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Genau

Wer kann mir erklären, was „genau“ ist? Die Impulse der Weltzeituhr? Und was teilt sie mir genau mit? Dass die implantierten Algorithmen exakt das erwartete Ergebnis bringen? Das ist erwartbar? Und was erwarten wir so von der Genauigkeit im Alltag? Dass Schichtsirenen oder Kirchenglocken punkt 12.00 Uhr aufheulen bzw. läuten, um die gedachte Hälfte des Tages anzuzeigen?

Aber, was ist dann schon genau? Manchmal geschieht dies etwas vor 12.00 Uhr, das andere Mal mit einer bestimmten Zeitverzögerung, die vielleicht der Mechanik geschuldet ist. In der Realität können wir es mit der Genauigkeit nicht so genau nehmen. Wahrscheinlich haben wir uns daher menschenweit, zumindest in Deutschland, verabredet, fast jeden Satz mit dem Schlusspunkt: genau! zu versehen.

Was ist das für eine Genauigkeit, die wir damit meinen? Ist es eine Form der Bekräftigung oder die Hoffnung, dass das auf die Reise geschickte Argument verstanden wird? Genau dies ist für mich völlig unklar. In einer Welt, wo fast alles ungefähr ist, bis auf vielleicht die Algorithmen, erscheint mir „genau“ wie eine Hilferuf, ein Strohhalm, an dem ich mich klammern kann, wissend, dass ich selbst nichts weiß und ich meine Unwissenheit dadurch mit anderen teile, dass ich diese mit „genau“ bekräftige.

Genau ist die Schwester von „alles klar“. Mit beiden Begriffen vermag ich die Lästigkeit des Verstehens abzuwimmeln, halte Nachfragen für überflüssig, fördere das Vergessen oder ermögliche inhaltsleere Tweets, Blogs oder Whats-App-Nachrichten. Was auch immer.

Mit ´genau´ und ´alles klar´ verlasse ich behänd irgendeine Aussage und eile zur nächsten, um schließlich völlig unbelastet das zu denken, zu machen oder zu fühlen, was mich eigentlich jenseits aller Genauigkeit und jenseits von Klarheit umtreibt. Ich bin wieder frei, zumindest bis zur nächsten Herausforderung. Genau. Alles klar? Hm.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski