Schlagwort-Archive: Erfahrungen

Policy

„Der Mensch denkt, Gott lenkt – kein Red´ davon“ meint Bertold Brecht. Er hat wohl Recht. Der Mensch hat aufgehört zu denken, jedenfalls zu denken in gesellschaftlichen Sinnzusammenhängen. Es gibt aber auch niemanden, der für ihn denkt. Zum Denken gehören zwei: der aktive Denker und der passive Denker, also derjenige, der die Gedanken versteht und umsetzt.

Dabei gäbe es Vieles in unserer Gesellschaft zu bedenken, aber uns sind die handelnden Denker abhandengekommen. Wir denken nur, dass wir denken, weil Medien dies behaupten. Tatsächlich ist aber das Denkvakuum vielfach wahrzunehmen, auch bei Bildungsinitiativen bis hin zur Flüchtlingsthematik. Denken erfordert, nicht nur auf augenblickliche Situationen zu reagieren, sondern vorausschauend Konzeptionen zu entwerfen, die Erfahrungen gleichermaßen beinhalten, wie kühne Herausforderungen und das noch zu Leistende.

Policy, d. h. die grundlegenden Verabredungen zu den Zukunftsplänen unserer Gesellschaft verwirklicht sich nicht durch Aufstockungen des bereits Gedachten, sondern nur durch Brüche und neues Beginnen. Schluss damit! Jetzt machen wir es einmal anders! Dies kann gesellschaftlich oft viel sinnfälliger aus einer Situation führen, als ein sicherungsbedachtes Weiterwurschteln. Mut, Risiko und Freude an neuen unerwarteten Erfahrungen können nicht nur einzelnen Menschen, sondern auch der Gesellschaft insgesamt bei der Zukunftsgestaltung Impulse geben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sprache

„Small is beautiful“ oder „less is beautiful“. Manchmal passen wohlmeinende Erkenntnisse nicht, insbesondere dann nicht, wenn es um die Sprache geht. Sicher hat die allgemeine Ermahnung „Reden ist Silber und Schweigen ist Gold“ ihren Charme, wenn man das unablässige Geplapper der Menschen bedenkt, das man zumindest zuweilen auch gern als „Sprachdurchfall“ bezeichnen könnte.

Wenn aber etwas gesagt sein muss, dann in einer Sprache, die das ausdrücken kann. Die Sprache hat viele Erscheinungsformen. Eine davon ist geprägt von Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, Politikern zum Beispiel, Teilnehmern an Talkshows und Moderatoren. Ihre Sprache soll nicht nur verständlich sein, sondern jederzeit abrufbar und widerspruchsfrei. Diese Sprache kennt wenig Worte und ist von Versatzstücken geprägt, die so oder so zusammengesetzt werden können und einen Sinn nur deshalb erzeugen, weil wir uns in diese Sprache eingehört haben. Die Vertrautheit mit dieser Sprache ist ihr eigentliches Geheimnis, nicht der Inhalt oder ihr Klang.

Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, benutzen eine Sprache, die aus Begriffen, aber wenigen Wörtern besteht, um sich unantastbar zu machen, sich nicht zu verfangen in Überlegungen, nicht hinweggetragen zu werden zur Sprachlosigkeit, wenn ein neuer, unerwarteter Gedanke aufscheint. Diese Sicherheit teilen sie mit dem Zuhörer, und zwar auch dann, wenn überhaupt nichts zu sagen ist. Diesem Sprachverhalten ist dasjenige von Podiumsdiskutanten sehr verwandt. Sie sind vorbereitet und können oft stichwortgenau – um welches Stichwort es sich hierbei handelt, ist völlig gleichgültig – können sie ihre Sätze beginnen und verstehen diese so zu formen, als hätten sie sich mit nichts intensiver auseinandergesetzt als gerade mit dieser Frage. Kein eigener Satz wirkt unvollendet, die Quelle des eigenen Sprachvermögens scheint unerschöpflich. Der Wettbewerb besteht im hohen Sprachanteil. Der ganze Raum wird erfüllt von Stichwörtern. Aber diese Sprache ist nicht komplex, reflexiv oder geöffnet. Es wird vor allem die Erwartungshaltung der Zuhörer bedient, auch wenn das Ergebnis der Reflexionen am Horizont verschwindet.

Es ist alles gesagt, aber noch nicht von mir. Die meisten Redner holen kaum Luft, um zu sprechen, getragen von der Angst, dass ihnen Andere ins Wort fallen könnten, dass etwas noch nicht gesagt worden sei. Doch wenn es um mehr geht als nur eine sichere Unterhaltung, kann dann die Sprache überhaupt noch Begleiter sein? Ein Gedanke entwickelt sich in seiner Komplexität, ist geprägt von Ratio, Emotionen, Erfahrungen und Einschätzungen. Die Letzteren können fragwürdig und nicht bis zum Ende gedacht sein. Wie vermitteln wir aber das Komplexe, das Offene, den für andere Menschen zugänglichen Gedanken?

Die Sprache müsste dabei eine Verabredung eingehen mit der Einstellung des Menschen. Diese Sprache würde Angebote unterbreiten, wäre vielfältig, beherbergte Worte und Begriffe aus dem gesamten Bereich des Möglichen. Diese Form des Spracheinsatzes würde nicht auf viele Worte und Begriffe der gleichen Art drängen, sondern auf wenige Worte unterschiedlichsten Ursprungs. Der seine Gedanken so verschickt, spricht nicht schnell, sondern überlegt, hat möglicherweise nicht sofort eine Antwort oder verzichtet vorläufig darauf, stellt selbst Fragen und sich selbst mit seinen Ansichten anderen zur Disposition und also infrage. Er bleibt dabei souverän, selbst beim Sprechen, unabhängig von der latenten Einschätzung, hält Pausen und ist sich immer dessen bewusst, dass er nicht alles weiß und damit auch nicht zu allem etwas zu sagen hat.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

11. Seniorenbildung

Das beste Alter wird unter Bildungsaspekten unterschätzt. Anstatt das Bildungspotenzial älterer Menschen abzuschöpfen und für unsere Gesellschaft nutzbar zu machen, werden ältere Menschen meist in ihre Privatheit entlassen und ihnen dazu noch erklärt, dass sie allenfalls noch für die Freizeit taugen. Das ist nicht überlegt. Der ältere Mensch ist aufgrund seiner Erfahrungen meist weit bildungsoffener als jüngere Menschen und zudem in der Lage, zusätzlich, und zwar in aller Ruhe auch das zu erfahren und zu bedenken, was er während der stürmischen erwerbsorientierten Zeit seines Lebens noch nicht verarbeiten konnte. Es ist daher naheliegend, Seniorenhochschulen einzurichten und Jüngeren Gelegenheit zu geben, an Veranstaltungen dieser Seniorenhochschulen teilzunehmen, um vom Bildungsreichtum älterer Menschen zu profitieren.

Die Menschen im besten Alter sind besonders bildungsbereit, da sie sich zum Einen im Wesentlichen aus dem Arbeitsleben verabschiedet haben und zum Anderen Ersatz für das Fehlen sozialer Kontakte bzw. Raum für die Vertiefung der eigenen Interessen und Wünsche durch die Bildung geschaffen werden kann. Bildungsangebote für ältere Menschen umfassen ein breites Spektrum insbesondere derjenigen Bereiche, die nicht Gegenstand der unmittelbar beruflichen Tätigkeit gewesen sind. Die Ausbildung von älteren Menschen hat dabei eine wichtige gesellschaftspolitische Funktion, denn der ältere Mensch erfährt oft größere Anerkennung durch Kleinkinder, Heranwachsende und pubertierende Jugendliche als die Eltern selbst. Die Schaffung eines bildungsfreundlichen Milieus kann daher durch ältere Menschen besonders gefördert werden.

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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski