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Unterforderung

Unterforderung schafft Überforderung. Neulich las ich, dass Menschen krank werden, wenn sie nicht genug zu arbeiten haben. Ein Arbeitnehmer hat sogar seinen Arbeitgeber wegen dessen Unterforderung bei der Arbeit verklagt. Auf den ersten Blick wirkt dies lächerlich, angesichts der zur Schau gestellten Neigung, die Freizeit zu feiern. Es ist aber keineswegs lächerlich.

Wir wissen ganz genau, dass im Ausbildungsprozess unterforderte Kinder daran scheitern, sich sprachlich, intellektuell und emotional zu entwickeln. Aus der Unterforderung entstehen Versagensängste, Frust und Gewalt. Der unterforderte Mensch trägt diese Bürde sein ganzes Leben lang. Er ist meist unsicher, befürchtet, dass sich die Umstände ändern könnten und er dann gefordert werde. Mit dieser ungewissen Forderung kommt er nicht zurecht.

Um sich seine Unterforderung nicht eingestehen zu müssen – meist erkennt er sie noch nicht einmal – beugt er der Forderung vor, indem er seine Überforderung behauptet. Diese scheinbare Überforderung ist der Maßstab seiner gesamten Reaktionsweise als kranker und nicht hinreichend versorgter Mensch und endet schließlich im Hass auf alle Anforderungen, die an ihn gestellt werden, und zwar auch dann, wenn sie ihn selbst nicht direkt betreffen. Der unterforderte Mensch fühlt sich übervorteilt, ausgenommen, ungerecht behandelt und schließlich auch noch ausgenützt. Seine Projektionsfläche sind alle anderen Menschen. Sich selbst will er die ihn umgebende Leere, in der er sich eingerichtet hat, nicht eingestehen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Leere

Leere wird zuweilen als schöpferisch beschrieben. In der Leere können sich Gedanken entwickeln, die Impulse setzen für wichtige Erkenntnisse. Zuweilen hat Leere aber auch mit Ermattung zu tun, sich leer zu fühlen bedeutet dann, unproduktiv zu sein, leistungsunfähig und unmotiviert. Leere beim Menschen signalisiert aber gelegentlich auch Ratlosigkeit angesichts der prallen Welt voller Versprechungen, die ihrerseits für leer gehalten werden oder sich als solche herausstellen.

Die Leere korrespondiert dann mit der Entfremdung, der Erkenntnis, unter anderen Menschen zu leben, zu reagieren und zu funktionieren, ohne selbst wahrgenommen zu werden und unfähig, den Anderen ebenfalls wahrzunehmen. In dieser Leere funktioniert die Kommunikation trotz aller Gesten und Geschwätzigkeit nicht mehr. Mensch, werde wesentlich. Die Wesentlichkeit eines Menschen vermag die Leere zu füllen, den Platz zu besetzen, der der Leere eingeräumt wurde.

Wenn wir Menschen wieder Durst empfinden nach Inhalten, und zwar nicht nur in Bezug auf die Erklärung unseres Seins, sondern auch nach Gestaltung unseres Seins, dann ist die Leere eine notwendige Voraussetzung, um mit Mut und Veränderungswille jenseits der Selbstbespiegelung Neues zu entdecken.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski