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Mühsal ● Leben

Der Eindruck mag täuschen, aber es scheint mir, dass wenige Menschen ihr Leben positiv einschätzen. Antworte ich auf Nachfrage, dass es mir blendend gehe, stößt diese Antwort meist auf Skepsis, man misstraut mir. „Normal“ ist eine akzeptable Antwort, aber viele Menschen ziehen es vor, auf eine Nachfrage hin lieber über ihr Leben zu klagen, seien es körperliche Unzulänglichkeiten oder organisatorische Schwierigkeiten. Die dabei zum Ausdruck gebrachte Überforderung signalisiert offenbar den Normalzustand. Und trotzdem müssen wir leben bzw. dürfen wir leben und wollen auch Leben um jeden Preis. Der Preis ist hoch angesichts unseres Konsums an Alkohol, Zigaretten oder Drogen. Der Preis ist aber auch bei denen hoch, die sich versuchen, fit zu halten durch Sport, Askese oder Meditation und dabei übertreiben. Kein Mensch weiß, ob seine Rechnung wirklich aufgeht.

Was ist denn so schwer am Leben? Vielleicht die Einsamkeit, die jeder spürt, auch wenn er umgeben ist von Freunden und Familie. Jeder Mensch weiß von Tod, Krieg und Chaos, den täglichen Mühen, wirtschaftlichen Einschränkungen und Gängelungen durch Behörden und anderen staatlichen Einrichtungen. Das Leben als Missverständnis im Spannungsfeld zwischen hohen Erwartungen und Mittelmäßigkeit. Und dann die Anstrengung, das stete Bemühen, etwas zu erreichen, das Glück verheißt, aber dennoch auf Distanz bleibt.

Trotz dieser ganzen Last, das Leben ist schön! Schön am Leben ist zunächst die Möglichkeit, uns zu bewähren, zu lernen und zu reifen an der Familie und der Gesellschaft. Das Leben ist voller Überraschungen, schafft Begegnungen mit anderen Menschen, stellt uns Aufgaben und gewährt uns Erfolge. In der Selbstausbildung werden wir uns des Lebens bewusst, seiner Schönheit, das durch Jahreszeiten bestimmte Erleben der Natur und die steten Entwicklungen neuen Lebens. Das Schöne am Leben ist auch die Liebe, die uns zugeteilt wird, die wir auch anderen zukommen lassen können.

Wenn wir abzuwägen hätten zwischen dem Mühsal des Lebens und der Güte des Lebens, bleiben uns die schönen Momente gegenwärtig. Wir sind ja auf die Welt gekommen, um für immer zu bleiben. Als Erfahrung für andere Menschen, in deren Erinnerung durch das, was wir bewirkt haben oder einfach durch unser Dagewesensein. Allein der Umstand des Daseins macht das Leben eines jeden Menschen so wertvoll. Deshalb haben wir allen Grund, jeden Menschen für seine Anwesenheit, sein Leben zu danken.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski