Einen freien Willen gebe es nicht, behauptet der Wissenschaftler Yuval Noah Harari. Was er meint, so wird aus seinen Darstellungen deutlich, ist nicht der freie Wille an sich, verantwortlich diese oder jene Entscheidung zu treffen, sondern der Grund des Willens. Das hat mit der Freiheit zu tun, einen freien Willen überhaupt zu entwickeln.
Dieser Gedanke ist so einleuchtend, dass man ihm, sobald man ihn hört, verfällt. Uns Menschen ist daran gelegen, den eigenen Willen zum Ausdruck zu bringen, aber dann, wenn die Konsequenzen der Willensäußerung nicht so ausfallen, wie wir es erhofften, die Möglichkeit einer Entschuldung zu nutzen.
„Die Gedanken sind frei …“ so heißt es doch so schön in einem Lied. Freiheit ist ein Zauberwort, dass die Erlösung verspricht aus dem engen Korsett der täglichen Abhängigkeiten. Ist dies Illusion? Ich glaube das nicht und stimme dem Wissenschaftlich Harari daher nicht zu. Es mag sein, dass die Komponente der Freiheit, die einen freien Willen erzeugen können, sehr eingeschränkt sind, aber sie beruhen nicht wie zum Beispiel bei einem Computer auf einer Rechenleistung. Die Bestimmungsmerkmale des Menschen sind nicht algorithmisch erfasst.
Zwischen den zweifellos vorhandenen Faktoren, die genetisch, umweltbedingt und situativ sein mögen, ergeben sich Nuancen, die spielerisch und nicht prognostizierbar auf Situationen reagieren. Das entkleidet den freien Willen nicht seiner Verantwortung, verdeutlicht aber die Zufälligkeit, auf dem dieser beruht. Der freie Wille oszilliert wie in einer Röhre und verändert – um im Bild zu bleiben – stets seine Farbe, kann aber seinen Sinn und seine Ursachen selbst nicht ermessen. Nie vermögen wir Menschen die Freiheit unseres Willens, der uns zum Handeln bestimmt, jemals festzustellen. Deshalb sollten wir stets die Wirkung unseres Tuns mit einkalkulieren.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski