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Identifikation

Was verstehe ich unter Identifikation?

Eine Eigenschaft, sich auf einen anderen Menschen oder einen Zustand in der Weise einzulassen, dass der Mensch oder der Zustand nicht nur mein Einverständnis findet, sondern auch zu einem Teil meiner eigenen Wahrnehmung, möglicherweise sogar zu meiner eigenen Persönlichkeit, zwar nicht körperlich, aber doch irgendwie geistig, seelisch, kurzum spirituell werden kann.

Alle Varianten scheinen mir möglich, hervorgerufen durch Stalking, Verehrung, bis hin zu Formen der Assimilation, also der Ich-Findung im Anderen. Rollenspiele, auch die Schaffung von Kulturaltären für Idole, Environments mit allen greifbaren Identifikationsaccessoires, die erwerbbar sind, die Aufgabe der eigenen emotionalen, spirituellen und kognitiven Identität zugunsten einer anderen, all dies ist möglich. Teilweise geschieht dies in Gruppenerlebnissen oder persönlich in Nachahmung des Identifikationsgegenstandes. Das passiert aber wozu?

Möglicherweise erlebt der Mensch durch diese Form der Identifikation einen Austritt aus seiner potentiellen Vereinzelung. Er wird dank der Identifikation bedeutender. Er erfährt Solidarität, und zwar schon dadurch, dass er sich auf den Prozess der Identifikation einlässt. Identifikation wirkt auch entlastend von eigenen Beschwerden und Unzulänglichkeiten. Durch Identifikation wird eine Zuwendung einer Person oder eines Zustandes zugelassen, die dem Zuwendenden eine Aufgabe beimisst, der dieser sich widmen kann, ohne Gefahr zu laufen, für den sich Identifizierenden konsequent einstehen zu müssen. Oft wissen die Beteiligten überhaupt nichts voneinander. Da eine reale Identität unter ihnen nicht begründet wird, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, sich jederzeit von dem Versuch der Identifikation wieder loszusagen. Mitgefühl, Mitleid, alle Formen des geistigen und emotionalen Austausches sind Attribute der Identifikation, die auch zu einem aktiven Handeln führen können.

Problematisch, ja gefährlich wird die Gefährdung einer tatsächlichen oder nur vorgestellten Konkordanz der Beteiligten, wenn die Identifikationsillusion offenbart, dass es Abweichungen zwischen den Vorstellungen der Beteiligten gibt. Jede Abweichung kann als Verletzungshandlung, ja sogar als Angriff gewertet werden und gefährdet das Rollenspiel. Der seiner Identifikationsmöglichkeit so beraubte Mensch fühlt sich getäuscht und glaubt sich zur Rechtfertigung berechtigt, seine Illusion durch Beseitigung einer Person oder eines Zustandes, mit dem er sich identifiziert hat, zwecks Wiedererlangung seiner früheren Identität herbeizuführen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schlagen und singen

Der eine ist Boxfan, der andere Opernfan. Der Boxfan hat, soweit er dies organisieren und sich auch leisten konnte, keinen wesentlichen Boxkampf der letzten fünf Jahrzehnte ausgelassen. Von dem Opernfan ist zu berichten, dass er im etwa im gleichen Zeitraum sämtliche gängigen Opern und diese sogar weltweit angesehen hat. Beide haben Archive ihrer Leidenschaften an­gelegt.

In Gesprächen habe ich versucht herauszufinden, wie sie ihre Zuwendungen erlebt haben, welche Perspektiven sich daraus ergeben und was sie verbindet. Auf eine mir nachvollziehbare Art und Weise sind Singen und Schlagen einander verwandt. Auch wenn der eine kein Boxer und der andere kein Sänger ist, so haben sie sich doch Stellvertreter geschaffen, die rational und emotional das verkörpern, was sie selbst schon immer gewesen sind, aber aufgrund der Umstände objektiver und subjektiver Art nie sein konnten.

Dagegen mögen der soziale Hintergrund, die berufliche Stärke, die sie beweisen mussten und ihre eigenen Konstitutionen bzw. Fähigkeiten zu boxen oder zu singen, keine entscheidende Rolle gespielt haben. Aber gerade deshalb sind sie in dieser bei einem Besuch einer Veranstaltung und ihrer Vor- und Nachbereitung vorgenommenen Transformation in die Stellvertreter authentisch, möglicherweise viel wahrer als in der alltäglichen Verkleidung.

Was sie sich durch die Identifikation schaffen, entlastet sie von vielen alltäglichen Sorgen und Nöten. Es gibt ihnen die Sicherheit, sie selbst und ein anderer Mensch zu sein, der an einem Abend zu zeigen vermag, was alles noch in ihm steckt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski