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Denkmal

Es erklingt der Zapfenstreich. Die Denkmäler sollen heim ins Reich ihrer fragwürdigen und niederträchtigen Vorbilder. Denkmäler werden geschleift, geschreddert, gevierteilt und gerädert. Mit ihnen soll geschehen, was man an denjenigen, die sie verkörpern, nicht mehr vollziehen kann. Die Jagdzeit für Denkmäler ist wiedereröffnet. Auch derzeit in den USA.

Alle Denkmäler stehen zur Disposition, sogar die der Gründerväter Washington und Jefferson. Nicht erst seit der französischen Revolution weiß man, dass jeder noch so bedeutende Mensch Dreck am Stecken hat oder haben könnte. Die kollektive Beseitigung von Störendem hat epidemischen Charakter. Was in den USA derzeit an Fahrt aufnimmt, greift auch über auf Frankreich und Deutschland. Weg mit Napoleon, den Kaiser- oder Bismarckdenkmälern! Schaffen wir uns aus den Augen, was uns stört!

Ja, darum geht es: Störendes soll beseitigt werden. Wir wollen uns nicht mehr daran erinnern lassen, was gewesen ist und uns nicht unserer Geschichte stellen. Denkmäler sind nicht nur Heroisierungen von Personen und Ereignissen. Denkmäler fordern zur Auseinandersetzung auf. Sie machen uns bewusst, dass sich unser Leben unter Irrungen und Wirrungen, aber auch in der Erkenntnis des Richtigen vollzieht. Diejenigen, die auf dem Sockel stehen, sind wie wir. Indem wir sie stürzen wollen, beabsichtigen wir auch, unsere eigene kollektive Verantwortung zu beseitigen.

Wir schulden es uns und künftigen Generationen daher, Denkmäler zu erhalten und dabei den Entwicklungsprozess zu verdeutlichen, den wir als Menschen notwendigerweise durchstehen müssen, um die gleichen Fehler nicht immer wieder zu begehen. Ist das Halali auf Denkmäler einmal eröffnet, gibt es kein Halten mehr. Je nach Macht und Möglichkeit werden gerade dann auch die Denkmäler beseitigt und Straßennamen überschrieben, deren Erhalt für eine verantwortungsvolle Gesellschaft unverzichtbar sind.

Was in den USA Projektionsflächen für tiefgreifende gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit Toten und Verletzten bietet, wird auch auf Europa überschwappen und uns sprachlos werden lassen, wenn wir nicht jetzt einen eindeutigen Standpunkt beziehen. Denkmäler fordern uns auf zum Denken. Wir dürfen das Denken nicht verlernen, weil es keinen Gegenstand sonst mehr gibt, der das Denken auslösen kann.

Nach dem Bildersturm ist in Russland auch wieder Ruhe eingekehrt. Unweit des Flughafens in Petersburg steht ein Lenin, der bei längerer Beobachtung zu tanzen scheint. Der Künstler, der diese Skulptur schuf, vermittelte uns mit seinem Werk auch eine Botschaft, die den Auftraggebern überhaupt nicht passte. Schauen wir uns Denkmäler in der Zukunft genauer an. Vielleicht lernen wir mehr von ihnen als wir ahnen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski