Schlagwort-Archive: Zeitgeschehen

Zeitgeist

Was, bitte schön, ist eigentlich der Zeitgeist?
Ein Geist, der aus der Flasche gekrochen ist und dann, wenn seine Zeit abgelaufen ist, wieder dorthin zurückkehrt?

Aber welche Zeit hat er, um sich hier auszutoben?
Seine Zeit, unsere Zeit, wie sieht die Zeit eines Geistes aus?
Und vor allem: Wo tobt er sich aus und warum?
Wer hat ihn gerufen?
Wer hat die Flasche entkorkt?
Warum mischt er sich ein und macht uns alle verrückt?

Der Zeitgeist.

Natürlich könnte das mit dem Zeitgeist auch ein Missverständnis sein.
Nicht gemeint sein könnte, dass es sich um einen Geist handelt. Es könnte auch sein, dass wir der Geist sind, der in der Zeit, also unserer Zeit aufscheint.

Welchen Geist haben wir denn, den wir zur Verfügung stellen?
Den Geist aller unserer Philosophen, unserer Politiker, unserer Schriftsteller und Liedersinger?
Den Geist des Fernsehens und Rundfunks, der Medien überhaupt?

Wir ahnen schon, dass wir uns dem Kern der Frage nähern. Aber offensichtlich ist das nicht, sondern eher im Hintergrund lauert einer, der die Strippen zieht. Der Geist. Schon außergewöhnlich in einer Welt, wo alles erklärbar scheint, selbst Gott zuweilen ein Sektendasein führt. Und doch waltet da einer, den wir uns und anderen Menschen nicht erklären können. Wir nennen ihn daher den Zeitgeist. Der Zeitgeist verfügt über eine unbegrenzte Macht, unser Leben zu gestalten, andererseits ist er auch nur so etwas Ähnliches wie ein Archivar. Er deutet nichts, hat aber dennoch die wesentlichen Attribute von „hier und jetzt“ an sich geheftet. Eigentlich lebt der Zeitgeist nicht aus sich selbst heraus, sondern entsteht dadurch, dass wir ihn so benennen. Aber auch das ist nicht eindeutig, sondern jeder hat seinen eigenen Zeitgeist, den er ruft. Dabei gefällt er nur wenigen. Die üblichen Ausrufe sind: „Das ist eben der Zeitgeist“ und „Das ist dem Zeitgeist geschuldet!“ Diejenigen, die so argumentieren und lamentieren, wissen oft selbst nicht, was sich dahinter verbirgt, außer ihrem Gefühl unverrückbarer Prinzipien, die für die einen objektiv bestimmbar sind, für die anderen nur magere Anhaltspunkte ausweisen. Der Zeitgeist ist das Unbenennbare, welches über allem schwebt. Das Gefühl von Behagen oder Unbehagen, die ungesicherte Verankerung in der Vergangenheit, damit Zukunft gelingt. Zeitgeist ist nichts und alles. Zeitgeist hat pascalsche Dimensionen, ist ein brodelnder Ozean an Möglichkeiten, ein Rückzugplatz für verpasste Gelegenheiten, eine Herausforderung, Neues zu schaffen oder den Zeitgeist selbst zu überwinden, ihn niederzuringen und in die Flasche zurückzustopfen, woher er kam. Das verschafft eine Pause zum Durchatmen bis zur nächsten Unvorsichtigkeit. Ein Geist wartet auf die nächstbeste Gelegenheit.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski