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Wortmeldung

Vor kurzem warb bei einer Veranstaltung im Rahmen des Vision summit 2014 mit dem Titel „WeQ – more than IQ“ der Gastgeber für eine neue Innovationskultur in Europa.

Eine auch aus meiner Sicht hochspannende Veranstaltung bei der die Keynote-Rede von dem Sozioökonomen Jeremy Rifkin gehalten wurde. Seine Ansprache dauerte fast eine Stunde in freigehaltener Rede und beschäftigte sich erkennbar mit der Fragestellung, ob wir nicht nur Konsumenten, sondern auch gleichzeitig Produzenten seien. Die Schnelligkeit, mit denen Herr Rifkin seine Thesen vortrug und begründete, beindruckte mich sehr, vor allem aber die Süffigkeit seiner Argumentation, die mich allerdings eher an Brainwashing erinnerte, als an eine Anregung, gemeinsam denkend zu erarbeiten, wie nicht nur ich mit meinem Computer und meinen Handys die Zukunft gestalten kann, sondern wir uns alle gemeinsam als Unternehmer kostengünstig entwickeln. Ich habe überhaupt nichts gegen Egoshooter, insbesondere wenn ihre Gedanken so anregend sind, dass es sich lohnt, sich mit diesen näher zu beschäftigen. Vielleicht sollte ich doch sein neues Buch kaufen, welches bei der Veranstaltung promoted wurde. Es ist ja ganz normal, dass von den 700 Zuhörern im Saal nicht alle eine Meinungsführerschaft für sich beanspruchen können, sondern den passiven Teil des „Wir´s“ bevorzugen. Es zeugt schon von herzlichem Gemeinsinn, wenn einer der Paneldiskutanten 700 Zuhörer um ein Bonbon bittet, weil er Halsschmerzen hat. Das ist rührend und vermittelt tatsächlich so ein wohliges Gefühl der Zusammengehörigkeit, denn wer kann sich nicht leidvoll an seine eigenen Halsschmerzen erinnern. Vielleicht wäre es gut gewesen zu fragen, wer sonst noch Halsschmerzen hat, damit sich eine Wir-Gruppe der Halsschmerzengeschädigten bei dieser Gelegenheit sich hätte finden können. Dieser Gag tat natürlich der Veranstaltung keinerlei Abbruch und mein Erkenntnisgewinn war enorm hoch. Es funktioniert halt immer. Eine hochkarätige Veranstaltung findet statt, ausnahmsweise sind die Vortragenden bedeutungsvolle VIP-„Ichs“ und die „Wir´s“ müssen sich mit Brezel und Wasser begnügen, während die VIP´s ins Olymp der Veranstaltungsstätte entschweben. Das ist alles nicht vorwerfbar, sondern entspricht unseren gesellschaftlichen Ritualen. Ich selbst genieße oft selbst diese Aufmerksamkeit. Am Abend stellte sich und dem Publikum der Gehirnforscher Gerald Hüther die Frage, was den Menschen ausmache und für was er geschaffen sei. Er wies auf die biologischen, kognitiven und emotionalen Fähigkeiten des Menschen hin. Das war kein Beitrag, der von Geschwätzigkeit geprägt war, sondern nachdenklich stimmte. Was macht uns Menschen aus? Sind wir nur wir oder auch ich? Persönlich, leistungsorientiert oder gemeinschaftlich? Welche Entwicklungsfähigkeit hat der Mensch in welcher Zeit entwickelt. Tut es ihm gut, wessen er aufgrund technologischen Fortschritts in einer schrumpfenden Welt ausgesetzt ist? Wie reagiert der Mensch auf seine Vereinzelung, aber auch auf seine Vereinnahmung durch andere? Bin ich das, als dem ich mich begreife oder erkenne ich mich nur im neuralen Blitzgewitter der Reaktionen anderer? Keine Modelle, keine kompletten Aussagen, sondern Irritationen. So wünsche ich mir eine Positionsbestimmung des Menschen, ob als „ich“ oder als „wir“.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski