Streit

Konflikte, Auseinandersetzungen und Streit sind gängige Erfahrungen von Menschen, welche durch ihre Ansprüche, Interessen, verfestigte Ansichten, Sorgen und Meinungsverschiedenheiten befördert und gespeist werden. Streit wird zwar einerseits als Belastung und Stress, andererseits aber auch als Befreiung empfunden. Wie ist es also um die Produktivkräfte des Streits bestellt?

Streit kann zuweilen in der Lage sein, neue Sichtweisen zu öffnen, Kräfte energetisch freizusetzen und ist daher unverzichtbar für persönliche menschliche Klärungsprozesse und auch das Gelingen unserer Gesellschaft.

Um dies im allgemeinen Kontext zu verdeutlichen, wähle ich das einschneidendste gesellschaftliche Streitthema, und zwar den Krieg. Gäbe es keine Konflikte mehr unter den Staaten und damit auch keine Möglichkeit des Krieges mehr, erschiene dies zunächst als sehr verlockend, könnte aber auch weltweit erheblich zu Einschränkungen von Wirtschaftsleistungen und damit zur Reduzierung des Bruttosozialprodukts von Staaten beitragen. Wir wissen, dass die Waffen, die für kriegerische Auseinandersetzungen benötigt werden, angeblich einen erheblichen und teilweise unverzichtbaren Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung leisten. So kann man dem Streit auch einen wirtschaftlich produktiven Vorteil – zumindest auf Zeit – beimessen, wie zuweilen behauptet wird. Zudem weisen Streitereien oft auch einen kathartischen Effekt auf, der sich in wohltuender Erschöpfung frei nach Hamlet zu äußern vermag: „When they all are crying, dying and dead don’t you like it like that.“ So wohnt dem Streit nicht nur ein sich selbst erschöpfendes Moment in Erwartung seines Endes inne, sondern enthält auch reinigende Tatbestände, schärft die Sinne, stärkt die Leistungsfähigkeit und sprengt auch die Grenzen des emotional Möglichen.

Das ist das Eine, das Andere ist natürlich die zerstörerische Kraft des Streits, der psychische und physische Verwüstungen hervorzurufen und zu hinterlassen vermag. Da jedem Menschen ein Lebensversprechen zu seiner körperlichen Unversehrtheit bei der Geburt zuteil wurde, ist jeder Streit, der die Menschenwürde infrage stellt, in keiner Weise, also auch nicht durch wirtschaftliche und angebliche zivilisatorische Fortschritte zu rechtfertigen. Niemals dürfen wir die Verantwortlichkeit für unser Handeln mit der Behauptung des Angegriffenseins in Frage stellen.

Als Mitwirkender an einem Streit sind wir immer Opfer und Täter zugleich.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski