilfe bei größter Geduld sind ein persönliches und gesellschaftliches Gebot, welches allerdings auch damit korreliert, dass derjenige, der keine Verantwortung für sein Handeln übernimmt, auch nicht bereit ist zu leisten, nicht erwarten kann, dass die Gesellschaft dies hinnimmt. Ohne Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft werden auch künftige Gesellschaften nicht bestehen können. Es ist sogar zu befürchten, dass dies einen Vorwand dafür liefern könnte, Arbeitsmühen zu verunglimpfen, egozentrische Verhaltensweisen, die auf Schaffung von Vorteilen zu Lasten der Allgemeinheit basieren, zu belohnen und dazu beizutragen, dass ein auch im Interesse der Schwächeren geknüpftes soziales Netz zerreißt. Aus diesen Überlegungen mag man ableiten, dass es bei Beschäftigungsverhältnissen stets um mehr als nur erwerbsorientiertes, ich-zentriertes Handeln, sondern auch um unsere Gemeinschaft geht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erfahrung

Älteren Menschen wird oft nachgesagt, dass sie über Erfahrung verfügen. Damit wird suggeriert, dass sie wettmachen könnten, was ihnen an Kreativität und Weiterbildung fehle. Damit wird man dem Begriff Erfahrung ebenso wenig gerecht, wie älteren Menschen. Erfahrung hat damit zu tun, dass der Mensch in Situationen gekommen ist, die er analysiert und lernend methodisch, als auch inhaltlich einzuschätzen gelernt hat.

Situationen verändern sich ständig, so dass das Wissen um das Verhalten in einem Moment keineswegs auf einen anderen Moment übertragbar ist. Allenfalls methodisch lassen sich Situationen vergleichen, die bei ähnlicher Ausprägung leichter zu handhaben sind, wenn man schon das zweite oder dritte Mal damit konfrontiert worden ist. So sammeln auch junge Menschen ständig, und zwar seit ihrer Geburt, Erfahrungen, die sie bei der Bewältigung auftauchender Probleme nutzen.

Die Erfahrung älterer Menschen ist kein Schatz, den es zu heben gilt, sondern der höchstpersönliche Lebensfundus, auf den er zurückgreifen kann, wenn dies erforderlich ist. Erfahrungen sind weder übertragbar, noch generell bei Problemlösungen erfolgreich, weil für jeden Menschen die Problemlösungsansätze unterschiedlich sind. Ein kooperatives Zusammenwirken zwischen jungen und alten Menschen ist hilfreich bei der Bewältigung von Problemen, aber keine ältere Erfahrung ist mit einer jüngeren Erfahrung kompatibel.

Keine Erfahrung hat statische Momente und auch der, der viele Erfahrungen in seinem Leben, insbesondere in seinem Berufsleben, gemacht hat, wird stets einen Abgleich seiner Erfahrungen mit neuen Problemangeboten machen und Lösungen suchen, die bisher in keiner Weise auf der Lebensagenda standen.

Auch ein geistig flexibler älterer Mensch kann unter Außerachtlassung seiner Lebenserfahrung mit jüngeren Menschen konkurrieren und zwar auf allen Gebieten. Das Mehr an Erfahrungen kann dabei unter dem Gesichtspunkt der Gelassenheit hilfreich sein oder hinderlich, wenn der ältere Mensch glaubt, alle Anforderungssituationen schon einmal erlebt und erfahren zu haben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski