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Eindeutigkeit

Bereits umgangssprachlich versuchen wir uns, der Eindeutigkeit zu versichern, wie zum Bei­spiel durch Floskeln, wie „genau“ oder „geht klar“. Dabei ist nichts klar, eindeutig und genau. Wenn wir uns der Floskeln bedienen, können wir auch gar nicht davon ausgehen, dass unser Gegenüber das Gesagte auch für bare Münze nimmt. Es soll uns aber entschulden von dem Verdacht, nicht offenherzig gewesen zu sein. Unser Gesprächspartner soll glauben, es sei so, wie wir es sagen. Das, was sich im Umgang mit den Menschen abspielt, ist auf keinen Bereich der Darstellung und der Kommunikation beschränkt. Immer versuchen wir Eindeutigkeiten zu produzieren, ob in der Wissenschaft, der Wirtschaft oder Philosophie, um nur einige Bereiche zu nennen.

Dabei wollen wir uns nicht eingestehen, dass es überhaupt keine Eindeutigkeit an sich geben kann, weil alles Sein einerseits auf unterschiedlichen Wahrnehmungen beruht, andererseits sich auch in allen Aggregatzuständen als komplex zeigt. Alle menschlichen Erwartungen, alle gesellschaftlichen Experimente, ob Bürgerkriege, Revolutionen oder Ideologien – um nur zunächst diese ungewissen Bereiche zu benennen – entsprechen einer sich fortschreibenden menschlichen Erfahrung und sind deshalb unverzichtbare Werkzeuge erlebter Neuordnung unserer Welt.

Wir sind darauf angewiesen, uns immer wieder an diese neuen Herausforderungen und Situationen zu adaptieren, erwartungsoffen gegenüber allen Argumenten – seien diese emotional, rational, juristisch, fiskalisch, religiös oder sogar absurd. Selbst die Lüge ist eine unverzichtbare menschliche Wahrheit. Wir wissen um ihre Kraft des Guten und des Verderbens, aber vertrauen auf unsere Wahrnehmung des Entdeckens oder Nichtendeckens, je nachdem, welche Perspektive wir als opportun empfinden.

Wenn wir uns der Erkenntnis nicht verschließen, dass es keine Eindeutigkeiten gibt, könnten wir bei aller verbleibender Skepsis von allen argumentativen Angeboten profitieren, dabei ohne Wahrheitscamouflage Argumente akzeptieren, und zwar selbst dann, wenn sie uns in jeder Hinsicht unpassend erscheinen, um aus der Vielzahl von Darstellungen und Meinungen ein größeres Maß an Sicherheit bei der Beurteilung zu gewinnen. Scheuklappen bergen die Gefahr, dass wir uns trotz beschworener Genauigkeit und Klarheit in einer Welt verrennen, die so nicht ist, wie ich es mir zum Beispiel persönlich wünsche. Es ist nicht nur meine Welt, sondern unsere Welt und diese ist vielfältig, nie eindeutig.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

CVJM

„Auf und mach´ das Banner Licht, ob das Wetter niederbricht, frisch hinausgeschritten, denn wir bleiben immer da, Christi junge Kämpferschar, er in unserer Mitten!“ So singend zogen wir als junge Kerle durch unsere Welt, organisierten Zeltlager, überfielen Pfadfinder, raubten ihnen ihren Wimpel. Diese überfielen wieder uns und raubten uns den Wimpel. Wir machten Kanufahrten und beteten, spielten miteinander, zelteten, unternahmen Fahrradtouren.

Wir waren Kameraden und hatten uns verabredet, zudem noch gute Christen zu sein. Es war eine herrliche Zeit. Die Lieder, die wir damals sangen, kommen mir heute komisch vor. Wir hatten Uniformen und Parolen. Wir sangen auch: „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord …“. Es gab durchaus Lieder, die bereits bei der Hitlerjugend gesungen wurden.

Dies waren auch Vorbehalte, die zumindest in Deutschland gegen Jugendgruppen vorgebracht wurden. Natürlich sind sie nicht von der Hand zu weisen. Die Begeisterungsfähigkeit von Kindern und jungen Menschen kann immer missbraucht werden, von Ideologien und Religionen. Aber das Andere ist auch wichtig zu betonen, dass Gemeinschaften gerade jungen Menschen Gelegenheit geben, sich gemeinsam zu vergewissern, an Lebensstabilität zu gewinnen und außerhalb des elterlichen Einflussbereiches sowie der Schule, Erfahrungen zu sammeln und zu sehen, was das Leben so bietet. Deshalb haben Kinder- und Jugendgangs eine große Anziehungskraft, die derjenigen von religiösen Kinder- und Jugendgemeinschaften sehr ähnlich ist. Sie vermitteln Halt und Anerkennung. Sie sind aber auch leicht manipulierbar durch Erwachsene, die Begeisterungsfähigkeiten in die für eigene Interessen nützliche Bereiche lenken. Dem kann man nur bedingt durch Verbote begegnen.

Sinnvoll ist es vielmehr, die Organisationskraft und Möglichkeit von Kindern und Jugendlichen zu stärken, ihnen nicht nur im Bereich Sport, sondern auch in allen sonstigen Bereichen noch mehr Möglichkeiten zu eröffnen, als dies heute geschieht. Wenn wir der Verführbarkeit von Kindern und Jugendlichen entgegenwirken wollen, müssen wir Begegnungsstätten stärken, in denen Kontroversen ausgetragen werden können. Die Zeit im CVJM war für mich sehr wichtig. Zum Gotteskrieger bin ich aufgrund meiner Erfahrungen nicht geworden, aber es war schön, für etwas einstehen zu dürfen und daraus eine pragmatisch integre Haltung für den Alltag abzuleiten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski