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Entscheidung

Die Begrifflichkeit „Entscheidung“ ist schillernd. Die Entscheidung, die ich aus Verantwortung oder aus Leichtsinn selbst treffe, korrespondiert nicht mit einer Entscheidung, die eine Maschine oder ein Umstand trifft. Selbst, wenn ich entschieden habe, 10 Minuten früher aus dem Haus zu gehen, trifft letztlich dieser zeitliche Umstand die Entscheidung, ob mein Leben sich verändert, es mir gut oder schlecht geht.

Bruchteile von Sekunden spielen bei der Gestaltung meines späteren Lebensweges eine ausschlaggebende Rolle. Wir sind nicht frei. Wir sind selbst dann nicht frei, wenn wir glauben, frei entscheiden zu können. Alle Entscheidungen, die wir treffen, sind von Dingen geprägt, die ihre Wurzeln in unserer Geschichte, den Umständen und Vorbehalten finden, denen wir uns noch nicht einmal bewusst sein müssen.

Aber Entscheidungen bedingen Entscheidungen und setzen in jedem Augenblick unseres Seins Impulse frei, die unser Leben ändern. Die permanente Lebensveränderung ist das der Entscheidung innewohnende Prinzip, und zwar auch dann, wenn die Entscheidung Entwicklungen verhindern sollte. Wenn der Mensch die Entscheidungsprozesse zu seiner Person zurückspult, stellt er selbst bei einfachen Beispielen seiner Entwicklung fest, wie fragil der ganze Prozess ist und wie leicht alles ganz anders hätte sein können. Das lässt den Menschen oft an der Sicherheit zweifeln, obwohl er auf diese doch so dringend angewiesen ist und nach ihr strebt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wende

Im geläufigen Sinn verstehen wir unter wenden „umkehren“ und sich auf den Weg zum Ausgangspunkt machen. Nun gibt es allerdings nicht nur das buchstäbliche Wenden auf der Straße, sondern auch die Verkehrswende, die Mobilitätswende, die Energiewende, die historische und die politische Wende.

Bei den letzten Begriffen kann man wohl nicht von Wende reden, sondern die Wende signalisiert hier den Punkt, an dem das Vorhaben zum Stoppen kommt und eine neue Richtung nimmt. Der Verkehr auf unseren Straßen wird nicht weniger, wenn wir eine Wende proklamieren. Der Verkehr setzt sich allenfalls anders zusammen, ist konzeptioneller mehr aufeinander abgestimmt, als dies bisher der Fall war. Damit korrespondiert auch die Mobilitätswende, denn unbestreitbar läuft alles auf die Elektromobilität hinaus. Das aber nur dann, wenn wir genug Kapazitäten haben, um den erforderlichen Strom zu produzieren, weiterzuleiten und zu speichern.

Mit ein paar aufgestellten Windrädern und Solarmodulen sind wir noch meilenweit von einer Energiewende entfernt. Wie auch in diesen Bereichen sind politische Wenden oft gefährlich, verwirklichen auch nicht das, was sie verkünden. Die politische Wende in der DDR führte nicht zurück auf den Punkt null deutscher Gemeinsamkeiten, sondern setzte einen noch längst nicht abgeschlossenen Prozess der Angleichung zweier deutscher Staaten in Gang.

Da sich keine Wende in Westdeutschland vollzog, sondern ausschließlich in Ostdeutschland entsprechende Impulse gesetzt wurden, bleibt ein Gefühl der Unvollkommenheit des gesamten Prozesses. Eine gesellschaftliche Wende ist ein Prozess des sowohl als auch und gerade keine radikale Umkehr. Diejenigen, die sich umdrehen, um einen anderen Weg zu gehen, müssen sich vergegenwärtigen, dass man ihnen hinterherruft, sie seien Wendehälse. Für viele Menschen ist auch der falsche Weg der richtige. Sie drehen sich auch dann nicht um oder versuchen eine andere Lösung zu finden, wenn ihnen jeder sagt, sie seien auf dem Holzweg. Dabei können sie durchaus recht haben in ihrer Sturheit oder in ihrer klaren Sicht auf die Möglichkeiten, die ihnen die beharrliche Beibehaltung ihrer Orientierung ermöglicht.

Wendebereit zu sein, ist sicher eine Tugend, aber jede Wende mitzumachen, nicht unbedingt besonders anerkennungswürdig. Auf seinem Lebensweg, die persönliche und die gesellschaftliche Orientierung nicht zu verlieren, ist lobenswert, jedoch ist stets darauf zu achten, dass ein Wendemanöver nicht in einer „Halse“ endet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski