Schlagwort-Archive: Konsequenzen

Traurige Geschichte

Als Paladin dem Käfer auch noch das letzte Bein ausriss, hatte er nur den einen Gedanken: Ich muss mich an dem Tier rächen. Aber der Gedanke war ihm bereits langweilig geworden. Er war nur das äußerst Fassbare, sozusagen ein neutraler Rettungsring in einer dumpfen Leere. Das Ausreißen der Beine schien durchaus Sinn zu machen, ein Versuch, der Leere etwas entgegenzusetzen, zum Beispiel Schmerz. Zunächst war wohl der Schmerz nicht seiner. Kein abgerissenes Beinchen tat ihm weh und ob es überhaupt weh tut? Das Tier hatte nicht geklagt.

Nach dem Verlust aller Beine zertrat Paladin den Körper. Der war jetzt auch nicht mehr wichtig. Paladin erfuhr dabei Ekel. Der dadurch freigesetzten Scham begegnete er durch Vernichtung des Gedankens daran. Damit war alles weggedacht und es blieb die Leere. Diese war schmerzhaft. Paladin rebellierte gegen Gleichmut, Unschuld und Schönheit gleichzeitig. Paladin rebellierte gegen das Vergessen und das fest gefügte Erinnern. Paladin war weder gemein, noch Sadist. Er war nur traurig über seine Ahnungslosigkeit und beklagte bitter die Grenzen seines Empfindens. (aus: Hans vom Glück, Beinahe russische Geschichten)

 

Meiner Wahrnehmung nach ist Putin ein unglücklicher, am Leben verzweifelter Mensch, weil er keinerlei Empfindungen mehr hat. Dadurch, dass er andere quält und peinigt, versucht er festzustellen, ob sich Gefühle wieder bei ihm einzustellen vermögen. Zur Verstärkung seiner Trostlosigkeit ist es aber nicht der Fall. Er hat sich selbst eingebunkert, abgeschottet von der Welt und jedem Gefühl und keiner wagt es, ihn zu berühren. Angesichts des von ihm geplanten und veranstalteten Schreckens kann seine Tat nicht, auch nicht durch Selbstmitleid, aufgewogen werden.

Wäre ihm aber begreifbar zu machen, dass sein Selbstmitleid jede Möglichkeit seiner Erlösung verhindert, könnte er Konsequenzen für sich ziehen? Denn auch er hat einmal gelebt und geliebt, wenn auch vor langer Zeit, oder? War er vielleicht auch einmal ein trauriges Kind? Und was vermag Trauer bei ihm auszulösen?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vertrauen

Vertrau mir! Auf allen Kanälen wird um Vertrauen geworben. Vertrauen in die Politik, in die Währung und sogar ins Internet. Vertrau mir! Das ist das mit Erwartungen verbundene Mantra unserer Gesellschaft. Ist das aber so einfach?

Derjenige, der vertraut, hat aufgrund konkreter Verabredungen die Überzeugung, dass das Vorgestellte sich auch erfüllt. Vertrauen basiert also nicht auf Mutmaßungen und vagen Erwartungshaltungen, sondern folgt konkreten, strukturierten, erfassbaren Gegebenheiten. Das auf dem Markt und in den Medien eingeworbene Vertrauen basiert in der Regel aber nicht auf Fakten, ist nicht strukturiert und auch nicht spezifiziert, obwohl jeder Adressat dieses Werbens sich angesprochen fühlen soll.

Es gibt ohnehin kein allgemeines „Vertrauen“, sondern nur spezifisches Vertrauen. Es gibt ein Vertrauen des Gebers und ein Vertrauen des Nehmers. Das Vertrauen des Gebers basiert auf der eigenen Einschätzung der Umstände einschließlich des Risikos, im eigenen Vertrauen getäuscht zu werden. Der Vertrauensbruch hat dann auch keine unüberwindbaren Konsequenzen, sondern führt allenfalls zur Veränderung des eigenen Verhaltens und Anpassung an neu zu beurteilende Umstände. Die Erwartungshaltung des Adressaten eingeworbenen Vertrauens ist dagegen ganz anders strukturiert.

Die Erwartungshaltung ist weit verletzlicher, gefühlsbetont und ohne Berücksichtigung des Scheiterns. Die Vertrauensbekundung des Empfängers korrespondiert allerdings mit Misstrauen und lässt es so zu, dass all das, was noch kurz zuvor für richtig empfunden wurde, bei Gefährdung des Vertrauens nun als abwegig behandelt wird. Das Misstrauen mag nicht gerechtfertigt sein, bemächtigt sich aber, obwohl es nicht faktengestützt ist, des Empfängers einer Botschaft. Daher wäre es sinnvoll, vom inflatinonären Gebrauch des Begriffes „Vertrauen“ abzusehen und vielmehr die konkrete Basis des Vertrauens so zu strukturieren, dass auch der Empfänger entsprechender Verlautbarungen sich darauf verlassen kann. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Das ist gut gesagt, aber in der Wirklichkeit nicht zu meistern. Die Kontrolle versagt an den Möglichkeiten des eigenen Beurteilens und Eingreifens, zumindest in der Regel. Daher sollte von Vertrauen nur dann die Rede sein, wenn man sich darauf verlassen kann und der Missbrauch des Vertrauens nicht nur mit Konsequenzen bedroht wird, sondern diese im Falle des Missbrauchs auch umgesetzt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Theorie und Praxis

Noetik ist die Theorie der Denktätigkeit. Theletik ist die Lehre vom Willen zu Handeln. Pragma ist die Anschauung des tatsächlichen Tuns. Kopfloses Handeln bringt uns nicht weiter, deshalb ist das Denken unumgänglich für sinnvolles Tun. Aber auch Denken, das keine Handlungsoption hat, erschöpft sich im Konjunktiv, könnte, sollte und wäre gut.

Um der Gefahr von zusammenhangslosen Parallelitäten zwischen Denken und Handeln zu begegnen, muss eine verlässliche Verbindung geschaffen werden, und zwar der auf der Theletik beruhende Wille zum Handeln. Diese Lehre greift nicht ein, sondern zeigt die Strukturen des Handelns auf, ermöglicht Plattformen und vergewissert sich sämtlicher Argumente, die für oder gegen das Handeln in der konkreten Form sprechen.

Erstaunlich, wie unüberlegt viele doch handeln, also ohne die Konsequenzen zu bedenken. Erstaunlich auch, wie wenig vom Wahrnehmen und Denken umgesetzt wird. Ich vermute, dass die Defizite gerade dieses fehlende Scharnier zwischen Denken und Handeln in unserer Zeit ausmachen.

Tu doch was, mach doch was, irgendwas. Dieser Slogan unserer Studentenzeit kann uns nicht mehr freuen. Aber auch zu erkennen, dass vieles in unserer Gesellschaft schiefläuft und dennoch nichts zu tun, macht unsere Agonie gleichermaßen deutlich. Nein, sicher, es gibt kein Patentrezept, aber Menschen haben in Ausnahmesituationen stets gezeigt, zu welchen Heldentaten sie fähig sind. Ist es nun nicht wieder an der Zeit, dass Menschen sich auf diese Fähigkeiten besinnen und durch Vorbild, Integrität, Reflexion, Empathie und Können gerade diesen Weg beschreiten, um nicht nur Proteste loszuwerden, sondern tätig einzugreifen, gemeinsam mit anderen Missstände zu beseitigen, um den Lebenserfolg zu sehen, ggf. auch zu genießen.

Dass dies möglich ist, zeigte nicht nur Nelson Mandela, Pablo Neruda oder Mahatma Gandhi. In jedem Menschen stecken Fähigkeiten, die er in diesem einzigartigen Leben nicht nur für sich, sondern auch für andere, unsere Gesellschaft und die Welt nutzen kann. Er kann und sollte sie auch dafür nutzen, alle diejenigen zu beeindrucken, die versuchen durch Verunglimpfung, Einschüchterung, Verhöhnung und Falschinformation selbstverständliche Mitmenschlichkeit in Frage zu stellen. Wir haben sehr viel nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder und die ganze Gesellschaft zu verlieren, wenn wir nicht überlegt und planvoll handeln.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Umdenken

Nur wenn wir unser Leben nicht nur politisch begreifen, sondern unsere Risiken insgesamt abschätzen lernen, unser eigenes Verhalten analysieren und bereit sind, mit den guten aber auch schlimmen Konsequenzen zu leben, vermögen wir unserer Verantwortung gerecht zu werden. Diese Verantwortung kommt nicht nur bei kriegerischen Auseinandersetzungen zum Tragen, sondern in allen Bereichen unseres Lebens, z. B. in der Familie, in der Orientierung des Einzelnen gegenüber dem Staat und dergleichen   mehr.   Es   entspricht z. B.   nicht   unserem archaischen Muster, dass die Familie zunehmend verfällt. Es ist zu bedenken, dass der Staat hierfür verantwortlich ist und zwar, weil er einerseits die Stärkung der Familie politisch-programmatisch festgeschrieben hat, andererseits durch die Alimentierung weiterer Bevölkerungskreise z. B. bei der Renten-, Krankenversicherung etc. dafür sorgt, dass die Familienverbände als nicht mehr wichtig angesehen werden, es nicht mehr ernst ist mit der Eigenverantwortung über Generationen hinweg in wechselseitiger ideeller und materieller Stärkung. Nur die Jüngeren sind so dem Staat gegenüber verantwortlich, und die Älteren versuchen, dem Staat das Geld wieder wegzunehmen. Somit findet der direkte Austausch zwischen den Generationen nicht mehr statt, gefährdet den familiären Zusammenhang.

Auch hier ist ein Umdenken erforderlich, d. h. das Postulat der Familie, untereinander wechselseitig zu sorgen, sollte Verfassungsrang erhalten und nicht nur dem Schutz des Staates unterstehen. Wenn die Familie wieder eine Errungenschaftsgemeinschaft ist und kein lästiger Verbund, der zu meiden bzw. dem zu entfliehen wichtiges Lebensprinzip wurde, könnten Hilfe und Unterstützung gewährt werden, z. B. durch Gewährung großzügiger Unterstützungsfreibeträge. Hierdurch käme es zu einer nachhaltigen Entlastung des Staates, weil es Anliegen von Generationen wäre, erhaltene Leistungen wieder zurückzuführen.

Was damit aufgezeigt werden soll ist die Gewissheit, dass archaische Muster, wenn sie angenommen werden und der Weiterentwicklung dienen, geeignet sind, Familien zu erhalten, den Staat zu entlasten, Kriege zu vermeiden und zur Integritätssicherung beizutragen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verweigerung

Wenn ich mich verweigere, missachte ich ein bestehendes Gebot. Ich mache nicht mit, widersetze mich, setze mich darüber weg, folge weder einem Trend, noch einer Anordnung. Mit Konsequenzen muss ich üblicherweise rechnen, allerdings ist dies nicht zwangsläufig.

Verweigerungen können sowohl mehrheitsfähig sein, als auch dazu führen, dass meine Haltung mich ausgrenzt und für mich Nachteile bringt. Soweit meine Verweigerung nicht nur die Reaktion auf unterschiedliche Angebote darstellt, kann sie systemische Auswirkungen sowohl für mich als auch für andere haben.

Verweigere ich es zum Beispiel aus politischen, ethischen oder religiösen Gründen, eine Waffe in die Hand zu nehmen oder die Nahrungsaufnahme, um einen für mich wichtig erscheinenden Erfolg durchzusetzen, müssen sich andere Menschen mit der durch meine Verweigerungshaltung provozierten Situation beschäftigen.

Verliert die Verweigerung dabei ihren ausschließlich persönlichen Charakter und wird Teil einer gesellschaftlichen Programmatik, so kann sie die Grundlage dafür sein, dass sich aus der Verweigerung Gebote entwickeln. Nicht jede Weigerung kann mit einem Erfolg rechnen, außer sie besteht darauf, dass eine Entscheidung des Menschen niemals programmierbar ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski