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Zukunftsmodelle

Zur Gaudi des Wahlvolkes und Begeisterung der Medien war die Bundestagswahl 2021 durch einen wechselseitigen Abgleich von Peinlichkeiten, angeblichem oder tatsächlichem Versagen im persönlichen und beruflichen Umfeld und Standvermögen bei unzähligen Bewerbungsveranstaltungen geprägt. Letztere verschafften den Bewerbern Haltungsnoten, was angeblich von Bedeutung sein sollte bei der Bewältigung von politischen Aufgaben, politischen Krisen und Konflikten.

Von Angela Merkel hatte ich einmal, als sie zu ihrer Amtszeit befragt wurde, den bemerkenswerten Satz vernommen: „80 % meiner Tätigkeit im Amt als Bundeskanzlerin sah ich darin, das Schlimmste zu verhindern.“ Diese Aussage ist gut nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass nicht nur rational, sondern auch emotional unsere menschlichen Erwartungen und Handlungen auf das Situationsmanagement fokussiert sind. Dieser Bundeskanzlerin wurde unter anderem vorgeworfen, dass sie keinen wirklichen Plan für die Bundesrepublik Deutschland und deren unsere Gesellschaft gehabt habe, sondern situativ handelnd den Gefahren ausgewichen sei, die vergleichsweise die USA mit Donald Trump ereilten.

Der Einwand, dass es amerikanische Verhältnisse bei uns nie geben könnte, ist angesichts der Weltbedrohungslage, ob dies die Wirtschaft oder den Klimaschutz und kriegerische Auseinandersetzungen angeht, natürlich rein spekulativ. Tatsächlich konnte die bisherige Bundesregierung keinen Plan haben und auch die im Bundestag künftig vertretenen Parteien werden keinen Masterplan haben, wie es mit Deutschland weitergeht. Sie werden vermeiden, Zukunftsmodelle zu entwickeln, und zwar aus einem einfachen Grund: Sie wissen nicht, wie diese Modelle politisch, militärisch und gesellschaftlich aussehen sollen. Sie müssen einsehen, dass ein „America first“ des Donald Trumps ebenso wenig erfolgversprechend sein konnte, wie letztlich auch die wirtschaftliche Seidenstraße der Chinesenökonomie.

Es gibt allerdings viele Faktoren, die künftig unser Leben maßgeblich bestimmen werden. Sie sind sattsam bekannt und verlangen im Interesse unserer Kinder und Enkelkinder, denen wir das Versprechen abgegeben haben, den Planeten zu retten, und zwar in den Bereichen Klimaschutz, Arterhaltung im Pflanzen- und Tierbereich, Bekämpfung des Hungers und Widerstand gegen jede sonstige Belastung und Zerstörung unseres Planeten zu handeln.

Es sind keine politischen Themen, die ausschließlich im Bundestag abgearbeitet werden, sondern vor allem menschliche und gesellschaftliche Probleme, die in einem Diskussionsprozess erarbeitet und zu einem Contrat Social führen müssen, und zwar nicht nur bezogen auf ein einzelnes Land, eine Nation oder gar Europa, sondern grundsätzlich, wie zum Beispiel durch die Bewegung „Fridays for Future“ schon angedeutet wird.

Politiker, die in den Bundestag gewählt werden, müssen künftig nicht nur in der Lage sein, Konflikten auszuweichen oder diese zu schlichten, sondern auch den gesellschaftlichen Diskussionsprozess um die Entwicklung von Zukunftsmodellen allumfassend vorzustellen und zu moderieren. Lebenssinn wird nicht durch Glaubensbekenntnisse geschaffen, sondern durch konkretes Engagement und durch Mobilisierung aller gesellschaftlichen Kräfte, denn dies haben wir künftigen Generationen versprochen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski