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Perspektive

Aus der Perspektive eines weltoffenen und toleranten Menschen leben wir in schlimmen Zeiten. Aus der Perspektive machtversessener und gieriger Politiker leben wir in einer chancenreichen Zeit. Aus der Perspektive vieler Menschen leben wir in einer unübersichtlichen Zeit der Chancen und Chancenlosigkeit, des Überflusses, der Verarmung und der Zerstörung. Alles eine Frage der Perspektive. Die wahrnehmbare Realität bildet die Kulisse. Perspektiven schaffen Möglichkeiten, fördern die Neugier und geben der Erwartung eine Grundlage, dass nie etwas so bleibt, wie wir meinen, dass es sei.

Es gibt auch keine innere Kohärenz der Perspektiven, ob diese persönlich oder kollektiv angelegt seien. Perspektiven sind eine Möglichkeit der Wahrnehmung und des Handelns. Perspektiven lassen Wertungen zu, sind aber von diesen nicht abhängig. Die Perspektive einer Präsidialdiktatur in der Türkei erschreckt viele Menschen, aber nicht alle. Es gibt auch zufriedene Menschen, die darin eine Möglichkeit für die Türkei sehen, sich unabhängig und identitär zu entwickeln.

Ohne die Perspektiven im Einzelnen aufzeigen zu müssen, gilt dies natürlich auch für den amerikanischen und russischen Präsidenten. Die Perspektiven des Brexit werden nachteilig für Großbritannien beschrieben. Sind sie es aber auch? Das wissen wir erst nach Beendigung des Experiments, denn auch der Brexit ist nur eine historisch wirtschaftliche Zäsur, künftige Entwicklung beeinflussend, aber nicht endgültig beschreibend. Nach dem Brexit kommt entweder wieder Europa oder etwas ganz Neues.

Jede Veränderung eröffnet Perspektiven und müsste uns daher eigentlich sehr willkommen sein. Ein in sich sogar stimmiges System mag vorübergehend die Gemüter beruhigen, erodiert aber irgendwann, wenn es keine neuen Perspektiven mehr aufweist. Deshalb nutzen wir die Chancen der Veränderung, überwinden Perspektivlosigkeiten und suchen Gelegenheiten, Neues zu schaffen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Minderheiten

Minderheiten beugen sich den Mehrheiten. In demokratisch verfassten Staaten bestimmen in der Regel Mehrheiten, wer wie regiert. Mehrheitlich gefasste Beschlüsse sind auch für Minderheiten bindend, so nehmen wir den politischen Raum wahr.

Wir wissen aber, dass es nicht stimmt. Bei der letzten Wahl in den USA wurde nicht Donald Trump, sondern Hillary Clinton von der Mehrheit der Wahlberechtigten in den USA gewählt. Der Unterschied von 3 Mio. Stimmen dürfte dabei schon relevant sein. Mehrheiten werden aber auch dadurch erzeugt, dass man sie in einen kreativen Prozess der Desinformation schafft oder sie selbst dann behauptet, wenn sie überhaupt keine sind.

Würden wir den Begriff der Mehrheit einer eingehenden Prüfung unterziehen, würden wir schnell feststellen, dass es keine Mehrheiten gibt, die in einen klar abgegrenzten Widerspruch zu Minderheiten stehen, sondern Mehrheiten eine Momentaufnahme darstellen und sich so nur temporär abgrenzen von Minderheiten. Die sogenannte Minderheit ist also stets potentielle Mehrheit, je nach Augenblicksbetrachtung. Hätte man in England zwei Monate später nach der Abstimmung über den Brexit erneut abstimmen lassen, wäre möglicherweise eine Mehrheit für den Brexit überhaupt nicht zustande gekommen.

So geschieht es auch mit allen Wahlen oder Beschlüssen. Sie sind rein situativ und die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen entspricht ausschließlich dem Bedürfnis, die Unsicherheit hinsichtlich der Richtigkeit einer Entscheidung nicht auf die Spitze zu treiben. Da Mehrheiten nie nachhaltig sind, haftet mehrheitlich getroffenen Entscheidungen oft etwas Unerbittliches an, um die fehlende Zustimmung der Minderheit zu kaschieren.

Statt dessen sollte die Mehrheitsentscheidung die Entscheidung der Minderheit mitbedenken, denn nur so kann sie sich gegen den verdächtigen Zufall absichern. Nur im formellen Konsens lässt die Toleranz der Minderheit eine Mehrheitsentscheidung gelten. Ist die Minderheit nicht bedacht, drängt sie auf Revision und wartet nur auf eine sich bietende Möglichkeit. So wird aus der Rivalität ein sich perpetuierender Stillstand oder Chaos geschaffen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Hauptsache, wir haben Spaß

Was uns internatio­nal und national inzwischen angeboten wird, scheint den Rahmen des verständlichen Irrsinns zu sprengen. Aber dennoch schauen wir interessiert zu und warten auf immer neue unterhaltsame Varianten. Ein dazu passender Werbespruch lautet: Hauptsache, ihr habt Spaß. Ja, mit Pokemon, IS und Erdogan lässt sich viel Spaß haben. Dann dieser Spaßvogel Trump aus den USA und unser neuer britischer Außenminister Johnson.

Ein Zirkus und es scheint mir, als wäre es verwerflich, überhaupt noch einen Gegenentwurf zu entwickeln. Allenthalben Beschwichti­gungen und Appelle: Die Rechtsstaatlichkeit muss gewahrt bleiben, die Wirtschaft dürfe nicht leiden und auch weder Schnecken noch Fledermäuse. Überhaupt scheint sich die traditionelle Demokratie der Repräsentation und der Gewaltenteilung auf dem Rückzug zu befinden, be­gleitet vom nächtlichen Applaus der Bürger und verunsicherten Politikern.

Erdogan ist sich sicher, die Mehrheit seiner Türken steht hinter ihm. Na klar, jetzt sind sie dran und dürfen mit präsidialer Ermächtigung losziehen, um es anderen so richtig zu besorgen, insbesondere den Intellektuellen und Weintrinkern. Der Kater dann irgendwann, wie in Venezuela. Next Generation! Gibt der Minderheit gar keine Rechte mehr. Das ist türkische Politik. Verbau der Mehrheit künftig alle Möglichkeiten und Rechte. Das ist britische Politik, auch sehr demokratisch. 35 % alter Män­ner in Großbritannien schaffen an einem Donnerstag flux die Errungenschaften von Jahr­zehnten ab und lassen die Zukunft überhaupt nicht zu Wort kommen.

Ich bin für die Einfüh­rung des Kinderwahlrechts. Hätten die Eltern in Großbritannien Gelegenheit gehabt, verant­wortungsvoll die Stimmen ihrer Kinder wahrzunehmen, ein Brexit wäre niemals geschehen. Wie doof müssen wir eigentlich noch werden, ohne Policies zu entwickeln, die eine eigene strategische Handschrift aufweisen. Ob dies die Türkei betrifft, Russland oder die USA? Ja, es geht uns gut und feiern ist ja auch sehr schön. Noch.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Tatsachen

Tatsachen sind unbequem. Sie lassen sich nur schwer ignorieren. Sollte man dies dennoch versuchen, dann machen Tatsachen wieder auf sich aufmerksam. Tatsachen sind Vorkommnisse, die abgeschlossen sind und dazu zwingen, auf sie zu reagieren, ohne sie jemals wieder beseitigen zu können. Solche Tatsachen stellt jedes historische Ereignis dar.

Wie wir im Einzelnen die Tatsachen bewerten, beseitigt sie nicht, sondern gestaltet nur ihre Wirkung. Die Tatsache ist aber keine Wirkung an sich, sondern ruft sie erst hervor. Es ist in jüngster Zeit eine feststehende Tatsache geworden, dass in Großbritannien von Wählern der Brexit beschlossen wurde. Das ist eine Tatsache, die auch dann nicht beseitigt werden kann, wenn eine weitere Volksbefragung zu anderen Ergebnissen führen würde.

Auch die Tötung unzähliger Armenier in der Türkei stellt eine Tatsache dar, die nicht erst geschaffen wurde, weil der Bundestag beschlossen hat, es handele sich hierbei um Völkermord.

Auch die Tötung von Millionen Menschen in Deutschland während der Nazizeit ist eine feststehende Tatsache, ohne dass der Bundestag jemals das Vorhandensein des Holocaust oder des Völkermordes beschlossen hätte.

Tatsachen sind in ihrer Eindeutigkeit auf Interpretationshilfen nicht angewiesen. Sie müssen nur als solche benannt werden. Tatsachen werden gerne verschwiegen, ummantelt oder so interpretiert, dass sie in ihrer Bedeutung kaum mehr wahrgenommen werden. Tatsache war, dass alle Gründe, die seitens der USA vorgebracht wurden, um den Einmarsch im Irak zu rechtfertigen, frei erfunden waren. Tatsache ist die Besetzung der Krim durch Russland.

Tatsachen sind alle Vorkommnisse, ob sie sich in unserem privaten Bereich oder im öffentlichen Bereich befinden, es ist an uns, deren Wirkung zu begreifen und weitere Tatsachen zu schaffen, die wir verantworten können.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski