Schlagwort-Archive: Kunst

Geschwätz

Also, Hand aufs Herz. Wer ist nicht fast drauf und dran zu kapitulieren angesichts der Flut an schriftlichen Botschaften, stammen diese aus E-Mails, Fachzeitungen, Zeitschriften, Blogs, Bücher und sonstige schriftliche Äußerungen. Zu allem Schriftlichen gesellt sich das Mündliche aus Smartphone, Fernsehen und Rundfunk. Der Computer bietet das volle Programm und fordert dazu auf, auch noch Nachrichten wahrzunehmen, die unspezifisch Leser und Zuhörer erreichen.

Alles scheint wichtig zu sein. Das ist es aber nicht. Die Geschwätzigkeit hat Einzug gehalten in alle Medienbereiche, also auch in alles Optische, ob Kunst oder Film. Nichts bleibt von der Geschwätzigkeit verschont. Selten werden Filter angeboten, die das uns Wichtige oder uns Interessante aussondern, zum Denken anregen oder Empfindungen längerfristig bedienen. Die Rückbezüglichkeit auf andere Wortbeiträge oder Vorkommnisse macht es fast unmöglich, noch einen eigenen Standpunkt der Verfasser erkennen zu können.

So fängt allmählich das ganze öffentliche Wort- und Bildgeschehen an, sich in einen Brei zu verwandeln, der in seiner Klebrigkeit uns alle immunisiert gegen wirkliche Neuigkeiten aus der Philosophie, der Kunst und der Gesellschaft. Natürlich wird die Geschwätzigkeit in Allem noch zunehmen, aber sie wird zwecklos bleiben. Es ist zu befürchten, dass die allmähliche Abstumpfung gegenüber Worten dem Standard des Empfängers entspricht. Um künftig noch geneigte Zuhörer und Leser sowie Betrachter zu haben, sollten wir uns mit unserer Schwatzhaftigkeit zurücknehmen und bleibende Eindrücke provozieren.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Das kulturelle Selbstverständnis (Teil 1)

Kunst und Kultur müssen nicht erfunden werden. Sie benötigen weder Eltern noch Paten. Kultur ist. Wir vermögen uns gegen sie nicht zu wehren. Dieses Selbstverständnis entlarvt alle diejenigen, die meinen, dass Kunst und Kultur ohne ihren Einsatz als Bürger nicht auskämen. Sie schaffen sich, obwohl sie weder Kulturschaffende, noch in ihrer Funktion primär Kulturkonsumenten sind, einen Platz im Kulturapparat.

Kunst und Kultur werden von vielen aktiv gestaltet. Zu denjenigen, die das tun, gehören diese Heuchler nicht. Kunst und Kultur werden wahrgenommen, gesehen, geschmeckt, gefühlt, ertastet, erlitten und verachtet. Aber die Muezzins der Kultur treten auf in Symposien, Talkshows, Veranstaltungen aller Art und diskutieren über den Kulturbegriff, über die Nachhaltigkeit der Kultur, über die Angst vor dem Kulturverfall, über Soziokultur, über Edelkunst. Sie wägen ab zwischen allen Gefahren, die durch die Kommerzialisierung der Kunst und Kultur oder durch deren Verstaatlichung entstehen könnten, kurzum: Sie fordern die Nachhaltigkeit der Kultur. Es gehört zu unserer zivilisierten Welt, dass Menschen ihre Zeit damit verbringen, Geld zu verdienen, andere zu unterhalten und alles zu thematisieren, um daraus mediale Wirksamkeit zu erzielen. Davon leben sämtliche Medien und das ist auch verständlich.

Insofern haben die Kulturmuezzins ihren festen Arbeitsplatz. Widerspruch sollte sich allerdings dort regen, wo sie ihre Stimme erheben und verkünden, sie seien die wirklichen Bewahrer von Kunst und Kultur und insbesondere deren Förderer. Kunst und Kultur erfahren, wie Religion im engeren Sinn, die Einschränkung am ehesten durch angeblich Wohlmeinende, das heißt diejenigen, die glauben, dass ohne ihre Hilfestellung nichts mehr läuft. Dies ist, bei Licht betrachtet, Kunst- und Kulturfundamentalismus und führt Künstler in die Abhängigkeit. Nichts ist ungebändigter, freier, zügelloser und explosiver als Kunst und Kultur. Wir gestalten sie stets neu, verändern sie, indem wir sind. Sie sind fragil, wirr und gleichsam behäbig. Auch in der Kultur wird Kunst geschaffen. Kunst und Kultur sind also keinesfalls Synonyme, sondern bedingen sich allenfalls idealiter. Kunst benötigt keine Norm bis auf die Freiheit, alles zu tun, was andere nicht beschädigt. Es ist gleichermaßen absurd, Kunst und Kultur zu fördern, da man so „den Schlitten vor die Ochsen spannt“. Es mag so manchem gefallen, die freie Fahrt zu zügeln, aber dies ist der Kunst nicht immanent.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ernsthaftigkeit

„Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“ (Schiller, Wallensteins Lager, Prolog).

Eine verworrene Behauptung, wenn man von der Kunst als etwas Leichtsinnigem ausgehen sollte. Sie ist es nicht. Vielmehr ist die Kunst ein Beispiel für Leben, an dem wir uns orientieren sollten. Ihre Heiterkeit entspringt dem Ernst der Tätigkeit. Der Künstler nimmt das Leben in der Regel nicht unter der Überschrift: „Eigenichpflege“ wahr. Ohne wirklich heiter zu sein, haben aber viele Menschen die Neigung, ihr Leben als einen Witz zu begreifen, über den ständig gelacht werden muss. Sie sind „reif für die Insel“, vergnügen sich an der trivialsten Fernsehunterhaltung und verwöhnen sich pausenlos. Es entspringt ihrer Wahlfreiheit, auch wenn sie sich dadurch zum Gespött machen. Nicht zum Gespött der anderen Leute, mit denen sie sich sozial untergehakt haben, sondern zum Gespött ihres eigenen, noch nicht vollendeten Ichs.

Schwer mag dann im Leben wiegen, nicht alles zu haben, schwer das eigene Versagen in Familie und Beruf, schwer vor sich selbst noch jeden Tag zu bestehen. Aber jeder Mensch hat eine Würde, die er zu fassen bekommt, wenn er sich ihrer in allem Ernst bewusst geworden ist. Die Kraft der Ernsthaftigkeit, mit der wir unsere Tätigkeit verrichten, verändert die Wahrnehmung unseres Wesens durch Andere. Die Ernsthaftigkeit, mit der wir uns den Aufgaben stellen, führt dazu, dass wir Anerkennung erfahren und selbst die notwendigen Dinge weiter und geräuschlos erledigen. Darüber können wir uns mit anderen Menschen stets freuen, weil diese damit begonnen haben, uns wegen dieser Haltung zu respektieren und unserer Leistungsbereitschaft zu vertrauen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Porträt des Künstlers Albrecht Gehse

Albrecht Gehse ist beileibe kein Weichei. In jedem Abenteuerfilm würde er eine führende Rolle übernehmen. Entweder spielte er den Gutsbesitzer, der sich verteidigt, machte bei den Musketieren mit oder gehörte als ihr Anführer zu der Meute, die apokalyptische Feste feiert. Und der Maler Albrecht Gehse feiert grandios. Er feiert mit Fisch und Brot. Dazu gibt es Wein in Strömen. Er ist ein Menschenfischer und weiß genau, wie er seine Anhänger zu sammeln vermag. Es ist die Verheißung des Lebenssinns. Auf vielen seiner Bilder zeigt er uns den Fisch, nimmt die Erkenntnisbereiten mit zur Fahrt auf „hohe See“ und wirft die Netze aus. Reiche Ernte. Das ist Religion. Seine Bilder bergen christliche Metaphern. Der Fisch labt die Bedürftigen und bedroht die Hoffärtigen. In rasanter Fahrt spult Albrecht Gehse vor den Augen seiner Betrachter deren Möglichkeiten ab, Lebensentscheidungen zu treffen, die tatsächlichen und die spirituellen. Es geht bei ihm derb und rau zu, aber auch verständnisvoll und leidenschaftlich. Jeder soll sein Vergnügen haben, wird herzlich eingeladen, mitzumachen bei seiner grandiosen, allegorischen Orgie. Gehses Bilder sind einerseits kalkulierte Oberfläche, andererseits Ekstase. Er verrätselt das Leben nicht, sondern zeigt seinen Betrachtern, dass das Leben unter der Oberfläche ein Rätsel ist. Demjenigen, der sich auf ihn einlässt, enthüllt Gehse Geheimnisse der Natur, die gestaltende Kraft des Wassers, des Himmels und der Kreatur. Der von ihm in den Bildern entworfene Mensch ahmt nach, will sich behaupten in diesem Reigen der Unersättlichkeit. Der Mensch ist Akteur des Guten und des Bösen, aber auch Opfer seiner Gier und Zerstörungswut. Das kolossale Menschenbild Gehses ist dem eines Grosz, eines Dix und eines Tübke verwandt. Und doch geht er seinen eigenen Weg. Gehse klagt nicht an, wenn er in seinen Werken uns selbst zu Zeugen des Menschlichen ernennt. Er lässt uns bis zum Exzess durch seine Bilder toben, aber dann verordnet er Ruhe, Besinnung auf das Wesentliche und hisst die Flagge der Gebrechlichkeit des menschlichen Lebens, des Alters und der Weisheit. Das zarte Lebensverständnis des groben Seemanns und Malers Albrecht Gehse ist das eigentliche Wesen seiner Bilder, verletzlich zu sein, aber nicht verletzend. Der Maler verwirklicht mit seinen Bildern den Auftrag, auch das weiterzugeben, was er von seinem Großvater, dem Dichter- und Malerfreund Ludwig G’schrey, erfahren hat:

Wege geh’n

 Wege geh’n und tragen

dich für kurze Zeit,

Bäume steh´n und fragen

dich nach deinem Leid,

weite Wiesen hauchen,

ihren Duft dir ein

und die Vögel tauchen

sich im Wasser rein –

Siehst du auch beim Gehen

Dich in dieser Welt

Fühlst Du ein Geschehen

Wenn der Regen fällt? –

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Hanefi Yeter

Hanefi, dir bin ich nahe. Und auch immer wieder fern. In diesem Augenblick, in dem ich an dich denke, weiß ich nicht genau, wo du bist, wie es dir geht und was du machst. Du bist vermutlich entweder in Bodrum oder in Istanbul. Du hast Berlin verlassen. Mich aber nicht, denn ich habe Bilder von dir. Sie halten die Verbindung aufrecht, wirken wie Lautsprecher und Empfänger. Diese Korrespondenz funktioniert bereits, wenn ich an dich denke. Manchmal denkst du sicher auch an mich, denkst: „Wo bleibt er denn? Wollte er nicht schon längst bei mir sein? Und wie geht es meinen Bildern bei ihm?“

Die folgende Geschichte, Hanefi, habe ich dir oft schon erzählt. Jedes Mal hast du gelacht. Jetzt sollen auch die Leser erfahren, wie ich dich kennengelernt habe.

Irgendwann in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden einige Bilder von dir in dem schmucken Städtchen Staufen im Markgräflerland ausgestellt. Zufällig auf der Durchreise ins Münstertal kam ich vorbei und war verblüfft. Auf einem der Bilder spielte der virtuose Interpret der klassischen Gitarre Yepes mit einer solchen Inbrunst, dass der ganze Ausstellungsraum vom Klang seiner Instrumente erfüllt schien. Dieses Bild, so war ich mir sicher, musste ich haben. Ich ließ mir deine Telefonnummer in Berlin geben und rief, als ich wieder zurück war, auch sofort an. Du hast dich gefreut über mein Interesse, ja, aber die Ausstellung sei noch unterwegs und wir sollten uns treffen, sobald die Rundreise der Bilder beendet sei. Natürlich hatte ich das vorgehabt, aber du weißt ja, die Umstände. Jedenfalls wurde nichts aus dem Vorhaben. Zeit verging. Öfters habe ich sehnsuchtsvoll an das Bild gedacht, aber nicht mehr gewagt, dich zu erreichen. Dann ein Besuch bei dem Senatsdirigenten der Kultur, Bernd Mehlitz. Dem habe ich von meinem Erlebnis mit diesem Bild und meiner Sehnsucht erzählt. Bernd Mehlitz darauf: „Kein Problem, mit Hanefi Yeter bin ich befreundet.“ Und dann war die Begegnung mit dir auch wirklich kein Problem mehr. Schon tags darauf war ich bei dir. Du hast mich freundlich empfangen. Ich habe dir mein Anliegen vorgetragen. Du stiegst in eine verwinkelte Ecke deines Bilderlagers und schon war er wieder da. Mein Yepes! Und zu meinem Yepes gesellten sich noch viele andere Künstler: Verkünder, Flötenspieler, Sänger und Könner auf dem Bajan. Meine Wände bevölkerten Jongleure, Vögel und nächtliche Sitzungen ernster Menschen. Deine Bilder verströmen Musik, Düfte, Wärme und zuweilen aber auch eine Kälte, die wie ein Schleier der Wehmut über diesem Moment der Vergänglichkeit liegt. Hanefi, deine Bilder sind da, sie sind bei mir, ganz egal wo du bist. Sie bleibt uns erhalten, unsere Freundschaft. Auch wenn ich dich nicht mehr täglich sehe, wir Wein oder Bier trinken, große Fische und das Brot teilen und uns dabei beklagen über das Leben, welches uns niemals, aber auch niemals gerecht werden kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski