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Weltanschauung

Ob Husserl, Heidegger oder Sartre, immer, wenn ich von diesen oder anderen Philosophen lese, erfahre ich durchaus mit Erkenntnisschauer, dass sie sich auf eine für sie wesentliche Erkenntnismöglichkeit konzentrieren und alle ihre Wahrnehmungen darunter subsummieren. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar, denn ohne diese Beharrlichkeit würde es kaum gelingen, ein Phänomen wirklich zu erfassen und es durch Wahrnehmung zu erproben. Was ich hier sage, scheint für alle Philosophen und ihre Werke zu gelten. Es scheint aber nicht nur für die Philosophie, sondern auch für die Religion, ja für jede Alternative der Weltanschauungen zu stimmen. Aus Teilaspekten formt sich das Ganze, so könnte man meinen.

Ich glaube aber nicht, dass es so ist. Gegenstand jeder philosophischen, religiösen oder weltanschaulichen Wahrnehmung ist unser Leben in der Wirklichkeit und in der transzendentalen Welt. Zur Wirklichkeit zählt auch das Unwirkliche der digitalen Welt und die transzendentale Welt erfasst Parallelwelten, pure Sinnlichkeiten und das, was wir nicht wissen.

Alle Betrachtungen folgen einer Logik der Wahrnehmung, ordnend, kategorisierend und formatierend. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ein solche Betrachtung dem zu betrachtenden Gegenstand gerecht wird bzw. die Bilder, Ideen und Beurteilungen, die damit erzeugt werden, bestandskräftig sind. Alles, was wir sagen, denken und beurteilen, ist ausschließlich momentan, mutmaßlich ohne Geltungswirkung über diesen Augenblick hinaus. Kein Moment erscheint mir eindeutig und dies sowohl im wirklichen, als auch im transzendenten Sinne.

Wie in einem Kaleidoskop zerfällt bei jeder Drehung des Sehrohrs das soeben noch Wahrgenommene in etwas Anderes, was genauso substanziell ist wie der abgelaufene Moment. Es hat sich nichts verändert und doch ist alles gerade ganz anders geworden, nichts verändert bedeutet auch, die weiter gewanderten bunten Steine sind dieselben geblieben, nur hat sich das Muster verändert. Bei einem Sehrohr, das keine Steine enthält, bricht sich der Hintergrund auf eine besondere Weise, ohne dass er sich selbst verändert hätte. Auch der Späher hat sich nicht verändert, weder das Auge, noch seine Rezeptoren.

Und doch ist alles ganz anders, und zwar in jedem Augenblick. Im Augenblick der Betrachtung lauert bereits der nächste Augenblick, der alles in Frage stellt und damit jede Eindeutigkeit einer Aussage verhindert. Eine sichere Weltanschauung, eine eindeutige Religion oder philosophische Erkenntnis gibt es nicht. Jeder in ihr befangene Augenblick ist wahr und schon fragwürdig in seiner Absolutheit, wenn er wahrgenommen wird.

Der atomare Kern eines Phänomens, das gleichzeitig gar keines ist, enthält eine so enorme Lebenskraft, dass sie sich der Erkenntnis verweigert. So müssen wir uns damit begnügen, was wir zu sehen glauben, beurteilen und meinen. Das Schöne ist, dass wir vom Kern aller Wahrnehmungen eine Ahnung haben dürfen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Stellvertreterdenken

Ich denke doch für Euch! Das war der trotzig hingeworfene Satz eines gleichaltrig jungen Mannes, als ich ihn Ende der 60er Jahre aufforderte, sich daran zu beteiligen, die Küche aufzuräumen. Da er für uns denke, weigere er sich mitzumachen. Was war sein Denken wert?

Blitzschnell kalkulierte ich und sagte: „Wenn Du nicht mitmachst, kriegst Du auch nichts zu essen.“ Er empfand das aus den vorgenannten Gründen als ungerecht. Ich empfand es meinerseits als Anmaßung zu behaupten, man könne und dürfe für den Anderen mitdenken. Wie kann er überhaupt denken, wie ich denke und was soll ich mit seinem Denken anfangen, wenn es für mich eine Art Denkersatz darstellen soll? Das Denken selbst ist völlig in Ordnung. Es sollte dem Verbreiten von Parolen vorangehen. Aber das Denken, für den Fall seiner Veröffentlichung ohne Angebot an den Empfänger sich kritisch damit auseinandersetzen zu dürfen, ist frivol.

Jeder mag denken, was ihm beliebt, keiner muss jemals veröffentlichen, was er denkt, aber wenn er von seinem Denken eine allgemeine Handlungsempfehlung ableiten will, muss er sich auf Kritik, Widerstand und Ergänzungen einstellen. Gedanken sind aber nicht nur frei, sondern sogar hoch willkommen, wenn sie dazu dienen, uns zu bereichern, zu unserem bleibenden Gedächtnis etwas beizutragen und Impulse zu geben.

Dies gilt auch für das digitale Gedächtnis, auf das wir zurückgreifen können, wenn unser eigenes Gedächtnis versagen sollte. Aber auch in der digitalen Welt kann kein Algorithmus an unserer Stelle denken. Wenn das System seinen eigenen Weg geht und meint, sich verselbständigen zu können, dann müssen wir es zähmen. Wir brauchen keine Stellvertreterdenker, ob dies Menschen oder Maschinen sein sollten. Wir brauchen Menschen, die sich nicht scheuen, konkret dort anzupacken, wo Gemeinsamkeit gefordert ist, zum Beispiel beim Decken des Tisches für ein gemeinsames Mahl. Können Maschinen das auch?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski