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Weltbild

Das Leben der meisten Menschen, zumindest in Deutschland, ist von einem hohen Sicherheitsbedürfnis bestimmt. Da jedem Menschen bewusst ist, dass ein Sicherheitsbedürfnis nur dann wirksam bedient werden kann, wenn die Allgemeinverbindlichkeit eines bestimmten Weltbildes erreicht wird, schaffen die Menschen Strukturen, innerhalb derer sich eine gemeinsame Sichtweise entwickeln und verfestigen soll. Ob das durch diese Sichtweise geschaffene Weltbild mit der Wirklichkeit kongruent ist, ist dabei offenbar weniger bedeutend als die Verbindlichkeit, die durch die gemeinsame Anschauung dieser Menschen begründet wird.

Das so gewonnene Weltbild grundsätzlich in Frage zu stellen, ist ausgeschlossen, abweichende Sichtweisen werden nur dann akzeptiert, wenn sie im Kern keiner Aufgabe des bisherigen Standpunktes, sondern nur dessen Bekräftigung dienen. Allerdings führt dies für den Fall, dass sich Weltbild und eine sich stets verändernde Wirklichkeit auch nicht mehr ansatzweise decken, dazu, dass sich Menschen nicht mehr in dieser Welt zurechtfinden.

Verschiebt sich der Fokus der Betrachtungsmöglichkeiten, mag der Einzelne noch Korrekturen für möglich erachten, innerhalb einer Gruppe fördern dagegen Anzeichen von tatsächlichen Veränderungen die Angst, wieder in den unsicheren Zustand vor der Festigung eines Weltbildes zurückzufallen. Wenn Weltbild und Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmen, weil sich die Wirklichkeit verändert, dann fördert dies zudem die Bereitschaft von Menschen, die Wirklichkeit entsprechend ihren Vorstellungen anders zu gestalten, ggf. unter Einsatz von politischer und physischer Gewalt.

Sollte dies eintreten, dann ist es naheliegend, dass die so neu geschaffene Wirklichkeit nunmehr wieder Projektionsfläche für ein Weltbild wird, das ebenfalls Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit bis zur nächsten durch Gruppeninteressen rückversicherten Sichtweise auf die Welt erhebt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ahnung

Nicht, dass es in der Vergangenheit nicht auch schon Erkenntnisse gegeben hätte, die trotz ihrer Behauptung allein auf Vermutungen beruhten. Aber grundsätzlich sind sich alle Menschen darin einig, dass unser Wissen auf einem Denken fußt, dass in der Lage ist, erwiesene Tatsachen zu schätzen. So feindlich sich Geistes- und Naturwissenschaften gegeneinander gebärden mögen, so recht ähnlich sind sie sich dennoch bei der Wahl der Mittel, mit denen sie ihren Werkstoff bearbeiten.

Ihr Werkstoff ist eine Wirklichkeit, von der die Naturwissenschaften behaupten, sie sei fassbar, sei real. Paradoxerweise sagen die Geisteswissenschaften dasselbe, werden aber von den Naturwissenschaften mit der Behauptung konfrontiert, sie erfänden nur eine Wirklichkeit, um sie zu bearbeiten. Die Geisteswissenschaften wollen ihrerseits nicht nachstehen, sondern verblüffen mit der Aussage, dass nicht wirklich sei, was wirklich erscheine.

Das erbost nun jeden Naturwissenschaftler, obwohl er für sich selbst nicht ausschließen kann, dass er die Geisteswissenschaften benötigt, um überhaupt den Sinn seines Erforschens der Wirklichkeit zu erklären. Wie soll man aber die Kohärenz in allem erkennen, wenn man nur das Zerlegen gelernt hat?

Denken und Handeln sind die geläufigen Werkzeuge der Erkenntnis, die stets an Grenzen stößt, weil sie dem Fühlen, der Ahnung, dem Ungewissen und Ungefähren, das sich unfertig mitteilt und keine Formung hat und bereit ist, ungesichert zu bleiben, keine Berechtigung zubilligen will. Für das Unfassbare, für das normativ nicht zu Ordnende, haben wir keine Sprache. Wir könnten es Platz nehmen lassen, neben unseren Gedanken in der Hoffnung, dass es bereit ist, etwas Entscheidendes mitzuteilen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski