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Selbstsuggestion

Alles ist ungerecht, die Politiker unfähig und die Wirtschaft korrupt. So will ich es auf den Punkt bringen. Der Mensch äußert seine Überzeugung, dass es ihm noch niemals so schlecht gegangen ist, wie jetzt, er auch keine Hoffnungen auf Besserung sieht und deshalb irgendjemand kräftig aufräumen müsse. Worauf beruht nun diese Erkenntnis, die viele Bürger heutzutage so kraftvoll äußern? Beruht sie auf eigenen Recherchen, ist sie faktenbegründet oder hat sie sich auf Erfahrungen basierend auch bewahrheitet?

Da habe ich meine Zweifel. Zugegeben, die Medien strotzen von Vorwürfen gegen Politiker, Wirtschaftsführer, überhaupt alle, die im öffentlichen Raum irgendein Mandat innehaben. Diese Form des „Aufmischens“ der Meinungen im öffentlichen Raum ist medienimmanent und grundsätzlich auch gerechtfertigt, um Aufmerksamkeiten zu binden und schließlich auch eigene Geschäfte damit zu machen.

Weil jeder Mensch auf seine Vorteile aus ist, liegt es nahe zu unterstellen, dass ein Mensch, auch wenn er mit Anderen Bürger eines gemeinsamen Staates ist, alle Äußerungen über diese politischen und gesellschaftlichen Einrichtungen für vertretbar hält, die ihm argumentativ oder materiell nützlich erscheinen. Es geht im Leben um Aufmerksamkeit und Wahrnehmung.

Viele recherchierte Behauptungen im öffentlichen Raum stellen sich im Falle einer Überprüfung als nicht kongruent mit der Wirklichkeit dar. Allerdings sind die Ergebnisse von Überprüfungen kaum geeignet, einen Sinneswandel bei den potentiell auf Korrekturen angesprochenen Menschen zu bewirken. Warum nicht?

Ich denke, dass der Mensch die eigenen Möglichkeiten nutzt, Informationen, die er aus unterschiedlichen Quellen erhält, derart zu melangieren und schließlich in seiner Überzeugung so zu verfestigen, dass er von deren Wahrheit auch dann überzeugt ist, wenn alle Fakten dagegensprechen sollten und andere Menschen denselben zu beurteilenden Sachverhalt in ihrer Mehrheit komplett anderes wahrnehmen.

Die durch Selbstsuggestion erworbenen Erkenntnisse manifestieren sich zum Programm des eigenen Egos. Dies verträgt sich mit dem Paradoxon, dass viele von der Schlechtigkeit dieser Welt überzeugten Menschen zustimmen, dass sie zwar in Deutschland im besten Land der Welt leben, ihrer Zustimmung jedoch stets ein zur Bekenntnis relativierendes „Aber …“ beifügen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski