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Dünkirchen

In meinem Besitz befindet sich eine Kopie des Abschlussberichts über den Kampf „Ostwärts Dünkirchen und die Einnahme von Dünkirchen am 04.06.1940“, verfasst von dem Infanterieregiment 337 am 27.09.1940. Nach eingehender Beschreibung aller Kämpfe unter Verwendung von Vokabeln wie „das Säubern feindlicher Stellungen“ und dem Hinweis, dass sich der stürmenden Truppe, gemeint ist die deutsche Truppe, ein Bild des Grauens bieten würde, schließt der Bericht: „Die dem Regiment zugefallene Beute während des Kampfes und nach Abschluss der Übergabe war unübersehbar. Erst in wochenlanger anstrengender Arbeit konnte ein Überblick über die Beute gefunden werden. Die Beutezahlen sind laufend gemeldet worden. An Gefangenen brachte das Regiment allein 18.000 Offiziere und Mannschaften ein.“

Der Bericht gibt einen Einblick in eine personalisierte Sprache, die keine menschliche Erfahrung und kein Empfinden wie Schmerz, Wut und Trauer mehr zulässt. Das mag bei kriegerischen Auseinandersetzungen so gewollt sein, belegt aber vor allem, dass wir es offenbar gelernt haben, das Töten und Verletzen sprachlich so zu verpacken, dass wir in die Lage versetzt werden, auch noch die schlimmsten Eingriffe in Lebensordnungen unter strukturell sauber dargelegten Aspekten zu begreifen und sogar Verständnis für die angeblich zwecknotwendigen soldatischen Aufgaben zu entwickeln.

Entgegen der Erwartungen spiegelt der Abschlussbericht den Narzissmus jener Zeit nicht wider, sondern beschreibt unerbittlich die Zwangsläufigkeit soldatischen Handelns. Der Durchbruch gelingt, der Gegner kapituliert. Es wird Beute gemacht. Kein Mensch kann Beute seines eigenen oder eines fremden Staates sein. Auch nicht durch eine kollektive Verabredung kann Gewalt gerechtfertigt werden, so wenig, wie ein Mensch Gewalt, die ihm durch ein Kollektiv angedroht wird, erleiden darf.

Es gibt keine Rechtfertigung für Krieg, Folter, Hinrichtungen, Quälen und Auslöschen des Lebens, weder durch Deutschland, noch durch andere Staaten. Zudem, wie gewonnen, so zerronnen.

Deutschland hatte seinerzeit seinen Sieg fast an der selben Stelle aufgrund der Invasion der Alliierten wieder verloren. Alle Kriege sind nur eine Aneinanderreihung von Misserfolgen. Die Sprache dieses Textes ist so unerbittlich, wie das Geschehen selbst. So war es also gewesen und ist leider auch gegenwärtig an vielen Stellen dieser Welt.

Alle Schicksale, die nur militärisch erfasst werden, sind menschlich eine Zumutung.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erschöpfung

Es ist gerade viel los in der Menschenwelt. Putins Überfall auf die Ukraine, die Bedrohung Taiwans durch China, der Überfall der Hamas auf die Israelis, die Zerstörung des Gazastreifens durch die israelische Armee, vielfältige Menschenrechtsverletzungen im Zuge dieser Auseinandersetzungen und Kriege, aber auch Menschenrechtsverletzungen im Iran, Weißrussland, Nordvietnam und Myanmar.

Hinzukommt die Erderwärmung, das Abholzen des Regenwaldes, das Artensterben und viele sonstige Rechtsverletzungen mehr, ob in Aserbaidschan, Afghanistan, etlichen Staaten Afrikas, Asiens und des mittleren Ostens, um nur einige Staaten und Regionen zu benennen.

Was ist also los in dieser Welt?

Zudem stehen uns die Präsidentschaftswahlen in den USA bevor, Trump, Biden oder dieser Verschwörungsanhänger Robert Kennedy? Alles keine hoffnungsvollen Optionen angesichts der Verantwortung einer Weltmacht, die offenbar nicht mehr in der Lage ist, weltweit demokratische Maßstäbe zu setzen und auch nicht mehr als Ordnungsmacht gelten will. Überall ist Streit Programm. Es bestehen sogar in einem Großteil unserer deutschen Bevölkerung aufkeimende Gelüste, der AfD künftig Macht und Einfluss zu sichern. Wir schließen damit auf andere auf, auch auf europäische Staaten.

All dies bietet keinen wirklich schönen Ausblick auf die Welt, alle wirtschaftlichen Verwerfungen und Optionen, lieber Rüstung, anstatt Saatgut, Tod statt Leben, Verführung statt Bildung. Dieser an sich objektive schreckliche Zustand führt aber merkwürdigerweise noch zu keinem Aufruhr, keinem Bürgerkrieg, sondern wir scheinen erst einmal abwarten zu wollen, wie sich alles entwickelt. Zu vernehmen ist ein trotziges oder auch hilfloses „weiter so“ und wir erfahren, dass unsere Hilflosigkeit selbst angesichts des weltweiten Schreckensszenarios wie ein Beruhigungsmittel wirkt, und zwar eines der scheinbaren Gelassenheit. Möglicherweise ist das so zu verstehen, dass die auf uns einflutenden Bilder von Zerstörung, Hass und Gewalt, Stillstand, Unfähigkeit zu handeln, Betrug und Boshaftigkeit einerseits erschöpfend wirken, andererseits uns aber auch eine Gelegenheit bieten, Hilflosigkeit und Erschöpfung als eine Form der Resilienz zu begreifen. Wir finden uns so in der Unübersichtlichkeit zurecht, ohne daran zugrunde zu gehen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erwartungshaltung

Do ut des: Gib, dann wird dir gegeben. Erwartungshaltung? Ich gebe und erwarte dann, dass mir gegeben wird. Und wenn dies nicht geschieht? Wie verhalte ich mich dann? Wie verhält es sich überhaupt mit Vorleistungen? Führen sie erwartbar zur erwünschten Kompensation des eigenen Einsatzes? Erwartungshaltungen gründen sich auf Ausgleichserfahrungen, und zwar, dass Unwuchten zumindest auf Dauer keinen Bestand haben.

Wenn aber diese Erfahrungen durch Prognosen widerlegt werden? Ein trauriges Beispiel der Gegenwart: Wir könnten die Erwartung haben, dass Russland, wenn die Ukraine diesem Land die Krim oder sogar den Donbass auf Dauer abtritt, in einen Friedensschluss einwilligt, also den Krieg beendet. Dies könnte unsere Erwartungshaltung sein, ist sie aber begründet? Stimmt es denn tatsächlich, dass, wenn ich gebe, mir gegeben wird? Diese Hoffnung ist zwar prinzipiell berechtigt und insofern dieser Wunsch nachvollziehbar, aber die von Menschen gestaltete Wirklichkeit bestätigt die Erfüllung dieses Wunsches nicht.

Bei kriegerischen Auseinandersetzungen über Gebiete und Menschen verhält es sich wie in der Wirtschaft, zwischen Staaten oder überhaupt im menschlichen Zusammenleben an sich. Einem Ausgleich wird nur dann zugestimmt, wenn der anderen Partei nichts mehr anderes übrigbleibt oder der Ausgleich weniger als die Gegenleistung erfordert.

Nur Macht, Vorteilsgewährung und weitere prägende Umstände, wie Katastrophen, Hungersnöte und unvermeidbare rechtliche Einhegungen von Sachverhalten können zumindest auf Zeit dafür sorgen, dass Ausgleichsleistungen erwartbar werden. Wer in der Hoffnung gibt, dafür kompensiert zu werden, wird enttäuscht. Wer ohne Erwartungshaltung gibt, weil er das Geben als gerecht empfindet, zeigt unerwartet Haltung, schafft Nachdenklichkeit und könnte sogar belohnt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zumutung

Stellen wir uns vor, es gäbe nur einen einzigen Menschen auf dieser Welt, ganz klar, niemand könnte dessen Existenz bezeugen. Er würde leben, als sei er nicht geboren. Dies schon deshalb, weil er machen könnte, was er will und niemand wäre in der Lage, dies zu sehen, zu hören und zu spüren. Der einzige Mensch müsste keine Rücksichten nehmen, weil Rücksicht die Anwesenheit zumindest eines weiteren Menschen voraussetzt. Diesen einzigen Menschen gibt es also nicht. Das wissen wir genau.

Wir sind viele und sehen, hören und spüren den anderen Menschen. Wir erfahren, was dieser macht, beruflich und privat, zum Beispiel grillen, Technobeat hören und feiern. Wenn wir dies alles auch und möglichst zur gleichen Zeit wollen, ist alles in Ordnung, gibt es keine Probleme, denn es herrscht Übereinstimmung bei den Wünschen, Zielen und deren Verwirklichung. Wenn wir aber nicht wollen, was ein anderer will, ist es eine Zumutung.

Zumutungen entstehen dadurch, dass ein anderer Mensch so handelt, als sei er, entgegen aller möglichen Wahrnehmungen, alleine auf der Welt, womit auch jegliche Notwendigkeit der Rücksichtnahme entfalle, weil niemand einen hört, sieht oder fühlt. Obwohl uns die Absurdität dieses Vorhabens geläufig ist, kommt es oft zu den beschriebenen Zumutungen, weil viele, ja die meisten Menschen so handeln, als seien sie allein auf der Welt.

Dabei bräuchten sie sich nur umzuschauen, um ihren Irrtum zu erkennen. Aber, es ist kein Irrtum, nein, sie wissen sehr wohl Bescheid, aber sie tun dennoch so, als seien sie allein auf der Welt. Sie trauen sich dies, weil alles andere, d. h. auch die anderen Menschen, ihnen völlig egal sind, weil sie keine Rücksicht nehmen wollen, weil sie, nein nicht nur sie, sondern auch alles beherrschen wollen, das Ohr, die Nase, den Mund, den Verstand, das Gefühl und das Gemüt eines anderen Menschen.

Das Motto: Ich kann machen, was ich will, auch mit den anderen Menschen. Aber die sollen bloß nicht kommen, wehe! Wer mich hindern will, der kriegt Krieg! Rücksicht ist nicht meine Sache, man wird doch noch seinen Spaß haben dürfen. Meine Ansprüche lasse ich mir nicht nehmen. Wenn sich irgendjemand gestört fühlt, dann soll er gehen.

Wohin? Das ist mir doch egal!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Russische Logik

Vor vielen Jahren bekam ich eine Wodkaflasche geschenkt, die einen mit scheinbar blauen Edelsteinen besetzten Totenkopf ziert. Dieser ist erkennbar der berühmten Skulptur von Damien Hirst mit dem Titel „For the love of God“ nachempfunden. Ich habe oft darüber nachgedacht, wem ich diese Flasche weiterverschenken könnte. Bisher hatte ich mich davor gescheut, weil ich Sorge hatte, mit dem Geschenk würde eine Geschichte verbunden, die dann auch den Beschenkten beträfe.

Bedeutet die Flasche für den Beschenkten ein memento mori, d. h. sollte diese ihn daran erinnern, dass er sterben müsse? Ist der Totenkopf auf der Flasche ein Warnzeichen, wie wir es von Zigarettenpackungen wissen: Alkohol tötet? Wenn ich auf die Idee käme, die Flasche heute zu verschenken, würde dann ein Zusammenhang zwischen dem russischen Wodka und dessen Sinnbild des Todes mit der Ukraine geschaffen werden?

„For the love of God“ wird auf Deutsch laut Wikipedia mit „Um Himmels willen“ übersetzt und ist zurückzuführen auf ein Lied von Steve Vai, das sich auf seinem Album „Passion and Warfare“ befindet. In einer komplexen Welt lassen sich stets Verbindungen konstruieren und daraus Geschichten ableiten, so dass das eine mit dem anderen immer irgendetwas zu tun hat.

Tatsächlich hat weder die Flasche, noch mutmaßlich der Inhalt etwas mit dem russischen Krieg gemein und schon gar nicht mit dem blau funkelnden Totenschädel. Es war vielmehr eine clevere Geschäftsidee, zu der Damien Hirst mutmaßlich seinen Segen gegeben hat und die ihm und dem Spirituosenhersteller höhere Einnahmen als mit dem Verkauf einer nur handelsüblichen Wodkaflasche erlaubt hätten.

Und doch begreifen wir, Dank dieses Beispiels, dass wir überall auf solche mementos mori stoßen können, die uns Gelegenheit geben, unsere Beobachtungen, unsere Wahrnehmungen und unsere Erkenntnisse zu vertiefen, damit es uns gelingen möge, unsere Urteilskraft zu schärfen und dem Tod seine Sinnlosigkeit zu nehmen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wir schaffen das!

In stark vereinfachter Sicht haben wir die nachfolgenden Herausforderungen, wobei ich sie der Einfachheit halber beziehungslos nebeneinandergestellt habe: Flüchtlinge, Krieg in Afrika und im Nahen Osten, Auseinandersetzung auch mit kampfbereiten religiösen Gruppierungen, Bevölkerungszuwachs, Klimaveränderung, Armut, Digitalisierung, Sklaverei, wirtschaftliche Verwerfungen, Schaffung von fairen Handlungsbeziehungen, Pflegeaufwand für ältere Menschen, Beschäftigungsmöglichkeit für jüngere Menschen, Bildungs- und Sozialgefälle.

Über Details lässt sich da trefflich streiten, insbesondere darüber, ob diese Liste nicht nur ansatzweise die Herausforderungen an Staat und Gesellschaft benennt oder nicht schon jetzt in großem Umfange fortgeschrieben werden müsste, weil jeder Mensch, jede Gesellschaft, jeder Staat, jede Religion und jede Gemeinschaft eine Fülle von Problemen und Herausforderungen bezeichnen kann, die über kurz oder lang auch einer Lösung zugeführt werden müssen. Die Zeit arbeitet für die Problemlösung, da jede Herausforderung auf einen Höhepunkt zusteuert und dann wieder nach Überschreitung des Zenits verglüht und aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwindet, um weiteren Herausforderungen und Problemen Platz zu machen.

Weder können wir sämtliche Probleme zu einem Zeitpunkt erfassen noch sie zur gleichen Zeit lösen. Wir leben von unseren Problemen. Sie gehören zu uns und sorgen für tägliche Aktivitäten, verbürgen auch für die Zukunft genügend Arbeitsmaterial für unsere Zuwendung. Diese besteht in der Erstellung einer To-Do-Liste, in der wir die Maßnahmen festhalten, die ergriffen werden müssten oder sollten, um das Problem zu erkennen, zu bearbeiten und ggf. sogar zu lösen. Diese To-Do-Liste setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen, zum einen aus einem Gedankensturm vielfältigster Möglichkeiten, so ferne liegend sie auch erscheinen mögen. Erst diese Stoffsammlung gestattet dann, die wichtigsten Maßnahmen heraus zu destillieren und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten, die geeignet sein könnten, die Ursache des Problems zu sehen und dieses zu beseitigen.

Die Verursacher von Problemen werden oft bekämpft und etwaige Lösungen, die vor allem unter ihrer Mitwirkung möglich wären, außer Betracht gestellt, weil es unwahrscheinlich anmutet, dass der Verursacher eines Problems auch für dessen Beseitigung eintreten könnte. Das halte ich für falsch. Es geht nicht um moralische Bewertungen und Rechthaberei, sondern darum, dass Verursacher und Betroffene am ehesten in der Lage sind, eine Lösung zu finden, ggf. durch Mediation.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski