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Geschichte

Wie dürfen wir uns hier die Geschichte und unsere Rolle, die wir in dieser spielen, vorstellen? Ist Geschichte etwa ein träger Fluss, der uns mit der Geburt aufnimmt, uns in ihm treiben oder gar schwimmen lässt, um uns schließlich, wenn die Kräfte nachlassen, verschlingt? Oder ist Geschichte etwa eine Geschichtensammlung, ein Archiv einzelner und kollektiver Erlebnisse, die durch gemeinsames Verständnis oder gemeinsame Schicksale begründet ist?

Vielleicht eher das Letztere. Meiner Ansicht nach spielt jeder Mensch in dieser Geschichte eine Rolle, für die er verantwortlich ist. Um der durch die Geburt begründeten Verantwortung gerecht zu werden, müssen wir unsere Rolle in dieser gestalten, unsere Geschichten weitererzählen, von Generation zu Generation. Unsere Erzählungen bergen wertvolle Schätze der Erfahrung, aber auch das Wagnis, Neues zu schaffen, sich dabei der Vergangenheit und Gegenwart zu vergewissern und unbekannte Wege zu erschließen.

Wir erkennen Gemeinsames auch dann, wenn wir Geschichtenerzählern zuhören, selbst Geschichten unseren Kindern erzählen, so familiäre Verbindungen pflegen und uns auch unseres Herkommens über Generationen hinweg versichern. Dabei geht es aber nicht nur um die Familie, sondern auch um all das, was uns mit anderen Menschen verbindet, selbst Tiere, Pflanzen, Heimat, Landstriche, Länder, Nationen, also alle Umstände, seien diese privat oder gemeinschaftlich.

Sowohl Versagungen als auch Erfolge prägen Geschichte. So birgt diese auch alle Tragödien, große und kleine Taten, alles Denken, Fühlen und Handeln. Die alltäglichen Mühen, die Fähigkeiten, Schwierigkeiten, Freude und Trauer, all dies ist selbst dann, wenn es nicht persönlich und unmittelbar erlebt wird, unsere Geschichte, die Geschichte aller Menschen und der Welt.

Geschichte ist völlig indifferent gegenüber Stolz oder Ablehnung, aber wir können unserer eigenen Verantwortung, Geschichte mitzugestalten, nicht entgehen und sollten bei unserem Handeln auch an die Ewigkeit unseres eigenen Beitrags und dessen Wirkung denken. Ein Neustart von Geschichte ist nicht möglich. Das, was geschehen und aufgezeichnet ist, bleibt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski