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Philanthropische Richtungszeichen in der Gesundheitsfürsorge

Am Beispiel der weit aufgefächerten Gesundheitsdiskussion lässt sich sehr anschaulich machen, zu welchen Verwerfungen eine nicht adäquat geführte Regelungsdebatte führen kann. Es ist von der Solidargemeinschaft die Rede, von Selbstverantwortlichkeit, von Behandlungsrichtlinien und dergleichen mehr. Kleinste Abstimmungsthematiken werden als  Visionen  benannt  und  dienen  doch  nur  als  Stellschrauben  für Versicherungsregelwerke und Behördenkompetenzen. Eine Gesundheitsfürsorge, die den verantwortlichen Menschen im Auge hat, müsste sich zunächst einmal die Frage stellen, ob  und  warum  der  Einzelne  überhaupt  die  Wohltaten  der  Gesellschaft  im gesundheitlichen Bereich entgegennehmen will und darf. Alles, was mir als Patient angeboten wird, hat auch damit zu tun, dass man mir etwas nimmt. Man nimmt mir nicht nur Geld, sondern auch Entscheidungskompetenz und schränkt meine Möglichkeiten, selbstverantwortlich mein Leben zu gestalten, ein. Andererseits ist es sehr gewagt, darauf abzustellen, dass es eine Solidargemeinschaft gebe und diese sozusagen verpflichtet sei, für andere einzustehen. Dies zumal dann, wenn der potenzielle Zuwendungsempfänger durch seine  Lebensweise  nichts  oder  nur  wenig  zu  seiner  Gesunderhaltung  beiträgt. Zudem soll es noch gerecht zugehen. Aus der Sicht eines Zuwendungsempfängers mag das gegebenenfalls noch angehen, weil er eigensüchtig, wie alle Menschen nun einmal sind,  bedenkt,  dass  es  doch  ganz  prima  sei,  wenn  ihn  die  Zuwendung  nichts  koste. Andere Mitglieder unserer Gemeinschaft sehen dies durchaus kritisch und sagen sich, wenn wir schon dafür einstehen müssen, dann wollen wir unsere Leistungen doch zumindest beschränken und kontrollieren. Eigennützig, wie diejenigen, die zur Kasse gebeten werden, nun einmal auch sind, begeben sie sich in einen Wettbewerb zu den Zuwendungsempfängern.  Erkennt  aber  der  Eigennützige  den  Fremdnutzen  des Bemühens, wird er, und zwar jeder aus seiner Perspektive, alles dafür tun, dass das Gesundheitsmodell erfolgreich ist. Krankheit ist keine Katastrophe. Es ist etwas völlig Normales und gibt sogar unserer Gesellschaft eine Chance zur Neubewertung unserer Lebenseinstellung.

Im Ndlovu Medical Center des Arztes Dr. Hugo Tempelman in Elandsdoorn (Südafrika) habe ich mit Verwunderung erfahren, dass unser gängiger Aids-Slogan „Gib Aids keine Chance“ dahingehend abgewandelt worden ist, dass „Aids Deine Chance“! Was bedeutet das? Es ist immer eine Frage unserer Bewertung, ob etwas funktioniert, erfolgreich ist oder  nicht.  Der Aidskranke  in  Südafrika  erlebt  nicht  nur  seine  Wiedergesundung auf einem bestimmten Niveau als persönliches Glück, sondern weiß auch, dass seine Arbeitskraft der Wirtschaft nicht verloren geht und dass er darüber hinaus oft in sozialen Projekten nach seiner Wiedergesundung weitaus erfolgreicher tätig ist, als er dies zuvor in seinem Leben eingeplant hatte. Erfolgreich ist, was wir bewerten. Wir müssen lernen, aus der Gesundheitsvorsorge Nutzen zu ziehen, und zwar in der Form eines offenen Marktes. Richtlinien helfen uns überhaupt nicht weiter, wenn es richtig ist, was ich erst kürzlich erfuhr, dass künftig genotypische Behandlungsformen unsere Krankheitsversorgung bestimmen     werden,     d. h.     nur     eine     sehr     persönliche Behandlungsform Erfolg zu versprechen vermag.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski