Schlagwort-Archive: Fortschritt

Heinz Dürr Nachruf

Der Schwabe Friedrich Hölderlin sagte einst mal, dass der Tod ein Bote des Lebens sei und der Weimarer Johann Wolfgang Goethe ergänzte: „Mein Leben war das ewige Wälzen eines Steins, der immer von neuem gehoben werden musste.“ Das passt für Heinz Dürr, der auch den Schriftsteller und Dichter Goethe sehr verehrte.

Die Familie Dürr hat ihrer Traueranzeige den damit korrespondierenden Spruch vorangestellt, dass wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen sollten. Das Leben war für Heinz Dürr eine Aufgabe, die er pflichtgemäß zu erledigen hatte. Dieses Wälzen eines Steines, um im Bild Goethes zu bleiben, machte ihn zuweilen rastlos und ungeduldig. Die Ungeduld, die ihn trieb war aber konstruktiv, denn es gab immer viel für ihn zu tun. Er hatte sich der Arbeit verschrieben beim Aufbau der Dürr AG, als Verhandlungsführer bei Tarifkonflikten, als AEG- und Bahn-Chef, im „Forum für erneuerbare Energie“ zusammen mit der Schlecht-Stiftung in Stuttgart, in seiner eigenen Stiftung, der Heinz und Heide Dürr Stiftung, der Walther Rathenau-Gesellschaft und in vielen sonstigen ehrenamtlichen, privaten und öffentlichen Verpflichtungen.

Er war ein außerordentlich kluger und wichtiger Gesprächspartner, Ratgeber und guter Freund, voll Empathie, Witz und Wärme. Es war erfrischend, mit ihm zu sprechen und von ihm angesprochen zu werden. Jeder von uns hat diese Erfahrung gemacht. Er liebte Gedankenexperimente, hatte sich mit AI und KI auseinandergesetzt, auch etliche Bücher geschrieben und dabei zuweilen Cato, Ray Kurzweil und natürlich auch Walther Rathenau als seine Sparring-Partner für fiktionalen Gespräche bemüht.

Wie in „Die Physiologie der Geschäfte“ faszinierte Heinz Dürr im Sinne der Schriften von Walther Rathenau „Die kommenden Dinge“ – ebenfalls von Walter Rathenau – und was zu tun sei, um Fortschritt menschlich zu gestalten. Der Mensch sei kein Geschäftsmodell und Bildung von Anfang an sowie kulturelle Erfahrungen waren ihm genauso wichtig, wie wirtschaftliche Erfolge. Deshalb kümmert sich die Heinz und Heide Dürr Stiftung erfolgreich mit ihrem Early-Excellence-Programm um Kindergärten und Familien deutschlandweit, ferner um Autorentheater und andere kulturelle Vorhaben, aber auch um seltene Krankheiten, um nur einige der Aktivitäten der Stiftung zu nennen.

Bis zuletzt war Heinz Dürr nicht nur geschätzter Gesprächspartner für große Unternehmen, sondern auch in der Start-Up-Szene beratend aktiv. Er war ein integrer Mensch, der das beständige und entschiedene Handeln liebte.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Konservativ

Was versteht man unter konservativ? Wie stellt man sich konservative Menschen vor? Allgemein wird konservativ mit rückständig, rechts und fortschrittsavers verbunden. Ist das richtig?

Conservare ist lateinisch und kommt von Erhalten und Bewahren. Etwas zu erhalten und zu bewahren, ist weder ehrenrührig, noch rückständig. Errungenschaften zu erhalten und zu bewahren, gehört zu unserer Lebenssubstanz, um daraus wieder Neuerungen und Veränderungen abzuleiten. Antagonismen zu konstruieren, wo eigentlich keine sind, bedient den politischen Willen Vorteile aus einer Haltung zu ziehen. Diese Haltung, ob konservativ oder modern, fortschrittlich oder linksbeschrieben, soll Zeichen setzen, hat aber mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Jeder zu bewahrende Umstand beruht darauf, dass er Zwischenmoment des Fortschrittes ist.

Wenn es zum Beispiel die Ehe zu bewahren gilt, müsste eigentlich der Blick weit in die Vergangenheit gerichtet sein und einen Zeitpunkt fokussieren, wo es überhaupt noch gar keine Eheform für Menschen gab. So verhält es sich mit jeder menschlichen Errungenschaft, ob Eigentum oder Besitz, Erbrecht oder Individualverkehr. Es gilt abzuwägen, wo Veränderungen anzusetzen sind, wo sie vorkommende Vorstellungen zu Lebenssachverhalten korrigieren sollen.

Eine Revolution, eine Disruption, die alles in Frage stellt und über den Haufen wirft, entbehrt jeglicher Legitimation, wenn sie den Wert des Vorhandenseins nicht erkennen will. Jeder konservative Mensch sollte sich glücklich schätzen, wenn er ständig Fortschrittsimpulse und Anforderungen erfährt, die ihn dazu veranlassen, vernünftig und argumentativ neue Standpunkte zu beziehen oder plausibel machen, weshalb die fortschrittlich benannten Gedanken und Handlungen nicht überzeugen oder doch.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verkrampfung

Höher. Schneller. Weiter. Ein Mantra in der Leistungsgesellschaft, die sich mit dem Erreichten niemals arrangieren kann. Die Steigerung des Erreichten ist menschliche Hybris. Doch was erreichen wir damit? Genugtuung und Freude?

Kaum jemand würde dies bejahen. Eher sind wir der festen Überzeugung, dass Fortschritt nicht anders zu erreichen ist und der damit verbundene Kollateralschaden unvermeidbar. Was wird beschädigt?

Zunächst unsere Sicherheit. Bei allem, was wir tun, müssen wir damit umgehen lernen, dass sie in Frage gestellt wird. Diese Unsicherheit schafft Aggressionen, wehrt das zu Schaffende ab und relativiert seinen Nutzen. Dem Fortschritt werden Fußangeln angelegt, und zwar nicht wegen fehlender Erkenntnis des Sinns und des Nutzens, sondern weil sämtliche Etappenerfolge in Frage gestellt und neue Leistungsziele vorgegeben werden.

Dem Fortschritt fehlt die Leichtigkeit. Er bietet sich nicht durch seine Chance an, das Erreichte zu überdenken, sondern als Gebot es in Frage zu stellen. In dieser Verkrampfung kann Fortschritt auch Ängste auslösen, die selbst dort, wo Veränderungen sinnvoll sind, Verhinderungen provoziert. Ein das Ergebnis bedenkendes Fortschreiten ermöglicht allerdings Entwicklungen, denen sich viele Menschen öffnen können, ohne zu verkrampfen. Das könnte ein Gewinn sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Groß und Klein

Am Grunde der Moldau wandern die Steine.
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag …

So Brecht und Eisler in ihrem Lied von der Moldau. Was für die Moldau gilt, gilt auch für unser Leben. Vieles ist wichtig, aber nicht so wichtig, dass wir es über die Nacht hinaus noch immer behaupten müssten. Das gilt für die Empörung, wie für die Gleichgültigkeit. Im Sinnbild des Gleichmuts eines Flusses beginnt immer wieder etwas Neues, entwickelt sich aus der Nacht der Tag. Oft nehmen wir wichtig, was uns, aber noch mehr, was andere, beschäftigt.

Das ist ein Quäntchen gut so, weil jede Form der Auseinandersetzung Entwicklung schafft. Das Beharren allerdings auf Wichtigkeiten, deren Haltbarkeitsdatum schon überfällig ist, ist nichts als nur Inszenierung. Je hohler und witzloser diese ist, umso beharrlicher wird auf die Werthaltigkeit dieser Inszenierung verwiesen.

Ob es sich um religiöse, politische, kriegerische oder sonst geartete soziale Inszenierungen handelt, ihnen wohnt inne, sich aufzuplustern, bedeutsam zu bleiben, und zwar auch dann noch, wenn der Zug schon längst weitergefahren ist. Wem oder was nützen Phrasen, wenn sie keinen Fortschritt mehr bringen können? Wem nützt eine Vergangenheit, die nicht zu lehren bereit ist? Welchem Sinn folgt eine inszenierte Zukunft, wenn sie auf Zerstörung gerichtet ist?

Gelänge es den Menschen, dem Einzelnen oder der Gruppe einmal das zuweilen Komische ihres Tuns aus einem gewissen Abstand betrachten zu können, sie müssten so lachen, dass der Tag wieder mit Freude begönne.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Höher. Schneller. Weiter.

Der Fortschritt unserer Gesellschaft wird in Geld gemessen. Mehr Geld bedeutet mehr Mög­lichkeiten des Konsumierens, des Prestiges und der Sicherheit. Der Kunde ist König. Keine Rede davon. Der Kunde ist ein Betriebsmittler zwischen Warenabsatz und Gewinn. Dieser Betrieb muss am Laufen gehalten werden, allein deshalb ist der Mensch wichtig und wird zu seinen Kaufentscheidungen verführt durch Bilder wie Imagegewinn und Freiheit. Das scheint zwar manchen Menschen lästig zu sein und dennoch ändert sich nichts. Kein Appell an ein anderes Kauf- und Konsumverhalten, kein Appell an Klima- und Energievernunft wird jemals erfolgreich sein. Alle Menschen sind interessensgesteuert. Es entspricht dem menschlichen Interesse, am Fortschritt beteiligt zu sein und nicht zu verlieren, sondern immer nur zu gewinnen. Aber den erhofften Gewinn einzufahren, wird immer verlustreicher. Der Mensch muss immer mehr arbeiten, um seinen Lebensstandard zu halten, seine Lebenszeit verkaufen, um Verluste aus­zugleichen, sich als Konsument und Warenbeschaffer auf dem Markt permanent anbieten. Er kommt nicht zur Ruhe und muss sich ständigen neuen Herausforderungen an seine Leistungs­bereitschaft stellen. Schneller, höher, weiter. Der Kampf scheint aussichtslos und dabei haben die Menschen und damit auch die gesamte Gesellschaft selten eine Einrichtung im Visier, die für die gesamten Lebenshetze mit verantwortlich ist: den Staat. Gemeint ist hier der Staat in seiner Selbstherrlichkeit als Feudalherr und Steuereintreiber. Er achtet darauf, dass die Ent­faltungsmöglichkeiten seines untertänigen Bürgers die von ihm verordneten Begrenzungen erfahren. Diese sollen ihn anstacheln, die vom Staat bewirkten Begrenzungen seiner bürgerlichen Möglichkeiten immer wieder zu überwinden zu versuchen, mit dem Ziel, eine per­manente Mittelbeschaffung aufrechtzuerhalten. Am Ende muss er sich doch erschöpft eingestehen, dass seine eigene Gestaltungsfreiheit unter die Räder gekommen ist. Nicht der Bürger gestaltet, sondern der Staat. Nicht der Bürger entscheidet für sich, was er will, was ihm gut tut und worin er die Prioritäten seines Handelns zu sehen hat, sondern der Staat, indem er ihm die Mittel zur Selbstverwirklichung entzieht und die von ihm selbst gewünschten Prioritäten des gesell­schaftlichen Handelns seines Untertanen durch finanzielle Leistungsanreize schafft. An der Policy allerdings, die diesem staatlichen Masterplan zugrunde liegt, hat der Bürger zu keiner Zeit mitgewirkt. Mangels Übersicht macht er dennoch auf eine eingefahrene Art und Weise weiter und empfindet jeden Appell an seine Mitwirkungsbereitschaft trotz aller anderweitigen Bekundungen zum Beispiel in den Be­reichen des Umweltschutzes, der Energie und der Gesundheit im Grunde als Zumutung. Der Staat selbst hat ihm verdeutlicht, dass Sparen keine Zinsen bringt, sondern der Mensch sich der staatlichen Fürsorge anvertrauen, konsumieren und sich am Ende selbst verschwenden soll.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Nix verstanden

Wir sind technisch hoch gerüstet. Wir sind die bestinformierteste Gesellschaft, die es je gab. Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet via Computer, Handys und Smartphones versorgen uns während des Tages kontinuierlich mit Informationen zu allen Tagesereignissen. Nachrichtigen im 20-Minuten-Takt. Eilmeldungen in Kopf- oder Fußzeilen während des Spielfilms. Über die Medien haben wir Informationen satt. Hinzukommen eine Fülle von Büchern, Ratgebern und Lebenshilfe nicht nur in Kulturkaufhäusern, sondern auch in Bahnsteigkiosken und auf Tankstellen. Wie in einer Endlosschleife erfahren wir über Finanzkrise, den Krieg in Afghanistan und die merkwürdigen Handlungen eines Bundespräsidenten in Zeittakten, die sogar die 3-Minuten-Schwelle unterschreiten können, wenn wir uns dazu entschließen, die Medien zu wechseln oder bewusst Informationen abzurufen. Wir sind gegen den medialen Overkill nicht mehr gefeit, zumal nicht nur unser Informationsinteresse bedient werden soll, sondern jede mediale Veröffentlichung dem knallharten Auftrag entspricht, dadurch eine Geschichte zu erzählen und Geld zu verdienen. Ob wir es wollen oder nicht, sind die Empfänger Konsumenten, ohne die die Informationsflut sinnlos wäre. Würde der Absatzmarkt stocken, hätten wir nicht nur ein Konsumentenproblem, sondern darüber hinaus auch ein wirtschaftliches Problem mit Auswirkungen auf Werbung, Markmacht und Absatz. Nur, wie viele Informationen verträgt der Mensch? Die Dauerherausforderung führt zur Abstumpfung und zwingt den Informationsproduzenten dazu, über neue und vielleicht sogar auch gewagtere Thesen zu liefern oder auch Ereignisse zu eruieren, die bei gesundem Menschenverstand als solche überhaupt nicht relevant erachtet werden. Natürlich ist der Mensch in der Lage, zwischen verschiedenen Informationen auszuwählen ob die eine oder andere für ihn wichtig ist, das wichtige auszusondern und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das bedeutet aber schon, dass ein Präklusionsprozess in Gang gesetzt worden ist. Dies wiederum bedeutet, dass die Information den Menschen überhaupt erreicht hat. Dieser Präklusionsprozess selbst beinhaltet viel Kraft und Filtermöglichkeiten, die nicht nur viel Zeit zum Beispiel beim Aussondern der wichtigen E-Mails verlangen, sondern zu Ermattungen führen, die dazu angetan sein können, selbst wichtigen Spuren nicht  mehr nachzugehen. Nachdem 100 E-Mails durchgescrollt worden sind, ist der User seines Smartphones nicht mehr in der Lage, sich daran zu erinnern, was er davor eigentlich vorhatte. Da bei den meisten Informationskonsumenten keine realen Aufzeichnungen mehr geführt werden, findet der Erinnerungsprozess auf die selbst ermüdende Art und Weise wiederum in den Medien statt mit der Folge, dass der Prozess selbst schon als Arbeit wahrgenommen wird und sich der Erkenntnisprozess darauf beschränkt, auf die unmittelbar wahrgenommenen Informationen noch zu reagieren. Das Sprichwort: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ ließe sich hier ergänzen, und zwar in Bezug auf sämtliche Medien: „Was ich gesehen, gelesen oder gehört habe, gehört im Moment des Wahrnehmens bereits der Vergangenheit an, nur noch ganz wenige existentielle Herausforderungen berühren den Menschen und leiten Reflexionen, reale Auseinandersetzungen und einen Prozess des Commitments ein. Der Mensch ist sich seiner Situation durchaus bewusst, kaschiert den Prozess der Auswahl und des Vergessens mit der Behauptung des Engagements. Wenn für den Menschen die eigene Situation drängend wird, reagiert er in Kenntnis des allgemeinen Verdrängungsprozesses meist hektisch und versucht, alles zu mobilisieren, um in möglichst kurzer Zeit zum Ziele zu gelangen. Der moderne Mensch weiß dabei sehr genau, dass – wenn er nur einen Moment nachlässt, um das für ihn wichtige Projekt zu realisieren – dieses aus dem Sinn gerät, möglicherweise bei ihm selbst sogar, aber vor allem bei denjenigen, die er als Mitspieler benötigt. Erklärungsversuche für diese neue Welt finden sich in zahllosen Publikationen. Es wird abgestellt auf die Komplexität unseres Lebens, die kybernetischen Fähigkeiten, die ein Mensch heute beweisen muss und die neuen Herausforderungen zum Beispiel durch ständige Beteiligungsprozesse und systemische Regelungen. Diese Deutungsversuche erweisen sich aber in der Regel nicht als hilfreich, sondern verstärken sogar den Prozess der Ermüdung. Der Mensch erfährt, dass er den Ansprüchen – seinen eigenen und fremden – nicht mehr gewachsen ist, schüttelt den Apparat bis ihm dieser verkündet: tilt. Aber mit der Erfahrung wieder auf Start zu gehen und neu zu beginnen, ist sehr schwierig, denn der Mensch hat nicht nur ein technisches Problem zu lösen, sondern zu diesem gesellt sich sein Körper, sein Verstand uns seine Seele. Der Mensch stellt sich die Frage, ob es noch sinnvoll ist, was er macht und will gleichzeitig mithalten, nicht ausgegrenzt sein. Nicht nur Burnout, Boreout und andere modische Erscheinungen sind die Folge, sondern auch eine Regression in den menschlichen Möglichkeiten über Fantasie, Distanz zu den Medien und den technischen Möglichkeiten, über Logik und Verstand zur Erkenntnis zu gelangen, die unsystematisch dazu beitragen können, den Fortschritt zu gestalten. Wenn der Mensch sich etwas weigert, aus taktischen Gründen zumindest etwas nicht verstehen will, hat er sich möglicherweise einen Freiraum erobert, den er nach Lust und Laune gestalten kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski