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Vergebung

Auf den Konsum von Nachrichten, Talkshows, Interviews und Einschätzungen zur politischen Lage habe ich in letzter Zeit verzichtet. Der Pegel meiner Aufnahmefähigkeit ist überschritten, auch, wenn ich das Rumoren in der Gesellschaft, die Entwicklungen bei den herrschenden Kriegen und die meisten politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen durchaus mitkriege. Es kann und wird womöglich noch schlimmer kommen, Europa und Asien in weitere Kriege verwickelt bzw. bestehende Auseinandersetzungen und Kriege verstetigt werden. Zu den kriegerischen Auseinandersetzungen gesellen sich die wirtschaftlichen Verwerfungen, schließlich ist sogar ein Zivilisationsbruch möglich, dessen Dimension mit den bisherigen Erfahrungswerten nicht mehr zu messen sein wird. Und doch wird das nicht das Ende sein.

Nach allen Kriegen, ggf. auch zumindest begrenzt atomaren Auseinandersetzungen, Weltwirtschaftskonflikten und sogar unvorstellbaren Metzeleien wird die dann eintretende Erschöpfung die Menschen zwingen, ihre Untaten zu beenden und zu versuchen, eine einigermaßen erfreuliche Lebenssituation in dieser Welt wiederzubeleben.

Zu unserer Lebenszeit werden wir uns wohl kaum wieder vergeben können, aber vielleicht dürfen wir uns doch die Hoffnung erhalten, dass künftige Generationen wieder ausreichend klug sein werden, vernünftig und pragmatisch Orientierungen zu schaffen, die unseren Planeten zumindest noch teilweise bewohnbar bleiben lässt. Dass der Mensch denkt und Gott lenkt, davon kann keine Rede sein, wie Brecht schon wusste, sondern alles, was wir machen, alles, was passiert, ist menschlich, hand made und gefährlich.

Das letzte Wort

Manchmal respektvoll: Er hat das letzte Wort, oder anklagend: Er will immer das letzte Wort haben, begegnen die Menschen diesem letzten Wort mit Ungewissheit. Der, der das letzte Wort hat, bestimmt, wo es langgeht. Der, der als letztes das Wort ergreift, verfügt über die Autorität, das zuvor Gesprochene zu korrigieren oder zu bekräftigen. Er setzt mit seinem letzten Wort den Schlusspunkt. Fast alle Menschen mögen daher das letzte Wort gerne haben. Das letzte Wort bei ehelichen Auseinandersetzungen ist deshalb legendär. Mit der Beschwörung des letzten Wortes wird allerdings dessen Bedeutung nur behauptet aber nicht erklärt. Das letzte Wort ist nicht die mechanische Beendigung eines Gesprächs, sondern ein Wort zur Orientierung jenseits des Disputs. Derjenige, der das letzte Wort ergreift, will nicht die Sprachkombattanten abservieren, sondern ihnen ein Angebot machen, ein Angebot, entweder eine Hilfestellung anzunehmen oder etwas neu zu bedenken. Das letzte Wort ist oft ein Beginn, ein Anfang einer Entwicklung und nicht deren Endpunkt. Im letzten Wort sind die Erkenntnisse verarbeitet, die auf Zuhören und Analysieren basieren. Derjenige, der das letzte Wort ergreift, hat allen Gelegenheit gegeben, zu sagen, was sie zu sagen haben und ihnen auch geduldig zugehört. Er wird nicht sagen, was alle schon gesagt haben und sich somit auch nur auf eine Seite schlagen. Der, der das letzte Wort ergreift, hat etwas zu sagen, auch wenn das Gespräch oder der Disput noch nicht beendet ist. Das letzte Wort wird daher von seiner Bedeutung bestimmt und nicht von seiner Verlautbarung.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski