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Prognosen

Faszinierend ist, dass wir uns gerne mit Erwartungen beschäftigen, die außerhalb unserer Beurteilung liegen müssen, weil wir weder die Kompetenz haben, den Gegenstand unserer Erwartungen richtig einschätzen und beurteilen zu können, noch sicher sind, zu leben, wenn künftig Entwicklungen eintreten, die sich auf den Gegenstand unserer Erwartungen beziehen können. Was legitimiert uns dennoch zu der Kühnheit, jenseits unseres Wahrnehmungshorizontes Prognosen abzugeben? Besitzen wir die Fähigkeit, künftige Entwicklungen zu deuten, indem wir uns das vorhandene Wissen erschließen?

Ausgeschlossen ist dies nicht. Schon vor 2.000 Jahren beschrieb Lukrez die „Natur der Dinge“ so verbindlich, dass wir, wenn wir diese aufgeschlossen lesen, das Maß unseres möglichen Verhaltens erkennen und daraus auch künftige Entwicklungen ableiten könnten. Jede Entwicklung im menschlichen Leben geschieht durch Nachahmung, und zwar angefangen vom Kleinkind bis zur Schaffung von Nationen auf allen Ebenen. Wenn man diesen Effekt auf die Probleme des Klimaschutzes und die Erhaltung unserer Umwelt überträgt, bedeutet dies, dass, wenn ein Mensch sich verpflichtet fühlt, andere Menschen durch sein Handeln anzustiften, Sinnvolles zu tun, sich aufgrund des Nachahmeeffekts diese auch veranlasst sehen, selbst dann mitzumachen, wenn damit für sie Einschränkungen und Verhaltensänderungen verbunden sind.

Da Dank Internet und Social Media die Bereitschaft wächst, andere nachzuahmen, geraten Verhaltensweisen, die auf Abgrenzung und Verweigerung beruhen, ins Hintertreffen. Singuläres Verhalten offenbart Hilflosigkeit und verdeutlicht die Einsamkeit desjenigen Menschen, der sich der Gemeinschaft verweigert. Nur in der Interaktion mit anderen Menschen können wir lernen, die Zukunft für kommende Generationen zu gestalten und zu erhalten, indem wir unsere eigene Handlungsmacht nicht von Attributen, wie zum Beispiel Geld und persönlicher Durchsetzungskraft ableiten, sondern von der durch Nachahmung erworbenen Fähigkeit, Sachverhalte neu einzuschätzen, zu bewerten und Prognosen für sinnvolle Veränderungen abzugeben.

Um dies erfolgreich zu bewerkstelligen, müssen wir erkenntnisfähig sein, bereit sein, eigene Fehler zu korrigieren und statt querzudenken, uns um Wissen bemühen, anstatt andere Menschen mit unserer Meinung zu bedrängen, zuzuhören. Wenn wir dies beherzigen, darf eine Zukunft, die wir weder schon kennen, noch möglicherweise altersbedingt kennen lernen werden, für uns schon jetzt erfahrungsoffen sein. Stärken wir nicht nur unser eigenes Bewusstsein, sondern dasjenige der Gesellschaft insgesamt, damit sie sich aufgrund dieser Wahrnehmung mutvoll und entschlossen, aber auch risikobereit und segensreich für die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder engagiert.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski