Schlagwort-Archive: Erfolg

Mutwillen

Auch, wenn wir es oft beschreiben und analysieren, ganz verstehen wir nicht, warum andere ihren Mutwillen mit uns treiben. Da sind Politiker wie Putin, Trump und Erdogan, da sind aber auch schikanöse Behörden, Betriebsinhaber, Milizen oder Jugendgangs. Wir wissen, was sie tun, wir analysieren ihre Taten und finden irgendwelche Begründungen. Aber, warum sie es wirklich tun, erfahren wir nicht.

Natürlich geht es um Macht, die irrationale Lust, andere zu quälen und sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Damit ist allerdings noch nicht alles gesagt. Es gibt auch einen ganz rationalen Hintergrund für dieses Verhalten, und zwar:  Nur der Erfolg zählt. Die Peiniger auf allen Gebieten leben ausschließlich von dem Echo ihrer Taten. Werden diese mehrheitlich wahrgenommen, dann gibt dieser Erfolg ihnen recht, und zwar selbst dann, wenn ihre Taten frevelhaft, ungeheuer oder zumindest fragwürdig erscheinen könnten.

Der Peiniger kann sich allerdings auf die bleibende Anerkennung seiner Zumutungen nicht verlassen, dies wird deutlich, wenn man sich die Rechtfertigungen aller schon gewesenen Bösewichter vor Augen hält. Besonders einprägsam war einer der letzten Aussprüche des abgesetzten Stasichefs Mielke vor dem DDR-Abgeordnetenhaus: „Ich liebe Euch doch alle!“ Die Chancen der Schwachen, Unterdrückten und Gedemütigten stehen dann nicht schlecht, wenn sie Erfolg haben. Vençeremus! Ob es dann auch wieder Unrecht ist, kann dahingestellt bleiben. Der Erfolg zählt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Plan B

Es gibt Dinge, die müssen erst reifen. Wenn man beharrlich dran bleibt, stellt sich der Erfolg irgendwann ein. Es gibt aber auch Dinge, die scheinen auf den ersten Blick mühelos zu gelingen, weil alles darauf hindeutet. Doch dann taucht unerwartet ein Hindernis auf, ein Missverständnis wird zum handfesten Problem, plötzlich werden die Verhandlungspartner ausgetauscht, die Geschäftsgrundlage radikal verändert oder eine Entscheidung auf lange Zeit verschoben.

Es ist also absehbar, dass das Projekt scheitert. Eine Katastrophe bahnt sich an, die sich in Unternehmen, aber auch in der Politik und der Gesellschaft ausbreiten und bleibenden Primär- und Sekundärschaden verursachen kann. Es sei denn, es gibt einen Plan B, der das Scheitern des Plan A schon voraussehend einkalkuliert hat. Das Vorhandensein eines Plans B hat viele Vorteile. Er verschafft Gelassenheit, wo sonst Irritation, Empörung, Fassungslosigkeit oder Aggressionen das Handeln bestimmen.

Der Plan B ersetzt nicht den Plan A, sondern leitet aus der jeweiligen Situation neue Handlungsoptionen ab, die die Fähigkeit des Planinhabers, auf jede Herausforderung zu reagieren, unter Beweis stellt. Das Vorhandensein eines Plan B wird dazu führen, dass diejenigen, die den Plan A zum Scheitern bringen wollten, nun erkennen, dass der Verhandlungspartner möglicherweise auch einen Plan B hat und alles versuchen, diesen zu verhindern und sich folglich doch noch auf die Bedingungen des Plans A einlassen. Statt Machtverschiebungen, Vertrauensverluste und Schäden wird vielleicht dann doch ein Ergebnis erzielt, mit dem alle Beteiligte gut leben können, weil sie sich durch konsequentes Handeln Respekt verschafft haben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Die Lust am Scheitern

Diese Behauptung ist provokant und frech. Wer kann schon Lust dabei empfinden, dass etwas nicht funktioniert. Wir haben gelernt, dass wir uns durchsetzen müssen. Ein maßgeblicher Erziehungsspruch lautet: Nur dem Tüchtigen winkt das Glück! Von Kindesbeinen an wird uns Durchsetzungsvermögen antrainiert. Um zum Erfolg zu kommen, dürfen wir uns – zumindest im Rahmen der Gesetze – sämtlicher Tricks und Möglichkeiten bedienen.

Angesichts der allgemeinen Erwartungshaltung ist es zunächst einmal nicht abwegig anzunehmen, dass alle zum Erfolg hinstreben, sich wechselseitig stützen und beschleunigen bei der Erfolgsgewinnung und sich am Ergebnis auch gemeinsam freuen. Dabei verkenne ich nicht, dass es in dieser Gesellschaft die unterschiedlichsten Ziele unter Erfolgsgesichtspunkten gibt. Wo Menschen sich nicht in die Quere kommen, sondern aufeinander angewiesen sind, um gemeinsame Erfolge herbeizuführen, könnten die wechselseitigen Unterstützungsleistungen systemimmanent sein. So sehr der Erfolg aber allgemein erwünscht wird, so schwer ist es, den Weg dorthin zu finden. Es ist von wachsendem Erfolgsdruck die Rede. Bis zum Ziel gibt es zwar diejenigen, die bedingungslos oder auch engagiert helfen, indes weiß jeder von Quertreibern und sonstigen Missgünstigen zu berichten.

Der Weg zum Erfolg ist derart hart gepflastert, dass der Erfolgreiche oft nur noch von den anderen gefeiert wird, aber selbst nicht mehr mitmacht. Er weiß darum, was ihn dieser Erfolg gekostet hat. Denn der Misserfolg ist das soziale Stigma des Bemühten. Die Erfolgreichen werden wahrgenommen und diejenigen, die Misserfolg erleiden. Geschont bleiben nur diejenigen, die nichts tun. Zuweilen feiern sie mit den Erfolgreichen, bemühen sich von Misserfolgen fernzubleiben und sich nicht zu verbrennen. Das gescheiterte Projekt, der gescheiterte Mensch, fängt nach allgemeiner Auffassung zu stinken an. Es ist besser, nicht in den Bannkreis des Unglücks zu gelangen. Die geschicktesten Scheiterer verkünden fortwährend ihre Erfolge.

Bluff, Verstellung, Tricks, Behauptungen und ganz gemeine Lüge sind die Alltagsinstrumentarien gescheiterter Existenzen. Bei aller Beweglichkeit in der Camouflage empfinden sich Scheiternde aber oft als dumpf ihrem Schicksal ausgelieferte Menschen, die ihre Rolle leben müssen. Sie unternehmen nichts, um ihren Zustand zu ändern, bewegen sich   ständig in dem Kreis der Eigensicherung. Freiraum für   den   zweiten Wind, die Entfachung neuer Kreativität und Überwindung der inneren Angst sind dabei nicht möglich. Einem der scheitert, ist kaum die Einsicht abzuverlangen, dass ein Scheitern ein Glücksumstand für ihn sein könnte. Ein erfolgreicher Geschäftsmann, der einmal mit seinem Geschäft scheiterte, weil er Bilanzen nicht lesen konnte, wurde im zweiten Anlauf Steuerfachgehilfe, gründete eine Steuerberatungsfirma und kontrollierte mit dieser seine verschiedenen Unternehmen. Er war gescheitert. Dies hatte ihn nicht beeindruckt. Ich erinnere mich noch genau, dass wir am Tage der Insolvenz ein üppiges Abendessen gefeiert haben.

Scheitern kann ein Glücksumstand in dem Leben eines Menschen sein, weil er sich anderen Dingen zuwenden kann. Scheitern schärft Sinne. Scheitern ist ein Grund zu feiern, weil man genau dies bekennt und vermittelt, dass man – entgegen aller Gepflogenheiten – bereit ist, dies auch auszuhalten. Scheitern ist völlig normal angesichts der vielen Behinderungen, denen der Mensch durch wechselnde Glücksumstände, Gesetze usw. ausgesetzt ist. „Scheitern ist geil“ kann als Slogan eine neue Zeit einläuten und die Lust derjenigen beschränken, die viel Freude am Scheitern anderer empfinden. Dass andere scheitern, ist der Wunschtraum vieler, denn bei allgemeiner Immobilität würde sich die Auffälligkeit des Scheiterns Einzelner verringern. Der lustvoll gescheiterte Mensch bietet dagegen souverän alle Voraussetzungen für den ganz großen Erfolg. Er feiert beides, seine Niederlage und seinen Gewinn.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verweigerung

Wenn ich mich verweigere, missachte ich ein bestehendes Gebot. Ich mache nicht mit, widersetze mich, setze mich darüber weg, folge weder einem Trend, noch einer Anordnung. Mit Konsequenzen muss ich üblicherweise rechnen, allerdings ist dies nicht zwangsläufig.

Verweigerungen können sowohl mehrheitsfähig sein, als auch dazu führen, dass meine Haltung mich ausgrenzt und für mich Nachteile bringt. Soweit meine Verweigerung nicht nur die Reaktion auf unterschiedliche Angebote darstellt, kann sie systemische Auswirkungen sowohl für mich als auch für andere haben.

Verweigere ich es zum Beispiel aus politischen, ethischen oder religiösen Gründen, eine Waffe in die Hand zu nehmen oder die Nahrungsaufnahme, um einen für mich wichtig erscheinenden Erfolg durchzusetzen, müssen sich andere Menschen mit der durch meine Verweigerungshaltung provozierten Situation beschäftigen.

Verliert die Verweigerung dabei ihren ausschließlich persönlichen Charakter und wird Teil einer gesellschaftlichen Programmatik, so kann sie die Grundlage dafür sein, dass sich aus der Verweigerung Gebote entwickeln. Nicht jede Weigerung kann mit einem Erfolg rechnen, außer sie besteht darauf, dass eine Entscheidung des Menschen niemals programmierbar ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski