Schlagwort-Archive: Zukunftsoptimismus

Abstiegsangst

Im öffentlichen Raum ist in jüngster Zeit besonders oft von Abstiegsängsten die Rede, von Menschen, die abgekoppelt werden und deren Sorgen man nicht ernst nähme. Diese Begrifflichkeiten sind nicht die Erfindungen derjenigen, die es betreffen könnte, sondern die Wortwahl derjenigen, die hieraus politisches Kapital schlagen wollen. Sei´s drum. Populisten haben stets Konjunktur und diejenigen, die verstehen wollen, worum es geht, sind eher selten.

Ängste, also auch Abstiegsängste, sind begreifbar, weil sie zu unserer vernünftigen menschlichen Grundausstattung gehören. Auch diejenigen, die Abstiegsängste haben, sind nicht abgehängte und sorgengeplagte Menschen, sondern solche, die ein Gespür dafür haben, dass das Vorhandene nicht ewig währt. Sie stemmen sich zum einen gegen die Erkenntnis, zum anderen aber vertrauen sie sich der Masse an, um ein Mittel zu finden, ihre Ängste zu dämpfen.

Menschen, die von Abstiegsängsten sprechen, haben trotz geordneten Lebens und Arbeit ihren Zukunftsoptimismus verloren. Mag auch der sichere Arbeitsplatz für sie noch bestehen, verlieren sie doch das Vertrauen darauf, dass auch ihr Alter noch gesichert ist. Immer, wenn sie sich anschicken wollen, sich wieder in der Gegenwart verlässlich einzurichten, wird ihnen im öffentlichen Raum jedes Vertrauen darauf entzogen. Sie sollen vertrauen, doch das Echo aus dem öffentlichen Raum lautet: Du kannst auf nichts vertrauen. Du kannst auf die Beständigkeit deiner Arbeit nicht vertrauen, nicht auf das Klima, nicht auf das Geschaffene und Erreichte, nicht auf das Ersparte, nicht darauf, dass du in Ruhe in deiner Welt leben kannst.

Wenn keine verlässlichen Angebote mehr gemacht werden, wie soll man dann mit seinen Ängsten umgehen? Wenn man als abgekoppelt oder als arm bezeichnet wird, wie soll man denn dann den Stolz auf das Erreichte noch behaupten? So, wie man in den Raum hineinruft, schallt es zurück. Es zeugt von verheerender Arroganz, jeden Menschen nicht als selbstbewusstes Wesen mit verantwortlichem Sinn wahrzunehmen, sondern in Gruppen oder Kategorien einzuordnen. Tut er es selbst, stellt er bei fehlender Spiegelung schnell fest, ob er dahingehört, wo er temporär untergekommen zu sein scheint.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski