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Perspektive

Aus der Perspektive eines weltoffenen und toleranten Menschen leben wir in schlimmen Zeiten. Aus der Perspektive machtversessener und gieriger Politiker leben wir in einer chancenreichen Zeit. Aus der Perspektive vieler Menschen leben wir in einer unübersichtlichen Zeit der Chancen und Chancenlosigkeit, des Überflusses, der Verarmung und der Zerstörung. Alles eine Frage der Perspektive. Die wahrnehmbare Realität bildet die Kulisse. Perspektiven schaffen Möglichkeiten, fördern die Neugier und geben der Erwartung eine Grundlage, dass nie etwas so bleibt, wie wir meinen, dass es sei.

Es gibt auch keine innere Kohärenz der Perspektiven, ob diese persönlich oder kollektiv angelegt seien. Perspektiven sind eine Möglichkeit der Wahrnehmung und des Handelns. Perspektiven lassen Wertungen zu, sind aber von diesen nicht abhängig. Die Perspektive einer Präsidialdiktatur in der Türkei erschreckt viele Menschen, aber nicht alle. Es gibt auch zufriedene Menschen, die darin eine Möglichkeit für die Türkei sehen, sich unabhängig und identitär zu entwickeln.

Ohne die Perspektiven im Einzelnen aufzeigen zu müssen, gilt dies natürlich auch für den amerikanischen und russischen Präsidenten. Die Perspektiven des Brexit werden nachteilig für Großbritannien beschrieben. Sind sie es aber auch? Das wissen wir erst nach Beendigung des Experiments, denn auch der Brexit ist nur eine historisch wirtschaftliche Zäsur, künftige Entwicklung beeinflussend, aber nicht endgültig beschreibend. Nach dem Brexit kommt entweder wieder Europa oder etwas ganz Neues.

Jede Veränderung eröffnet Perspektiven und müsste uns daher eigentlich sehr willkommen sein. Ein in sich sogar stimmiges System mag vorübergehend die Gemüter beruhigen, erodiert aber irgendwann, wenn es keine neuen Perspektiven mehr aufweist. Deshalb nutzen wir die Chancen der Veränderung, überwinden Perspektivlosigkeiten und suchen Gelegenheiten, Neues zu schaffen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski