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Prognosen

Faszinierend ist, dass wir uns gerne mit Erwartungen beschäftigen, die außerhalb unserer Beurteilung liegen müssen, weil wir weder die Kompetenz haben, den Gegenstand unserer Erwartungen richtig einschätzen und beurteilen zu können, noch sicher sind, zu leben, wenn künftig Entwicklungen eintreten, die sich auf den Gegenstand unserer Erwartungen beziehen können. Was legitimiert uns dennoch zu der Kühnheit, jenseits unseres Wahrnehmungshorizontes Prognosen abzugeben? Besitzen wir die Fähigkeit, künftige Entwicklungen zu deuten, indem wir uns das vorhandene Wissen erschließen?

Ausgeschlossen ist dies nicht. Schon vor 2.000 Jahren beschrieb Lukrez die „Natur der Dinge“ so verbindlich, dass wir, wenn wir diese aufgeschlossen lesen, das Maß unseres möglichen Verhaltens erkennen und daraus auch künftige Entwicklungen ableiten könnten. Jede Entwicklung im menschlichen Leben geschieht durch Nachahmung, und zwar angefangen vom Kleinkind bis zur Schaffung von Nationen auf allen Ebenen. Wenn man diesen Effekt auf die Probleme des Klimaschutzes und die Erhaltung unserer Umwelt überträgt, bedeutet dies, dass, wenn ein Mensch sich verpflichtet fühlt, andere Menschen durch sein Handeln anzustiften, Sinnvolles zu tun, sich aufgrund des Nachahmeeffekts diese auch veranlasst sehen, selbst dann mitzumachen, wenn damit für sie Einschränkungen und Verhaltensänderungen verbunden sind.

Da Dank Internet und Social Media die Bereitschaft wächst, andere nachzuahmen, geraten Verhaltensweisen, die auf Abgrenzung und Verweigerung beruhen, ins Hintertreffen. Singuläres Verhalten offenbart Hilflosigkeit und verdeutlicht die Einsamkeit desjenigen Menschen, der sich der Gemeinschaft verweigert. Nur in der Interaktion mit anderen Menschen können wir lernen, die Zukunft für kommende Generationen zu gestalten und zu erhalten, indem wir unsere eigene Handlungsmacht nicht von Attributen, wie zum Beispiel Geld und persönlicher Durchsetzungskraft ableiten, sondern von der durch Nachahmung erworbenen Fähigkeit, Sachverhalte neu einzuschätzen, zu bewerten und Prognosen für sinnvolle Veränderungen abzugeben.

Um dies erfolgreich zu bewerkstelligen, müssen wir erkenntnisfähig sein, bereit sein, eigene Fehler zu korrigieren und statt querzudenken, uns um Wissen bemühen, anstatt andere Menschen mit unserer Meinung zu bedrängen, zuzuhören. Wenn wir dies beherzigen, darf eine Zukunft, die wir weder schon kennen, noch möglicherweise altersbedingt kennen lernen werden, für uns schon jetzt erfahrungsoffen sein. Stärken wir nicht nur unser eigenes Bewusstsein, sondern dasjenige der Gesellschaft insgesamt, damit sie sich aufgrund dieser Wahrnehmung mutvoll und entschlossen, aber auch risikobereit und segensreich für die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder engagiert.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Selbstvergewisserung

Seitdem der Mensch bei sich ein Bewusstsein festgestellt hat, versucht er herauszufinden, was nicht nur die Welt, sondern ihn auch selbst persönlich zusammenhält. Dabei orientiert sich der Mensch in der Regel am Offensichtlichen und verschweigt zum Selbstschutz seiner Persönlichkeit, dass er eigentlich nichts weiß. Wir denken, meinen, fühlen und handeln.

Das Bewusste und das Unbewusste unseres Stammes, geschichtliche Erfahrungen und sonstige Umstände von Zeit und Ort unserer Verwirklichung sind uns gegenwärtig und damit Maßstab unserer Erkenntnis. Von Selbst- und Fremdbestimmtheit ist die Rede, von DNA und Umweltfaktoren, aber zunehmend tun sich auch Einflüsse auf, die jeder kognitiven Wahrnehmung widersprechen.

Wie jedes Lebewesen ist auch der Mensch ein biologisches Gesamtkunstwerk, dass freundliche und feindliche Mikroben miteinschließt. Wir sind deren Wirt und sie unterstützen uns bei der Bewältigung des Lebens oder verhindern ein bestimmtes Handeln, wenn sie damit nicht einverstanden sind. Wir sind in einem steten symbiotischen Austausch mit unseren Mikroben, und zwar nicht nur im Darm, sondern in jedem Bereich unseres menschlichen Körpers. Ohne unsere Mikroben geht nichts, könnten wir uns weder ernähren, noch denken.

Es ist daher naheliegend, nicht nur vom Einfluss dieser Mikroben zu reden, sondern auch von deren Bestimmtheit, wenn es um die Verwirklichung unserer Aufgaben geht. Die DNA unserer Mikroben haben dabei einen starken, ggf. auch bestimmenden Einfluss und unterscheiden dabei nicht nur zwischen sympathisch und unsympathisch, sondern gestalten unser Leben nach ihren Anforderungen mit. Dies gilt auch bei der Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Menschen und ist eine Frage unserer Souveränität, die Entscheidungskompetenz dort zu übernehmen, wo Mikroben ihre Zuständigkeit behaupten. Erst dann, wenn wir Mikroben und Viren als Teil unseres Lebensprozesses anerkennen, sind wir in der Lage, Einfluss auf Bereiche zu nehmen, in denen pathogene Mikroben versuchen, nicht nur unseren Körper, sondern unsere Gesellschaft zu attackieren und ggf. zu zerstören.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Determinante

Was bestimmt uns auf eine bestimmte Art und Weise zu handeln? Allgemein wird dies so beantwortet, dass unser Bewusstsein das Handeln bestimmt. Was allerdings unser Bewusstsein prozessual bedeutet, das wissen wir bis heute nur ansatzweise. In Fachbüchern ist von neuralem Geflimmer die Rede, von historischen Erfahrungen aus der Menschheitsgeschichte, Gefühlen und Ratio. Aber das letzte Wissen von unserem Bewusstsein fehlt, weil unser Bewusstsein eine Projektionsfläche für unser Handeln benötigt, sich also in den Ergebnissen zeigt, aber nicht im ersten logischen Moment.

Unser Bewusstsein offenbart zudem nicht alle Zutaten, die es ausmachen und verschweigt schließlich die Realität. Unser Bewusstsein kann sich in jedem beliebigen Raum verwirklichen. Es beinhaltet einen Moment des menschlichen Urknalls, den ich hier als Determinante bezeichnen möchte.

Wir Menschen machen sinnlose und nutzlose Dinge, mehren Reichtum, wo es nicht nötig ist, zerstören dort, wo wir uns schaden, rüsten auf und quälen und foltern, gestalten kurzum die Welt auf eine Weise, die sogar das Überleben der Menschheit gefährdet. Das mag irrational sein, beinhaltet aber einen möglichen tieferen Sinn. Diesen Sinn haben Menschen in der Vergangenheit bei Gott verortet. Gott als unser Determinator. Er bestimmt und wir müssen seinen Ratschluss nicht unbedingt verstehen. Dessen Unerklärlichkeit bestimmt den Glauben.

Wenn wir heute den Glaubensverlust erleben und Gottes Existenz bezweifeln, fehlt uns für die Unerklärlichkeit des Lebens eine Begründung. Diese können uns weder Wissenschaft, noch Philosophie oder Einsicht liefern. Irgendwann hat etwas mit uns begonnen, was über unsere Existenz als Wesen hinausgreift und auch ein Verhalten bestimmt, das unserem Bewusstsein nicht zugänglich ist. Selbst, wenn Seele und Gemüt als Träger dieses Unerklärlichen nicht taugen und auch Gott in unserem Bewusstsein abdanken muss, vermögen wir uns dieses, uns bestimmenden Umstandes, der uns unbegreiflich bleibt, nicht zu entledigen. Die Materie erklärt uns nicht, sondern ist lediglich Behältnis für eine Determinante, die unser Leben bestimmt. Es ist an uns, diese zu bezeichnen: Schicksal, Gott oder Seele? Wie es uns beliebt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Restitution

Es ist gut, dass Bewusstsein und Sensibilität dafür wachsen, dass geraubte oder nicht ethisch sauber erworbene Kunst- und Kulturgegenstände wieder an frühere Eigentümer bzw. Besitzer zurückzugeben seien. Dies sollte allerdings nicht nur das Naziraubgut, die Enteignung und Übervorteilung von Juden betreffen, sondern alles, was in Kriegen oder unter Ausnutzung von Machtpositionen direkt oder indirekt entwendet wurde.

Nach meiner Auffassung ist die Begrifflichkeit hier weit zu fassen, denn, wie der Volksmund zu Recht weiß: „Unrecht Gut gedeiht nicht gut.“ Das heißt, der Raubbegriff sollte auch diejenigen Artefakte mitumfassen, die nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv Einfluss auf das Herausgabebegehren ehemaliger Rechteinhaber haben. Es geht nicht nur um Rechtspositionen, sondern auch um Würde und Integrität.

Was sich auf persönlicher Ebene vollziehen sollte, gilt gleichermaßen für ehemalige Kolonien, Mandatsgebiete und andere Machtsphären, die zur Unterdrückung von Kulturen, Wesensarten und Traditionen missbraucht wurden. Nicht nur die materielle, sondern auch die immaterielle Restitution ist unumgänglich, um nicht nur zwischen den Völkern dieser Welt einen Austausch auf Augenhöhe stattfinden zu lassen, sondern Erfahrungen zu erlauben, die durch selbstermächtigte Interpretation, Anmaßung und Verweigerung des selbstbestimmten „Anderen“ verschlossen sind.

Kulturschätze anderer Völker glänzen im Licht ihrer Regionen, Bezüge und jahrtausendalten Interpretationen ganz anders in unserem Bewusstsein, als das intrinsische Vorbild unserer eigenen historischen und kulturellen Apologie. Wir müssen mehr in Restitutionsfragen investieren, um nicht museal zu erstarren, sondern aus dem materiellen und ideellen Besitztum an geborgten Gegenständen Kraft für Neues schöpfen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kryptografie

Es wird von den unendlichen Möglichkeiten geredet, menschliche Gehirne miteinander zu verknüpfen, Gedankenaustausch ohne jede Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu pflegen, mit Computern direkt zu kommunizieren und Quantencomputer zu nutzen, die statt Bits and Bytes mit Qubits hantieren, das heißt, nicht nur die Impulse 1 und 2, sondern auch alle Grautöne der Kommunikation zulassen.

So wie von einigen Menschen von der Zukunft aller Möglichkeiten geschwärmt wird, beklagen andere drohende Kontrollverluste, befürchten Brainhacking und schwören auf eine quantensichere Kryptografie. Was ist denn los da draußen und in uns selbst? Alles wirkt entfesselt und die einzige noch verschlossene Türe zu allen Möglichkeiten scheint noch die Zeit zu sein. Der direkte Austausch zwischen Gedankenträgern soll es erst in etwa 50 Jahren geben, also kein Grund zur Beunruhigung? Ich denke doch.

Für den Menschen ist es in seiner DNA verankert, dass er alles erforscht, ausprobiert und versucht, auch umzusetzen. Es geht aber mit der Zeit etwas verloren, was ich für wichtig erachte, und zwar den Anlass allen Strebens nach Fortschritt. Es kann kein verlässlicher Grund für alle unsere Bemühungen geben, das menschliche Gehirn zu verändern, zu optimieren und zu quantifizieren, obwohl zum Beispiel die Chinesen keinen Skrupel haben, dies aus staatlichen Eigeninteressen zu verfolgen.

Das Eingreifen in unser Bewusstsein durch Reduktions- und Sublimierungstechnologien, Beseitigung störender Gedanken und Anreicherung von Nützlichem und Stärkung der Logik stellt keinen Fortschritt dar, wenn wir nicht wissen, was Grund oder Ziel dieses Strebens ist.

Stört uns die Vielfältigkeit menschlicher Gedanken, das Unbekannte und Gefährliche? Müssen wir den Körper des Menschen beseitigen, der als anfälliger Träger menschlicher Unberechenbarkeit gilt? Was soll eine menschliche Gesellschaft noch leisten, in der die menschliche Einzigartigkeit nur noch eine ungeordnete Rolle spielt?

Um den Anfängen eines Zugriffs auf unser Ich Paroli zu bieten, müssen wir bereit sein, uns zu verschlüsseln, und zwar schon jetzt. Dazu gehört, sich Medien zu verweigern, die uns ausspähen, unsere Gewohnheiten kennenlernen, uns befragen, kopieren und unsere scheinbaren Bedürfnisse kreieren. Wir sollten den digitalen Medien nicht alles verraten, sondern das Kostbarste verschlüsselt halten, unser Wesen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Inter-Journey

Krank sein ist das zweitwichtigste Thema neben dem Wetter. Wir kommunizieren Krankheit und körperlichen Schmerz wie Urlaubserlebnisse. Wir hoffen, dass sie uns zuweilen als etwas Besonderes erscheinen lassen. Wir gehen zum Arzt oder in die Heilbehandlung, weil wir uns mit Krankheiten und Schmerzen in der Regel nicht auskennen. Es gibt da Fachleute, so sind wir überzeugt. Wenn sie nicht helfen können, dann schaffen sie doch zumindest Linderung.

Eigentlich ist es überflüssig, über diese menschlichen Eigenschaften zu sprechen, denn kein Wort verändert irgendetwas am Zustand des Menschen. Und doch gibt es vielleicht eine Näherung an Schmerz und Krankheit, die Erleichterung schaffen könnte. So absurd das klingen mag, so lautet doch ein Weckruf: „Willkommen Schmerz!“ Warum sollten wir aber den Schmerz willkommen heißen?

Mir erscheint das wichtig, um zunächst einmal festzustellen, dass wir ihn ausfindig gemacht haben und ihn studieren können. Wenn wir den Schmerz willkommen geheißen haben, ist der erste Schritt zur Kontaktaufnahme vollzogen. Und eine gute Gelegenheit, mit dem Schmerz zu kommunizieren, ihn aufzufordern, uns zu benennen, was plagt. Jeder Körperteil ist begeistert, wenn er erfährt, dass wir uns ihm zuwenden, nicht um ihn weiter zu belasten, sondern etwas von ihm zu erfahren.

Das über das Befinden geführte Gespräch ist vielschichtig und aufschlussreich, erlaubt Handlungsoptionen. Diese könnten dann wiederum im Rahmen einer Inter-Journey dadurch geschehen, dass nicht nur ich mit meinem Bewusstsein, sondern alle von mir aktivierten Organe sich auf den Weg machen, um dem schmerzbefallenen Organ zu helfen. Nachdem ich erfahren habe, woran es liegt, dass es mir schlecht geht oder meine Gesundheit eingeschränkt ist, kann ich nun alles unternehmen, um den Schmerz zu lindern und gar abzustellen, dies oft durch eigene Willenskraft und Unterstützung des Arztes bei der Behandlung meines Schmerzes oder meiner Krankheit, die ich bereits kennengelernt und lieb gewonnen habe.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vollkommenheit

Den Versuch will ich machen, das Selbstverstehen des Menschen anzureißen, welches sich nicht durch die Übernahme philosophischer oder religiöser Ansichten Anderer formt, sondern durch Nachdenken und Nachempfinden der eigenen emotionalen und rationalen Verfassung. Dieser Herausforderung kann nur in dem Bewusstsein entsprochen werden, dass der Mensch an sich alle Eigenschaften aufspürt, die ihm diese Wahrnehmung ermöglichen. Der Mensch ist Teil der mechanischen Natur und ergänzt doch Verstand und Gefühle. Jede Selbsterfahrungsmöglichkeit des Menschen ist inspiriert durch seine Gene und geformt durch Bildung, Herkunft und Intuition. Aber erst das brennende Verlangen, sich selbst zu fokussieren und daraus Erkenntnisse zu schöpfen, vermag dem Bedürfnis Ausdruck zu verleihen, hinter die Maske des Offensichtlichen zu schauen.

Das Offensichtliche am Menschen ist schnell erklärt und könnte dennoch auf Hunderten von Seiten facettenreich ausgebreitet werden. Die Erkenntnis würde es kaum befördern, denn wir alle wissen um das Offensichtliche, weil wir es täglich beschreiben. Aber auch dieses Offensichtliche hat Teil an der Erkenntnis durch den Zustand des Verbergens. Das Nichtsehenkönnen ist das eine sehr nahe liegende Problem, das sich Nichtoffenbaren ein weiteres, das wir schwer begreifen, noch weniger verarbeiten können, das uns aber immer gegenwärtig ist.

Einmal als ich durch das Riesengebirge wanderte kam mir in den Sinn, dass, wenn ich jetzt Rübezahl rufen und er antworteten würde, plötzlich nicht nur dieses Märchen, sondern alle Märchen wahr würden. Ein einziger solcher Hinweis würde genügen, um das ganze Mysterium zu bestätigen, welches seit Menschengedenken um seine Anerkennung kämpft. Obwohl sich alles in der Natur so darbot, wie in den Märchen beschrieben stand, zeigte sich Rübezahl nicht. Dennoch verließ ich am Abend inspiriert den Wald, mehr denn je überzeugt, dass es Rübezahl gibt. Es gilt, etwas zu erkennen, das wir nicht benennen können, was sich unserer offensichtlichen Erkenntnis verschließt, weil wir es aufgrund eigens geschaffener Blindheit nicht sehen wollen und weil es uns nicht zu rufen scheint.

Dieses Nichtbenennenkönnen ist so etwas wie ein Labyrinth oder auch eine Matrix, die alles birgt, aber anscheinend nichts aufzuweisen hat, erst von uns geprägt werden muss. Vielleicht ist das Bild anschaulicher von einer fri- schen Schneelandschaft und den ersten Spuren darin, die aber, sobald sie getreten sind, einschmelzen oder übertreten werden durch andere Spuren und damit ihre Konturen verlieren. Die fehlende Ausdifferenzierung der Werkzeuge unserer Erkenntnis macht es schwer, ein gleichzeitig umfassendes, aber auch spezifisches Verständnis unseres Ichs zu finden, den Menschen als Teil der Natur, als vernunftbegabtes aber auch durch seine Seele inspiriertes Wesen wahrzunehmen. Teilweise sind die Ansichten über uns selbst verankerbar, teilweise Behauptungen, die einem vorausbestätigten Selbstverständnis entspringen, sich an Hoffnungen klammern und sich über Zuversicht und Glauben absichern. Beweise. Zum Beispiel, der eine sagt, dass Gott nicht beweisbar sei und folglich der Mensch als Teil dieser entwickelten Natur, logisch und emotional geprägt durch die Synapsen seines Hirns, ungebändigt und selbstbestimmt durch die Zivilisation eile. Die Anderen meinen, dass diese profane Sichtweise nicht gilt, solange der Beweis nicht geführt wurde, dass es Gott nicht gibt. Der Glaube müsse sich nicht beweisen, deshalb bliebe die Pattsituation erhalten. So werden aber keine Erkenntnisse gefördert, sondern wohlbegründete oder gar dürftige Meinungen nur bekräftigt. Zumindest empirisch ist dagegen bedeutsam, dass viele Menschen zu spüren scheinen, dass mehr in ihnen ist und um sie herum, als sie ohne Weiteres durch ihre Sinne erfahren kön- nen. Dieses Gespür entspringt den schon immer in den Menschen im- plantierten Erinnerungen an das Vorhandene oder einer nicht erfüllten Erwartung, eine Suche nach der Vervollständigung seiner Existenz. Der Mensch verfügt über disparate Ichs. Eines strebt immer nach seiner weltlichen Vervollkommnung und beherbergt das materielle Ich, das geistige und das emotionale Ich. Das andere, das unvollendete Ich befindet sich in einem fortwährenden Entwicklungsstadium, signalisiert Unvollkommenheit und vermittelt die Eindrücke der allumfassenden Ich-Last. Das unvollkommene Ich wird als Belastung empfunden und, wenn nicht gar abgekop- pelt, so doch – um dieses Bild zu bemühen – vor die Türe gestellt. Das unvollendete Ich kann nicht nur mit menschlichen Attributen wie Neugier, Schutzbedürftigkeit, Beeindruckbarkeit beschrieben werden, sondern auch als vorgeprägt, belastet, erschreckt und ungeheuerlich. Würden wir uns für einen Moment der gesamten Last unseres unvollendeten Ichs bewusst, könnten wir so, wie wir dies tun in dieser Welt, nicht mehr leben. Aber wir tragen diese Bürde des unvollendeten Ichs wie jene alte Frau in dem Märchen des Rübezahl in dem Wissen, dass jederzeit etwas hinter dem Felsen hervortreten und uns die Augen öffnen kann. Das Andere ist also Teil von uns, ob wir es beweisen können oder nicht, ob wir es anerkennen oder nicht, ob wir glauben oder nicht, denn dieser Teil unseres Ichs ist nicht abhängig von unserer Anerkenntnis und unserem Glauben daran. Würde es nicht sein, würde es sich uns nicht zeigen. Ist es aber, bleiben wir gespannt auf die nächste Entscheidung und arbeiten weiter an unserer Erkenntnis.

Eine Gegenprobe wollen wir verlangen. Es gilt, dass es das unvollendete Ich nicht gibt. Gäbe es nichts, wonach der Mensch strebte, so wäre alles, was ihn ausmacht, in einem Augenblick der Erkenntnis gefangen. Diese Erkenntnis würde ihm eine lückenlose Übersicht über seine biologischen, geistigen und emotionalen Daten verschaffen. In diesem Augenblick der völligen Übersicht hätte sich der Mensch selbst überwunden. Sein Höhe- punkt wäre erreicht. Der Mensch müsste erlöschen. Die bloße Reproduktion des schon immer Gewesenen benötigte kein Gedächtnis und schon gar keine Entwürfe von Neuem.

An der vollendeten Erkenntnis würde der Mensch verbrennen. Er kann sich aber methodisch einem Selbstverstehen nähern. Methode bedeutet, sich zu öffnen gegenüber allen Möglichkeiten der Spiritualität als auch deren Verneinung. Der Mensch kann sich auf keine Seite schlagen und trotzig verkünden, dass es so sei, sondern der Mensch, der das Selbstverständnis sucht, befindet sich in einer ständigen Meditation und muss alle Ressourcen nutzen, um mehr über sich zu erfahren, und ist dabei stets erwartungsfroh. Dass der Mensch ein Zeichen erhält, ist nie ausgeschlossen, selbst dann nicht, wenn die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch ist, dass er es sofort bemerkt.

Es folgen nun Einzelbetrachtungen, die sich irgendwie zum Ganzen formen, also Selbstverständnisse bilden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

7. Der heilende Mensch

Wenn wir bei unseren Betrachtungen Aspekte des Menschseins beleuchten, die uns nicht ohne Weiteres vertraut sind, so reagieren wir mit Skepsis und Argwohn. Dies ist wahrscheinlich schon deshalb gerechtfertigt, weil der Mensch bei seiner Entwicklung immer das „rechte Maß“ benötigt, d. h. uns die Kontrolle über alle Gedanken, Empfindungen und Handlungen erhalten bleiben muss. Wir neigen dazu, alles auszublenden, was wir nicht verstehen oder wofür uns die Zeit noch nicht reif genug erscheint. Dies zu ermessen, liegt oft außerhalb unserer Reichweite. Es gibt allerdings auch Erfahrungen, die wir einmal besaßen, verloren hatten und wahrscheinlich glauben, dass wir unsere Gründe hierfür hatten. Es liegt uns sehr viel daran, den Menschen als ein vernünftiges, ausgeglichen emotionales, funktionelles, also ganz und gar erfassbares Wesen zu beschreiben. Erfahrbar und erfassbar sollen auch die Kräfte des Menschen sein. In der Regel sind sie durch Sprache- und Gesten bestimmt und vermitteln sich unserem Bewusstsein als hinnehmbar. Anders verhält es sich mit Kräften, deren Ursache wir nicht ohne Weiteres einordnen können und deren Wirkung wir folglich auch bezweifeln. Dies ist zwar aufgrund des Sicherungsbedürfnisses des Menschen verständlich, aber korrekturbedürftig. Jeder Mensch verfügt über Kräfte, deren Bedeutung er nicht wahrhaben will, er sie daher individuell oder kollektiv unterdrückt bzw. aufgrund des angestammten Übungsverhaltens nicht mehr wahr- nehmen kann. Die Wahrnehmungsfähigkeit ist bei Menschen unterschiedlich. Der nicht ständig abgelenkte Mensch darf feststellen, dass die Konzentration seiner Kraft nicht nur sprachlich oder gestisch viel vermag, sondern auch in seinem Körper insgesamt wirkt. Dieser Mensch ist in der Lage, sich in einigen Aspekten selbst zu heilen, in dem er Kontakt mit sich, seinen Organen, seinen Schmerzstellen etc. aufnimmt. Diese Kraft, die nach innen wirkt, kann der Mensch auch einsetzen, um Andere zu heilen, sie über Gestik und Konzentration zu beeinflussen und ihnen dadurch Erleichterung zu verschaffen.

Die Existenz einer solchen Kraft habe ich vielfältig kennen gelernt. Sie ist kein Allzweckmittel bei jeder Form von Krankheiten und körperlichen Schwierigkeiten, schafft aber die Ultima Ratio jedes Selbstheilungsprozesses und schafft Vergnügen daran, Anderen zu helfen, ihre körperlichen Gebrechen zu überwinden.

Wir sollten beginnen, uns mehr zu vertrauen, unsere Fähigkeiten anzunehmen und Anderen auch dann zu helfen, wenn wir nichts dafür bekommen. Wenn das klar ist, werden wir auch nicht ständig von Ansprüchen strapaziert.

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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski