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Manieren

Noch habe ich das im Ohr: „Was bist du nur für ein ungezogener Bengel, hast du denn überhaupt keine Manieren!“ Oder auch: „Haben deine Eltern dir denn überhaupt keine Manieren beigebracht!“ Manieren? Welch seltsames Wort, aber als Kinder wussten wir genau, was damit gemeint war. Manieren bezeichnete das allgemeine Verständnis zu wissen, was sich gehört oder nicht gehört und entsprechend auch zu handeln. Der Begriff stammt aus dem Französischen. Er umfasst den gesamten Bereich einer Ordnung, die als allgemeinverbindlich angesehen wird, und zwar obwohl dies nirgends schriftlich verzeichnet ist.

Manieren wurden früher dem Kind beigebracht, d. h. es lernte die Regeln, die als selbstverständlich dafür angesehen wurden, dass sich der Mensch durch sein Leben navigieren sollte, ohne ständig mit dem Verhalten und den Ansprüchen anderer Menschen in Konflikt zu geraten. Ein Kind wusste, ob und wann es sich nicht manierlich verhält und versuchte dies möglichst zu vermeiden, es sei denn, dass es sich gerade bewusst und absichtlich unmanierlich verhielt, um Reaktionen der Erwachsenen zu provozieren.

Heute sind diese fast altertümlich anmutenden Begriffe kaum mehr gebräuchlich, aber der Sinn, der dahintersteht, ist weiterhin aktuell. Jeder Mensch muss wissen, was er darf und was er vermeiden muss, um ein einvernehmliches Zusammenleben mit anderen Menschen zu gewährleisten. Besteht dieses allgemeine Verständnis nicht und wird dies bei der Entwicklung von Kindern vernachlässigt, besteht die Gefahr, dass bei fehlender Kenntnis der Regeln der junge Mensch mit Verhaltensweisen anderer Menschen konfrontiert wird, die er nicht einordnen kann und sich dann entweder irritiert zurückzieht oder mit Aggressivität reagiert.

Diese Radikalisierung von Verhaltensweisen nehme ich wahr. Unhöflichkeit und Wut sind aber taktisch völlig ungeeignete Verhaltensweisen, um die Förderung des eigenen Anliegens und inhaltsbezogene Gespräche zu erreichen. Sie offenbaren vielmehr die Unfähigkeit, Ziele zwar beharrlich, aber auch unter Wahrnehmung eigener Grenzen zu verfolgen und einvernehmlich zum Erfolg zu gelangen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wut

Wut klebt heute an Bürgern wie Gesinnungsabzeichen. Wut reklamiert derjenige als Antriebsaggregat, der für Pegida oder die AfD auf die Straße geht genauso, wie derjenige, der skandaliert, dass jemand die AfD wählt. Beide werden neudeutsch als Wutbürger bezeichnet. Sie verbindet, dass sie beide einen Gegner haben, und zwar jeweils den Anderen. Sie vereint auch, grob gesagt, der gleiche Sachverhalt.

Wutbürger 1 meint, dass sein Deutschland bis auf feine Nuancierungen frei zu bleiben hat von fremden Einflüssen. Er nennt dies Werterhaltung. Wutbürger 2 meint, dass sein Deutschland dadurch bereichert wird, wenn andere zu uns kommen, auch er will Deutschland mit allen Regeln und Gesetzen erhalten. Er setzt auch darauf, dass Zuwanderer eine sinnvolle wirtschaftliche Investition in unsere deutsche Zukunft sind.

Dies sieht der Wutbürger 1 anders. Er befürchtet, das Sozialschmarotzertum derjenigen, die zu uns kommen und dass die Sicherheit schwindet. Dies sowohl wirtschaftlich, was Arbeitsplätze und die Rente anbetrifft, aber auch im Sicherheitsbereich mangels sozialer Angepasstheit und religiöser Einmischung. Wutbürger 2 will ebenfalls, dass der säkulare Staat nicht in Frage steht und betrachtet im Übrigen unseren Rechtsstaat als stark genug, um Integrationsprozesse zu steuern und Übergriffe abzuwehren. Er wirft dem Wutbürger 1 vor, kein Vertrauen in unsere Demokratie zu haben und dem selbstverständlichen Schutzversprechen des Staats gegenüber allen Bürgern. Wutbürger 2 will im Verhalten des Wutbürgers 1 ein komfortorientiertes egozentrisches Verhalten erkennen. Wutbürger 1 wirft dasselbe dem Wutbürger 2 vor, bescheinigt ihm zudem Blindheit und soziale Arroganz.

Urteile und Vorurteile wechseln wie im Ping-Pong-Spiel die Seiten, auch darin sind sich beide Wutbürger einig. Der Schiedsrichter lügt, also „Lügenpresse, Lügenpresse“. Falschberichterstattung und Fehlinformationen zum Überdruss. Die sozialen Netzwerke, deren sie sich beide bedienen, die lügen aber nach ihrer Auffassung nicht. Sie geben ja ihre ins Netz gestellte Meinung wieder und die beruht auf Tatsachen, ist also richtig. Damit das Werk gut gelingen möge, sind beide Bürger mit Emotionen ausgestattet, die den Durchbruch ihres enormen Wissens über Fakten und Sinnzusammenhänge hinaus erst ermöglichen. Am Anfang war das Wort, hier nationalkonservativ, dort gutmenschlich, dann folgten Gesten, dann Waffen. Irgendwann stimmen wir dann das alternative Deutschlandlied an. „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, Deutschland, armes Vaterland…“

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski