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Deutscher

Was für eine Spezies ist wohl ein Deutscher? Lese ich von Interpretationsversuchen, dann ist von historischer Verantwortung, Nazis in der Familie, Strebsamkeit, Neurosen, Angst, Heimat, Landflucht, Start-Ups, wirtschaftlichem Aufschwung, Hartz IV und verkorksten Weltmeisterschaften die Rede.

Wenn ich das höre und lese, fühle ich mich richtig zu Hause. Das Gefühl, wie Rothenburg ob der Tauber bei Regen stellt sich ein. Danach habe ich mich in einem mörderheißen Sommer in Griechenland gesehnt. Als ich vor Kurzem das zweite Mal in Rothenburg war, begegnete ich dort vielen Touristen, vor allem aus Japan und Korea. In Rothenburg ob der Tauber ist ausstellungsbedingt ständig Weihnachten. Das ist bei Fernosttouristen beliebt.

Überhaupt scheint man uns Deutsche zu mögen, wie der Massentourismus belegt. Mancherorts ist man in Deutschland ein Fremder, wenn man Deutsch spricht. Ganz genau weiß ich nicht, ob wir mehr Touristen in Deutschland haben als Flüchtlinge. Ich glaube, das Erste ist richtig, aber wir Deutschen sind auch noch da und die Geburtenrate steigt.

Wenn ich es richtig bedenke, ist dies nicht nur eine Frage der Quantität, sondern auch der Qualität. Wir Deutschen verfügen über eine belastbare Demokratie, sind anpassungsfähig und herrlich verschieden. Wir Deutschen kritisieren alles und jeden, aber zucken auch mit den Achseln, wenn wir nicht weiterkommen. Wir sind Schrebergärtner und sehnsüchtig, alle Plätze der Welt einmal in unsrem Leben zu besuchen. Manchmal behaupten wir, dass wir uns selbst nicht leiden können, sind verzweifelt über das Verhalten anderer, die aus unserer Sicht alles falsch machen, um uns Deutsche dann doch im Kreis unserer Freunde selbst zu feiern.

Deutschland ist wirtschaftlich erfolgreich, gut aufgenommen in der Weltgemeinschaft und sicher in seinen Grenzen vor den Nachbarn, mit denen wir heute nicht mehr im Streit sind. Trotz mancher Unruhestifter. Bei uns herrscht Frieden, und zwar nicht der Friede eines Friedhofs, sondern der lebendige Friede des Disputs, des Erinnerns und der Perspektiven. Wir sind leistungsbereit und fähig, mit Schwierigkeiten umzugehen, ohne uns Dank der historischen Erfahrungen wieder in den Abgrund zu stürzen.

Für Deutschland habe ich eine gute Prognose: Als Deutscher, der ich bin oder werden kann, nehme ich Platz im freiheitlichsten und schönsten Land der Welt. Nicht Deutschland zuerst ist die Parole, sondern Deutschland: „Auf geht´s“. Wir haben noch viel zu erledigen, bleiben wir dran mit guten Gefühlen und einer vernünftigen Einstellung.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ereignisse

Ereignisse sind Bestandteil unserer Lebenskultur. Es sind vor allem traurige und schlimme Er­eignisse, von denen in den Medien berichtet wird. Da uns alle diese Ereignisse gegenwärtig sind, kann ich darauf verzichten, Beispiele zu nennen. Die Darstellung der Ereignisse be­schränkt sich in der Regel nicht auf die Schilderung eines Sachverhalts, sondern wird ange­reichert durch Bilder und Bewertungen. Und das scheint mir ein Problem. Kann ein Ereignis objektiv beschrieben werden? Und was verstehen wir unter objektiv? Eine Distanzaufnahme im wörtlichen und bildlichen Sinne?

Wenn dies möglich wäre, folgte dann nicht sofort der Vor­wurf mangelnder Empathie durch den Empfänger der Nachricht des geschilderten Ereignisses? Das gilt für die schlechte Nachricht. Für die gute Nachricht gilt, dass ein großes Maß an Anteilnahme auch verdächtigt wird, zum Beispiel im verächtlichen Sinne als Gutmenschentun, wenn ich hier nur das Beispiel der Willkommenskultur für Flüchtlinge benennen darf. Es ist sehr zweifelhaft, ob ein Ereignis überhaupt einer objektiven Beurteilung zugänglich ist, weil nicht nur das Ereignis selbst meist mehrere Facetten aufweist und die Wahrnehmung eines Ereignisses vor allem abhängt vom Wahrnehmungshorizont des Adressaten.

Und da setzt oft eine gedankliche und emotionale Piraterie durch Andere ein, ob das die Medien, Politiker, Theologen oder Verschwörungstheoretiker sind. Jedes öffentliche Vorkommnis erfährt so eine kollektive Bemächtigung durch Einzelne oder Gruppen, die das Ereignis sezieren, filtrieren und manipulieren, so dass die vermeintlichen Wahrnehmungsadressaten keine Einschätzung des Ereignisses durch Selbstermächtigung mehr haben können.

Der Verstand und das Gefühl, die beide um das Verstehen eines Ereignisses in seinem Kerngehalt ringen, sind nun angehalten, ihrerseits die angebotene Schilderung zu überprüfen, abzugleichen mit Einstellung, Erfahrung und programmatischer Sicht. Nach den ganzen intellektuellen Anstrengungen, die damit verbunden sind, erscheint schlussendlich das Ereignis selbst nur noch eine Metapher dessen zu sein, was wir nicht mehr verstehen wollen oder können. Die Hilflosigkeit gerinnt in einem Satz wie diesem: „Die einen sehen es so, die anderen so.“

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Das Eigentliche

Uns geht es gut. Das sagen viele, die Wirtschaft, die Berater und die Ärzte. Die Wirtschaft brummt. Wir haben weitaus weniger Flüchtlinge als erwartet und fast alle haben ein Dach über dem Kopf. Es gibt Elterngeld, Hartz IV, Rente und Krankenversicherung.

Aber, wir Deutschen sind unzufrieden. Wir sind davon überzeugt, dass wir besonders viel verlieren, aufgeben müssen. Ob und wann das passiert, weiß niemand, aber die Befürchtung macht uns argwöhnisch. Grund zum Optimismus besteht nicht. Was halten wir denn für lebenswert? Geld? Die Arbeit? Kinder? Freizeit? Reisen? Essen? Kommunikation? Wahrscheinlich alles ein bisschen. Das macht uns aber nicht glücklich.

Wir leben nicht und schauen auch nicht erwartungsvoll auf die nächste Herausforderung, sondern fürchten uns gerade vor dieser. Würde man das Eigentliche, also für das Leben Unverzichtbare, benennen, könnten dabei Müßiggang, Lernfähigkeit, Ausgeglichenheit und Zuwendung eine Rolle spielen. Doch diese sind nicht nur begrifflich, sondern auch inhaltlich unerwünscht. Die Angst dominiert das Eigentliche. Doch wer keine Angst hat, sich zu verlieren, der wird sich finden.

Wer aber Angst hat, etwas zu verlieren, begreift das Eigentliche nur als persönliche Absicherung. Ihn begleiten Routine und Langeweile. Chancen ergreift er nicht. Er wird sich selbst fremd und anderen auch. Soweit muss es aber nicht kommen, wir müssen nur die Kraft in uns selbst und unseren Vorbildern suchen und die Chancen, die jede auch unerwartete Situation in unserem Leben bietet, furchtlos nutzen.

„Wow“, dann sind wir die Sieger!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Heimat

Die Diskussion darüber, was Heimat sei, läuft in den Medien auf vollen Touren. Für die einen ist Heimat das, was sie verloren haben, die anderen suchen sie. Heimat ist der Wald, der Kiez oder der Apfelkuchen der Großmutter. Alle Sehnsuchtsorte und Verluste sind Heimat. Heimat ist die Chiffre für Sicherheit. Sicher lebt man aber nicht mehr, auch nicht als Flüchtling. Deshalb nimmt die Heimatdeutung gerade jetzt wieder Fahrt auf, wo manche sich schützen wollen vor Überfremdung, wie sie es nennen oder das Hineingeworfen sein in eine feindlich gesonnene Umwelt. Keiner scheint bei der Ausformung des Heimatbegriffs ganz auf seine Kosten zu kommen. Vielleicht deshalb, weil Heimat alles benennen kann. Heimat kann Weihnachten sein, aber auch die Jagd.

Für mich war es einmal während eines Griechenlandaufenthalts bei circa 40 Grad Celsius die Vorstellung von Rothenburg ob der Tauber bei Regen. Dies obwohl ich in dieser Stadt niemals gelebt habe, sondern sie nur besuchte, auch jüngst wieder, um dort von permanenten Weihnachtsdauerausstellungen, die man offenbar für Asiaten inszeniert, überrascht zu werden.

Heimat als Dekor. Vielleicht sind auch die Sterne in den Fenstern, die putzigen Schalen, Lichter, Gänsehälse in Blumentöpfen und schmiedeeisernen Riesenameisen in Vorgärten Heimat. Wenn dies so ist, dann vermittelt Heimat eine Arglosigkeit, mit der wir fast alle einmal im Kindesalter gesegnet waren, bevor die Lebenskämpfe begannen und die Zumutungen. Heimat als die Zeit, in der wir uns noch auf das Leben freuten, staunten über alle hinzuerworbenen Fähigkeiten, mit Genuss Äpfel aßen und Zeit hatten, stundenlang auf auf einen Käfer oder in den Himmel zu schauen.

Das alles tragen wir in unseren Herzen, abrufbar, wenn es erforderlich ist, sich auf das Einfache, Klare und Unverfängliche zu besinnen. Heimat ist unter diesem Blickwinkel nicht strapaziös. Heimat ist dann ein Angebot und stellt keine Ansprüche an uns. Wieso aber dann die Sprüche, dass man die Heimat schützen müsse, dass es sie zu verteidigen gelte gegenüber fremden Eindringlingen? Wie soll denn eine Heimat geschützt werden, die je nach Gemütslage und Ortsgebundenheit so unterschiedlich ausfällt.

Wenn meine Heimat mein Garten ist und vielleicht auch noch die Zwerge darin, ich aber die Oldtimersammlung meines Nachbarn überhaupt nicht schätze, wieso soll ich dann mich für ihn und er sich für mich engagieren, wenn wir beide aus unterschiedlichen Gründen unser Ambiente als Heimat begreifen? Kann das Höchstpersönliche verallgemeinert werden?

Das schon. Meine schwäbische Heimat, die ich im Herzen trage, soll möglichst nicht durch „fracking“ zerstört werden, auch Windräder finde ich nur begrenzt heimattauglich, selbst dann, wenn ich sie für die Energiegewinnung unabweisbar finde. Aber auch das, was mir das Dorf, der Weiler, der Bauernhof im Schwarzwald oder der Kreuzberg in Berlin als Heimat bietet, ist letztlich nichts anderes als die Projektionsfläche meiner Sehnsucht nach einem Rückzugsort, dem ich vertraue. Heimat taugt begrifflich schon deshalb nicht zur Abwehr anderer, weil diese mir meine Heimat überhaupt nicht streitig machen. Vielleicht sind sie aber neugierig, davon zu erfahren, wenn ich bereit bin, darüber zu sprechen und sie so in meine Heimat einzuladen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Meinungsmacht

Neulich Nacht war ich auf der A 20 unterwegs, als ein Unfall den Verkehr zum Erliegen brachte. Um die durch die Warterei entstehende Langeweile zu überspielen, ließen meine Frau und ich die Radioprogramme durchlaufen, bis wir schließlich bei Radio Fritz landeten. In einer Sendung, die sich Blue Moon nennt, haben Zuhörer die Möglichkeit, mit Radiomoderatoren über aktuelle gesellschaftliche Themen zu diskutieren. Ein Anrufer aus Sachsen beschwerte sich darüber, dass Flüchtlinge hier alles erhielten, auch Fahrräder und Kinderwagen, sie es selbst aber schwer hätten mit der Abzahlung der Kredite für ihr neugebautes Haus und die Kosten, die immer weiter steigen. Nichts sei gerecht und die Regierung habe keinen Plan.

Als die Moderatorin den Anrufer fragte, wo er sich denn für seine Behauptungen informiere, da meinte er bei Facebook und erklärte Widersprüche zwischen seiner Aussage und der Wirklichkeit, zum Beispiel zum Thema, dass die Flüchtlinge nicht faul seien, sondern zunächst nicht arbeiten dürften, mit dem Hinweis: „Das ist halt meine Meinung.“ Nach einiger Zeit verschwand er aufs Klo und seine Frau übernahm das Telefon mit der Erklärung, sie habe zwar eine andere Meinung als ihr Mann, die doch dann seiner sehr ähnlich war, um ebenfalls zu schließen: „Das ist halt meine Meinung.“

Was hat mir diese Blue Moon-Stunde vermittelt? Eins, und das sehr nachdrücklich: Es geht gar nicht um richtig oder falsch, Lüge oder Wirklichkeit, es geht nur darum, eine Meinung zu haben. So war es für mich auch erklärlich, dass der Anrufer und seine Frau trotz aller Widersprüche und der wachsenden Fassungslosigkeit auf Seiten der Moderatoren in keiner Weise die Geduld verloren, sondern auch im Falle grotesker Widersprüche ihrer Behauptungen schlicht erklärten, dass dies ihre Meinung sei. Eine Meinung ist also auf keinerlei Wahrheit angewiesen, auch nicht darauf, etwas widerlegen zu wollen. Eine Meinung ist eine Meinung. Die Meinung kann heute so und an einem anderen Tag wieder anders ausfallen, sie ist an reale Vorkommnisse nicht gebunden und auch durch Argumente nicht beeinflussbar.

Der Inhalt einer Meinung kann vernünftig sein, aber auch völlig blödsinnig. Die Meinung kennt kein Gewicht, keinen Maßstab oder Gedächtnis. Die Meinung ist so ungebunden, wie die sie umgebende Luft. Sie ist leicht, wie ein Wölkchen und verschwindet, wenn sie abgeregnet ist.

Das poetische Bild kann allerdings nicht darüber wegtäuschen, dass dann, wenn nur die Meinung eines Einzelnen noch keinen Schaden anzurichten vermag, doch die auf gleiche Art und Weise erzeugte Meinung vieler sturmwetterartigen Charakter aufweisen kann. Wenn viele einer Meinung sind, bedeutet es zwar nicht, dass deren Meinung irgendeinen inneren Zusammenhang aufweist, aber sie verfinstern gleichzeitig den Himmel so, dass dringend Schutz gesucht werden muss vor dem sich entladenen Gewitter.

Es ist doch klar, dass AfD, Pegida und andere Gruppierungen von der Meinungsmacht fasziniert sind, die keine Argumente benötigt, jedenfalls keine stichhaltigen, sondern sich treiben lässt von der Meinung der Menschen. Sie sind die Stimme des Volkes, so sagen sie und das ist schon eine gewaltige Stimme, die ihre Meinung kundtut. Und die Stimme wird immer lauter, das Grollen unüberhörbar. Wenn dann irgendwann nach Blitz, Regen, Sturm und Verwüstung der Himmel wieder klar sein sollte, sagen die Menschen: ich habe doch nur meine Meinung gesagt, das darf man doch wohl, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ostern

Ein bekanntes Osterlied beginnt folgendermaßen: „Ostern ist heut, wir sind erfreut, dass Herr Jesu Christ heut auferstanden ist…“ Ganz offensichtlich handelt es sich hierbei um ein Kampflied, welches Zuversicht und den Willen ausdrücken will, schlimmste Prüfungen zu überstehen, wenn der Plan stimmt. Ob der Plan stimmt, wissen wir Menschen oft nicht genau, vermögen aber die Umstände zu spüren, die einen Plan zum Reifen bringt.

Zu Ostern heißt es, dass es der Plan Gottes war, seinen einzigen Sohn zu opfern, damit die Welt erlöst werde. Diese Überhöhung, das heißt Heiligsprechung eines Planes, ist meist nicht möglich, aber doch sind Pläne Ausdruck eines allumfassenden Sinnes, wenn der göttliche Bezug nicht möglich ist. Unserem Lebenssinn entspricht es nicht nur, selbst zu leben, sondern auch Leben zu stiften und dieses zu verteidigen, wann immer es angegriffen wird.

Nicht alle können Märtyrer sein, geduldig die Lasten, die Zerstörungen und die Tode auf sich zu nehmen, die Andere ihnen auferlegen wollen. Der Plan, dem sie sich anvertraut haben, heißt Rettung. Sie machen sich auf die Flucht, wie Mose aus Ägypten oder heute Afrikaner und Araber aus ihren Ländern. Sie haben nicht aus Angst, sondern aus Zuversicht und den Glauben an das Leben eine Entscheidung getroffen. Sie haben damit ein Vorbild geliefert für uns, die wir im Aufbruch und Ankommen ebenfalls ein Beispiel für unser eigenes Leben erkennen könnten.

Soweit sind Flüchtlinge auch unser aller Vorbild und die Bewegung, die entstanden ist, Teil eines Planes, der uns mit einschließt. An Ostern sind wir mit allen versöhnt, und zwar jenseits unserer Religionen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wir schaffen das!

In stark vereinfachter Sicht haben wir die nachfolgenden Herausforderungen, wobei ich sie der Einfachheit halber beziehungslos nebeneinandergestellt habe: Flüchtlinge, Krieg in Afrika und im Nahen Osten, Auseinandersetzung auch mit kampfbereiten religiösen Gruppierungen, Bevölkerungszuwachs, Klimaveränderung, Armut, Digitalisierung, Sklaverei, wirtschaftliche Verwerfungen, Schaffung von fairen Handlungsbeziehungen, Pflegeaufwand für ältere Menschen, Beschäftigungsmöglichkeit für jüngere Menschen, Bildungs- und Sozialgefälle.

Über Details lässt sich da trefflich streiten, insbesondere darüber, ob diese Liste nicht nur ansatzweise die Herausforderungen an Staat und Gesellschaft benennt oder nicht schon jetzt in großem Umfange fortgeschrieben werden müsste, weil jeder Mensch, jede Gesellschaft, jeder Staat, jede Religion und jede Gemeinschaft eine Fülle von Problemen und Herausforderungen bezeichnen kann, die über kurz oder lang auch einer Lösung zugeführt werden müssen. Die Zeit arbeitet für die Problemlösung, da jede Herausforderung auf einen Höhepunkt zusteuert und dann wieder nach Überschreitung des Zenits verglüht und aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwindet, um weiteren Herausforderungen und Problemen Platz zu machen.

Weder können wir sämtliche Probleme zu einem Zeitpunkt erfassen noch sie zur gleichen Zeit lösen. Wir leben von unseren Problemen. Sie gehören zu uns und sorgen für tägliche Aktivitäten, verbürgen auch für die Zukunft genügend Arbeitsmaterial für unsere Zuwendung. Diese besteht in der Erstellung einer To-Do-Liste, in der wir die Maßnahmen festhalten, die ergriffen werden müssten oder sollten, um das Problem zu erkennen, zu bearbeiten und ggf. sogar zu lösen. Diese To-Do-Liste setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen, zum einen aus einem Gedankensturm vielfältigster Möglichkeiten, so ferne liegend sie auch erscheinen mögen. Erst diese Stoffsammlung gestattet dann, die wichtigsten Maßnahmen heraus zu destillieren und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten, die geeignet sein könnten, die Ursache des Problems zu sehen und dieses zu beseitigen.

Die Verursacher von Problemen werden oft bekämpft und etwaige Lösungen, die vor allem unter ihrer Mitwirkung möglich wären, außer Betracht gestellt, weil es unwahrscheinlich anmutet, dass der Verursacher eines Problems auch für dessen Beseitigung eintreten könnte. Das halte ich für falsch. Es geht nicht um moralische Bewertungen und Rechthaberei, sondern darum, dass Verursacher und Betroffene am ehesten in der Lage sind, eine Lösung zu finden, ggf. durch Mediation.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sinnkrise

Es will mir partout nichts mehr einfallen, wozu ich etwas schreiben kann oder will. Die Flüchtlinge sind da, gehen nicht mehr weg und wir haben ein Problem. Spätestens, wenn die Medien aufgehört haben, ständig darüber zu berichten, werden der Staat und die Gesellschaft dieses Problem auch lösen. Dieses Glück wiederfährt derzeit Griechenland und auch der Verteidigungsministerin. Es gibt immer wieder eine „neue Sau“, die durch das mediale Dorf getrieben werden kann.

Die Spuren der Verwüstung sind unübersehbar. Kaum sind wir in der Lage, uns mit Putins Syrienabenteuer näher zu beschäftigen, sterben in der Türkei knapp 100 Menschen bei einem Bombenattentat und 200 werden verletzt. Zeitlich überlappend mit der Klärung der Schuldfrage registrieren wir die Wahlen in Wien und Weißrussland.

Als ob da noch etwas gewesen sei, tauchen dann in unserem längerfristig angelegten Gedächtnis der Ukrainekonflikt und das Sterben an Ebola in Afrika auf. Worüber dann schreiben? Darüber, dass die Klimaziele nie erreicht werden, der Planet wahrscheinlich irgendwann seine lästigen Bewohner abschüttelt, der wirtschaftliche Aufschwung nicht zu verstetigen ist und der religiöse Fanatismus wütender ist, denn je? Die Sprache, um all das zu beschreiben, verstört und irritiert, verliert an Bedeutung. Sie wirkt so abgedroschen und verkündet das Ende der Buchdruckkunst.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Contrat Social

Jeder Mensch hat das Recht auf ein würdevolles Leben. Ihm die Chance der Verwirklichung dieses Lebens zu gewährleisten, ist menschliches und rechtliches Gebot. Dies gilt für Flüchtlinge in gleichem Maße wie für uns.

Flüchtlinge haben eine Heimat. Wenn sie diese verlassen, um an einem anderen Ort Zu­flucht finden, haben sie komplexe Gründe: Zum einen die Flucht aus einer lebensbedrohlichen Situation, zum anderen aber Selbstverwirklichung auch in wirtschaftlicher Hinsicht.

Keiner käme zu uns, wenn ein selbstbestimmtes, freies, würdevolles, beschäftigungsorien­tiertes Leben ohne Gefahr in seiner Heimat gewährleistet wäre. Deshalb sind wir vordringlich in der Pflicht, diejenigen Konfliktherde zu beseitigen, die Menschen veranlassen, ihre Heimat zu verlassen. Gleichzeitig sind wir gehalten, Infrastrukturvoraussetzungen in den konfliktbe­lasteten Gebieten zu schaffen und zu unterstützen, die Alternativen für Menschen aufzeigen, in ihrer Heimat zu bleiben und sich selbst zu verwirklichen. Solange es uns nicht gelingt, gemeinsam mit anderen Staaten, politischen Einrichtungen und den betroffenen Men­schen selbst eine befriedigende Lösung für sie und ihre Heimat herbeizuführen, werden sie zu uns kommen. Um diese Aufgabe zu bewältigen, müssen wir einen Integrationskompass erarbeiten, dem eine Wunschliste beigegeben ist, in der Flüchtlinge und Migranten, als auch die aufnehmende Gesellschaft ihre Erwartungen, Wünsche und Erfahrungen fortschreiben können, um daraus kontinuierlich ein genaueres Profil für die Umsetzung der Integration zu gewinnen.

Staat, Bürger, die Wirtschaft und gemeinnützige Organisationen sind gefragt, um gemeinsam mit allen Beteiligten auf der Grundlage eines solchen Integrationskompasses die Flüchtlings-Policy zu erarbeiten, die dann in einem Contrat Social mit der Gesellschaft und dem Staat verabredet wird und uns allen Gelegenheit gibt, den Eingliederungsprozess zu verstehen und zielorientiert und nachhaltig zu handeln. Dies verhindert Aggressionen und Ängste und fördert den Integrationsprozess menschlich und vernünftig.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kuschelflüchtlinge

Wir sollen sie lieben, die Flüchtlinge. So nett und adrett sind manche Kinder anzusehen, denen engagierte Mitbürger auch die letzten Kuscheltiere aus dem Schrank ihrer Kinder räumen. Die Bilder sind wonnig. Gegen das Engagement dieser Mitbürger ist überhaupt nichts einzuwenden. Sie empfinden Empathie und sehen eine Aufgabe, die sie entsprechend ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten ausfüllen. Aber, mit dieser Hilfswilligkeit kann es nicht getan sein. Das Flüchtlingsthema ist kein solches, welches der Winter wieder beseitigt oder nur mit politischem Asyl zu tun hat.

Das Drehbuch zum Flüchtlingsthema wird von einer Zwangsläufigkeit geschrieben, die berücksichtigen sollte, dass es stets Migrationen gegeben hat und eine solche gerade stattfindet. Wir sollten darauf vorbereitet sein, denn sie ist normal und trägt dem Umstand Rechnung, dass hier das Verteilungspotential weit höher ist, als zum Beispiel im Nahen Osten oder Afrika, in Zentraleuropa ein Vakuum von Kindern entstanden ist und die Lebensbedingungen in manchen Teilen der Welt bekanntermaßen sehr schlecht sind.

Hinzukommt, dass auch in den entlegensten Gegenden via Internet Informationen abgerufen werden können, die das Risiko für Menschen, in völlig unbekanntes Terrain vorzudringen, mindert. Flüchtlinge, die nach Europa kommen, wissen oft schon sehr gut Bescheid, kennen sich aus und sind mit der Mechanik unserer Gesellschaft vertraut. Sie sind auch entgegen einem weit verbreiteten Argwohn hierzulande äußerst intelligent und anpassungsfähig und dadurch in der Lage, unsere persönlichen Defizite im Lehrlings-, Arbeitnehmer- und Wissenschaftsbereich auszugleichen.

Unsere Angst vor Überfremdung mag dabei darauf beruhen, dass wir uns dem nicht gewachsen glauben und uns trefflich in eigener Bequemlichkeit eingerichtet haben. Dies wohlwissend, dass auch dieses Versprechen nur auf Zeit und nicht für die Ewigkeit gilt. Wenn wir unsere Schockstarre überwunden haben und wieder handlungsfähig sind, sollten wir Modelle und Überlebensmodelle entwerfen, die dies berücksichtigen. Mit Grenzen und Zäunen werden wir nichts ausrichten, vielleicht aber mit kultureller und wirtschaftlicher Stärkung in den Krisenregionen Afrikas und Vorderasiens.

Unser Beitrag zu diesem Desaster, aus wirtschaftlicher Gier geboren, verbunden mit militärischem Großmannsgehabe ist unübersehbar. Wenn wir das Primat des nur Wirtschaftlichen aufzugeben bereit sind und gesellschaftliche Lösungen für Regionen jenseits staatlicher Egoismen anstreben, könnte darin eine Chance liegen, die auch Flüchtlinge dazu bewegen könnte, in ihrem Heimatland zu bleiben und am Aufbau einer Gesellschaft mitzuwirken, die Alternativen zu unserer bietet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski