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Kids on demand

Kids on demand klingt verlockend. Ich besorge mir mein Kind, wenn mir die Umstände dafür geeignet erscheinen. Fachmännisch wird dieser Vorgang auch „Social Freezing“ genannt. Es klingt zwar stark nach Erfrorenem, meint aber Eizellen unter Opportunitätsgesichtspunkten solange einzufrieren, bis für die austragende Mutter der genehme Empfängniskorridor freigeräumt ist.

Berufliche und familiäre Einschränkungen sind dann beseitigt und Altersbeschränkungen aufgehoben. Es gibt ja schon über 60jährige Frauen, die Babys austragen. Wenn wir ohnehin alle älter werden, warum dann nicht irgendwann Mutter mit 90 oder 100. Alles ist möglich und wir führen Regie.

Sehen wir einmal von den religiösen Einschränkungen dieser  Allmachtsfantasien ab, müssen wir gleichwohl diesen Kindererzeugungsprozess unter individuellen und sozialen Gesichtspunkten betrachten. Wenn der opportune Kinderkanal freigemacht wird, wer glaubt dann eigentlich noch an eine persönliche Verfügungsmacht über Eizellen und Körper. Es wird die politische Kontrolle und diejenige der Arbeitgeber geben, die es allenfalls frühverrenteten Frau gestattet werden, ein Kind auszutragen.

Auf das Timing kommt es an. Nicht mehr die individuelle Entscheidung, sondern der soziale Konsens bestimmt darüber, wann welche Kinder auf die Welt kommen. Wer Vater ist, bestimmt dann auch nicht mehr der erregte Zustand, sondern Kalkül. Dynastien können geplant werden. Aber, kann man sich Kinder wie Welpen anschaffen? Sie sind keine rührenden Alterserrungenschaften. Sie sind weder Statussymbole, noch allein gesellschaftliche Notwendigkeiten.

Kinder sind originäre Menschen des Zufalls mit Insignien eines wunderbaren, würdevollen und langen Lebens. Wenn dies mangels gemeinschaftlicher elterlicher Orientierung, die durch Zuneigung und Liebe begründet ist, nicht gewährleistet sein kann, dann ist auch die Zeugung selbst entbehrlich. Was technisch geht, ist menschlich höchst problematisch, weil es die Selbstdefinition des würdigen Menschen in Frage stelle.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Krieg und Frieden (Teil 2)

Aus diesen Gründen würde der Mensch den Krieg nicht ab- schaffen. Er ist als globales Steuerungsinstrument viel zu wichtig. Deshalb sind auch seine Friedensbeteuerungen be- denklich. Die Masse geht auf die Straße und ruft „no war“. Das kann inbrünstig gemeint sein, zeigt aber nur die Attitüde: Der Mensch möchte mit dem Krieg nichts zu tun haben, weil er ihn aus den angeführten Gründen nicht für richtig hält. Die grundsätzliche Verweigerung des Krieges aus Gewissensgründen ist selten und offensichtlich kaum zu rechtfertigen. Du sollst nicht töten ist ein sehr wenig geachtetes Gebot, obwohl sich um dessen Einhaltung viele Theologen und ethisch orientierte Menschen verdient machen. Der Mensch ist allerdings weit davon entfernt dieses Gebot zu beherzigen; aber wir sind nicht auf die Welt gekommen, um von anderen wieder getötet zu werden.

Als meine Tochter anlässlich einer Friedensdemonstration in ihrem Kinderwagen forderte: „Ich will Krieg“, schauten viele Demonstranten so böse, dass ich mit der Verräterin sofort verschwand. Wir lachten uns ins Fäustchen und besuchten erleichtert eine Pizzeria. Wir mussten nicht mehr an der Demonstration teilnehmen. Es ist manchmal schwer, ein guter Mensch zu sein. Alle Friedensdemonstrationen meiner Jugend endeten – nachdem man sich das Tränengas aus dem Gesicht gewischt hatte – bei dem „Kommissar“, einem Topf Spaghetti Napoli und algerischem Rotwein. Sozusagen gab es die Kampfausrüstung, das Friedens-Set und das Après- Demonstrations-Equipment. Es liegt mir fern, mich darüber nur lustig zu machen. Alles hat seinen sozialen Sinn. Das Gemeinschaftsgefühl ist ungeheuer warm und die Antikriegsüberzeugung legitim. Es kämpft der Falsche gegen den Falschen und das muss doch gesagt werden. Niemals sind wir auf den Gedanken gekommen, dass der Krieg insgesamt ein wenig probates Mittel der Daseinsbewältigung ist. Die Freiheitskämpfe der unterdrückten Völker von Mozambique bis Palästina sind doch immer gerechtfertigt, oder?!

Wir haben spezielle Kriterien für Krieg. Wir knüpfen Kriege stets an Bedingungen. Diese werden von denjenigen erfüllt, denen unsere Sympathien gelten, von den anderen nicht. Amerikaner sind dabei meist unsympathisch. Nur im Zweiten Weltkrieg kamen sie recht gut weg. Sie haben medial übertrieben und das hängt ihnen heute noch nach. In gewisser Hinsicht war schon der Zweite Weltkrieg ein Kreuzzug gegen die Deutschen. So fühlen wir und sagen anderes. Die Amerikaner haben ihre Heiligen Kriege gegen das Böse in dieser Welt nie beendet. Sie sind sozusagen prädestiniert dafür, dieses zu bekämpfen. Vielleicht mögen wir das nicht, weil wir selbst besser wären. Wir, die Deutschen, haben keinen Grund, uns an den Amerikanern zu messen. Aber das spezielle amerikanische Gutgefühl verträgt sich nicht mit unserem. Eigentlich wollen wir besser sein als die Amerikaner und ziehen in den Krieg gegen ihre Kriege. Aber warum? Kein Kriegsgegner zeigt auf, wie er den Krieg tatsächlich vermeiden will. Dies nicht als taktische Handhabung, sondern als innere Einstellung. Kein Krieg bedeutet: Ich kann Krieg als Lösungsmittel in einer entwickelten globalen Gesellschaft nicht mehr akzeptieren. Jeder Wehrkundler würde vorrechnen, dass   eine solche kühne Aussage uns ins Verderben stürzen würde, denn alle Despoten dieser Welt warten schon darauf, dass die einen ihre Wange hinhalten, damit sie auf die andere schlagen können. Kommt es aber darauf an? Wenn wir ‚kriegen‘, kommen wir um. Wenn wir nicht ‚kriegen‘, kommen wir vielleicht auch um aber mit dem Vorteil einer Chance, davonzukommen.

Bei aller Kontroverse: Krieg wird bleiben und zwar deshalb, weil er unseren menschlichen Dispositionen nicht abträglich ist. Wir haben die planvolle Vernichtung unserer Erde zum Ziel. Die Apokalypse ist die traurige Erkenntnis der menschlichen Unfähigkeit, sich selbst zu beherrschen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski