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Unersättlichkeit

„Ich will alles und noch viel mehr…“ So etwa textete einst Gitte Hænning und brachte damit zum Ausdruck, dass Menschen mit immateriellen und materiellen Mitteln gesegnet sein müssen, um ihrem Leben einen passenden Sinn zu verleihen.

Das Haben-Wollen, die Unersättlichkeit im Begehren, ist in unserem Wesen verankert, macht uns rastlos und gewährleistet Fortschritt. Nicht nur wesens- sondern auch gesellschaftsimmanente Unersättlichkeit wird abgesichert durch einen spirituellen und auch einen weltlichen Katechismus, der die Möglichkeiten des Begehrens erlaubt und fördert.

Der Prunk von Kirchen auch als Ausweis ihres Reichtums ist uns geläufig. Eher profan und weltlich gewährleisten Gesetze, Gerichte, Notare und Rechtsanwälte Hand in Hand mit Politikern, Wirtschaftsfachleuten und Unternehmen die Anerkennung der Gier. „Ich will alles und noch viel mehr.“ Der Motor einer Gesellschaft, die sich dank ihrer Gewohnheiten und der ständigen Wiederholungen von Ansprüchen daran gewöhnt hat, dass Fortschritt nur durch Begierde gefördert wird, wird durch ständigen Konsum am Laufen gehalten. Der Konsumrausch vermag die Kürze des Lebens zu kaschieren. Wir Menschen unternehmen alles, um die Erfüllung des Begehrens bis zur nächsten Zuwendung lebbar zu machen. Dabei ist dies nichts persönliches.

Die Unersättlichkeit führt über unser eigenes Leben hinaus und veranlasst Menschen, testamentarisch anzuweisen, auch für sich und deren Abkömmlinge den Boden für Begehrlichkeiten zu bereiten. So verteidigen auch alt gewordene Erblasser schon den Besitzstand künftiger Generationen, wollen auf diese einwirken, steuern und mit „kalter Hand“ ihrer eigenen Unersättlichkeit eine permanente Zukunft sichern. Unersättlichkeit ist allerdings nicht nur ein materielles Phänomen, sondern auch eine Erfahrung auf allen Beziehungsebenen. Unersättliche Vereinnahmung anderer Menschen finden in Gesprächen, die nicht empfängerorientiert geführt werden, statt, aber auch der Vereinnahmung durch Parteien.

Es entspricht der Mechanik der Unersättlichkeit, nur die eigenen Ansprüche und Vorhaben als gerechtfertigt anzusehen und zu erwarten, dass die Rückbezüglichkeit allgemeine Anerkennung findet. In diesem Sinne ähnelt der unersättliche Mensch einem Narzisst, der die Anerkennung seiner Gier als selbstverständlich erachtet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mehrwert

Profit und Gewinne zu machen, scheint eine wichtige Maxime unseres Lebens zu sein. Was den Mehrwert nicht erfüllt, scheint nicht geeignet zu sein, unser Engagement wesentlich zu fördern. Menschheitsgeschichte sei Fortschrittsgeschichte und ohne die Schaffung eines Mehrwerts, der durch Profit gemessen wird, glauben wir, die Menschheitsgeschichte nicht fortschreiben zu können. Könnten wir aber das bisherige Denken verlassen, die Grundlagen unserer Betrachtungen neu bewerten und zu einer Änderung unserer Verhaltensweisen gelangen? Zunächst stellt sich dazu die Frage, warum sollten wir dies tun, wenn unsere bisherige Verhaltensweise uns ausreichend erfolgreich erscheint? Vielleicht deshalb, weil wir auch wahrnehmen, dass das Schaffen von Profit zum Selbstzweck ressourcenverschwendend ist und den Klima- und Naturschutz schwer belastet.

Eine eingehende Betrachtung der Grundlage unseres Lebens könnte uns also zum Nachdenken und zum Verändern unserer Verhaltensweise bringen. Wir wollen in der Regel kein nutzloses Leben führen, sondern suchen Erfüllung unserer persönlichen und beruflichen Ziele. Wir streben so die Absicherung unseres Lebens an. Dabei erforschen wir verschiedene Phasen unseres Menschseins von der Kindheit, über die Jugend bis zum Alter, bestimmt vom Wunsch nach Lebenssicherung unter Einsatz unserer individuellen Fähigkeiten. Im Vordergrund steht dabei ein sinnerfülltes und nutzbringendes Leben, das auch anders als durch Gewinn und Profit bestimmt werden kann.

Einen wirtschaftlichen Gewinn aus unseren Vorhaben zu ziehen, ist soweit nicht schädlich, als unser Gewinn dem Vorhaben selbst zugutekommt und nicht der Entwicklung von Macht und Gier dient. Da Letzteres selbst dann, wenn es nicht zu kriegerischen Auseinandersetzungen führt, oft Triebfeder des Handelns ist, stellt sich die Frage, ob sich nicht auch Alternativen so begründen lassen, dass der Mensch sich mit seiner Existenzsicherung begnügt und seine weiteren Kräfte dafür einsetzt, dass der Erfolg seines Handelns nicht nur ihm selbst, sondern vor allem der Sache und anderen Menschen zugutekommt.

Dafür müsste allerdings das bisherige System in den Bereichen Erbrecht, Vermögensmehrung und Machterhalt um jeden Preis auf den Prüfstand gestellt werden. Neue Organisationsformen wären zu erproben, die zwar Existenzsicherung erlauben, aber gleichwohl keine Verfestigung von Eigentums- und Vermögensstrukturen vorgeben und den Menschen von der Hybris entlasten, lebenslang ein hohes steuerbegünstigtes Eigenvermögen zu mehren. Mit Stiftungen, stiftungsähnlichen Gebilden, wie Verantwortungseigentum und Generationenbanken bzw. -sparkassen sind bereits Entwicklungen aufgezeigt worden, die hier erfolgversprechend sein könnten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gelassenheit

Wahrlich, wir leben in schlimmen Zeiten! Weil es so lustig ist, Macht zu haben und sie auch zu zeigen, tötet die ISIS wahllos Menschen, mitunter auch die eigenen. Das Ganze ist dann noch verbrämt mit einer theologischen Ideologie. Das kommt bei jüngeren Menschen offenbar ganz gut an, weil sich einige von ihnen ohnehin nicht leiden können oder sich gern von anderen führen lassen. Es fehlt an allen Ecken und Enden der eigene Vater und auf die Mutter will der Sohn auch nicht mehr hören. Macht ist geil und weil man ja auffallen will, sich erproben möchte und auf Anerkennung hofft, macht man halt mit, zumindest für einige Zeit. Aussteigen gibt es aber nicht. Das ist bei allen Sekten so, denn dann funktioniert der ganze Apparat nicht mehr.

Also: Im Nahen Osten wird getötet und an den Grenzen der Ukraine gezündelt. Möglicherweise gibt es wieder Krieg in Europa, denn auch hier gilt: Wer Macht hat, sucht für die Ausübung seiner Macht eine Begründung. Auch gibt es entweder den inneren oder den äußeren Feind. So erhält man sich eben seine Macht, ob man Putin oder Assad heißt. Sterben müssen Menschen allemal, sei es in Afghanistan, in Afrika oder auf Flüchtlingsschiffen. Also gelassen bleiben. Wir können es ohnehin nicht ändern, weder durch Pegida noch durch Gegendemonstrationen.

Es ist außerordentlich schwer, Menschen etwas begreifbar zu machen, und zwar dass man Menschen erst Kinder zur Welt bringen lässt, um dann die Kinder anschließend wieder umzubringen. Man könnte meinen, dem Menschen sei das Leben anvertraut, damit er etwas Nützliches, bleibend Schönes oder herausragend Fortschrittliches in dieser Welt verwirklicht. Aber, stattdessen wird er schon bei Zeiten totgeschlagen, dass man niemals erfahren wird, zu welchen erhabenen Großtaten dieser Mensch tatsächlich fähig gewesen wäre, was er uns hätte erzählen können aufgrund seiner Erfahrungen, seinen Einsichten, entwickelnden Gedanken und Taten. Tot ist der Mensch. Damit basta!

Es gibt ja noch andere, sogar viele, also kann es auch auf den einzelnen Menschen gar nicht so ankommen? Sieht der einzelne Mensch, der sich entwickelnde Säugling dies genauso? Saugt er an der Brust seiner Mutter voll Verachtung? Betrachtet er seine Umgebung mit Abscheu? Ist ihm die Berührung seines Vaters verhasst? Nein, nein, sterben will ich nicht, würde das Kind schreien. Es war doch anstrengend genug, auf die Welt zu kommen und nun will ich erfahren, um was es hier geht, mich ausbilden und mein Leben leben. Mir wohl und keinem übel, kurzum: Ich habe nichts dagegen, wenn die anderen Kinder auch leben, und zwar auch selbst dann nicht, wenn aus den Kindern einmal erwachsene Menschen werden sollten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Der Präsident

Viele mögen ihn. Viele mögen ihn nicht. Viele haben ihn gewählt. Viele haben ihn nicht gewählt. Er ist der Präsident. Wir denken an Donald Trump, aber auch Wladimir Putin, Recep Erdogan oder Viktor Orbán.

Manche sind länger an der Macht, manche kürzer, manche werden abgewählt oder abgesetzt, manche sterben im Amt. Und was kommt dann? In der Regel wird dann aufgeräumt, Schäden beseitigt und versucht, das Geschehene ungeschehen zu machen, privat und gesellschaftlich. Die historischen Beispiele sind hinlänglich bekannt. Ich möchte sie nicht vertiefen. Ich frage mich nur, wie es soweit kommen konnte und wie es um unsere Schuld bestellt ist. Die abgegriffenste Erklärung war schon immer, dass man nichts hätte tun können, insbesondere dann, wenn der Präsident verfassungsgemäß an die Macht gekommen ist. Das kollektiv bemühte Entschuldungsprogramm, hält es denn tatsächlich einer Überprüfung Stand?

Nehmen wir zum Beispiel die vom amerikanischen Präsidenten verfügte Steuersenkung, die auch wohlhabende Bürger in den USA beunruhigt, weil sie das Zunehmen von Verteilungskämpfen befürchten. Was hindert die wohlhabenderen Bürger daran, selbst Initiative und Verantwortung zu zeigen und trotz der Steuersenkung weiterhin die bisher von ihnen gezahlten Steuern weiter zu zahlen?

Was hindert Menschen überhaupt daran, zivilen Ungehorsam positiv so auszudrücken, dass sie das vernünftige Soll als Bürger erfüllen, sei es bei der Gesundheitsvorsorge, den Steuern und die Erhaltung des öffentlichen Raums? Die Willkommenskultur in Deutschland angesichts des Zustroms von Flüchtlingen war ein Schock für diejenigen Politiker, die die Rolle des Bürgers auf die des passiven Anspruchsstellers beschränken wollen. Das Willkommenheißen von Flüchtlingen seitens einer Vielzahl von Bürgern stellte eine unerwartete Machtdemonstration eines Großteils der Bevölkerung und also auch der Wähler dar. Das war ein erstes Zeichen, das jeder Machthaber, jeder Präsident unter dem Aspekt seiner eigenen eingeschränkten Legitimität deuten sollte.

Auch sollten wir nicht zuwarten, bis Schadensbilanz gezogen werden muss, sondern den Eintritt des Schadens beizeiten verhindern. Dies schulden wir der Gemeinschaft und uns selbst.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mutwillen

Auch, wenn wir es oft beschreiben und analysieren, ganz verstehen wir nicht, warum andere ihren Mutwillen mit uns treiben. Da sind Politiker wie Putin, Trump und Erdogan, da sind aber auch schikanöse Behörden, Betriebsinhaber, Milizen oder Jugendgangs. Wir wissen, was sie tun, wir analysieren ihre Taten und finden irgendwelche Begründungen. Aber, warum sie es wirklich tun, erfahren wir nicht.

Natürlich geht es um Macht, die irrationale Lust, andere zu quälen und sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Damit ist allerdings noch nicht alles gesagt. Es gibt auch einen ganz rationalen Hintergrund für dieses Verhalten, und zwar:  Nur der Erfolg zählt. Die Peiniger auf allen Gebieten leben ausschließlich von dem Echo ihrer Taten. Werden diese mehrheitlich wahrgenommen, dann gibt dieser Erfolg ihnen recht, und zwar selbst dann, wenn ihre Taten frevelhaft, ungeheuer oder zumindest fragwürdig erscheinen könnten.

Der Peiniger kann sich allerdings auf die bleibende Anerkennung seiner Zumutungen nicht verlassen, dies wird deutlich, wenn man sich die Rechtfertigungen aller schon gewesenen Bösewichter vor Augen hält. Besonders einprägsam war einer der letzten Aussprüche des abgesetzten Stasichefs Mielke vor dem DDR-Abgeordnetenhaus: „Ich liebe Euch doch alle!“ Die Chancen der Schwachen, Unterdrückten und Gedemütigten stehen dann nicht schlecht, wenn sie Erfolg haben. Vençeremus! Ob es dann auch wieder Unrecht ist, kann dahingestellt bleiben. Der Erfolg zählt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

PHILANTHROPIE UND MENSCH

Ein nahe liegender Einwand gegen die hier vorgestellten Ansichten könnte lauten: Es wäre zwar gut, wenn es eine philanthropische Gesellschaft gäbe, aber der Mensch ist noch nicht so weit oder kann das nie schaffen. Der Mensch sei, so wird behauptet, egoistisch und bequem. Des Weiteren verfüge er über ein großes Repertoire an Ausreden und Lügen, liebe die Spekulation und die Macht.

Es ist müßig, dagegen anzuargumentieren, entscheidend ist, aus den menschlichen Fehlern und Schwächen einen positiven Impuls abzuleiten und aufzuzeigen, dass der Mensch nebst seinem Drang, auch Gutes zu tun, gerade aufgrund der oben beschriebenen Eigenschaften wach, aufmerksam und im Sinne der Evaluierung eines Produktes konkurrenzfähig bleibt. Es ist unser gemeinsames Anliegen, den Dingen einen eigenen Wert zu verleihen, d. h. klarzustellen, dass gesellschaftliche Anerkennung nicht mehr primär nur über Geld erkauft werden kann, sondern durch eine besondere Art der gemeinnützigen Leistung im Verbund mit anderen Menschen. Dies schließt weder Individualität aus, noch ist eine Wertminderung impliziert, denn gerade diese selbstbewussten Eigenschaften werden gefordert und gefördert, um gemeinsame Projekte voranzubringen.

Der Mensch ist ein neugieriges und an Innovationen orientiertes Wesen und wird das Besondere der Eigenschaften philanthropischer Einrichtungen für sich als Chance der Erprobung neuer Formen der Erwerbstätigkeit und der Zukunftsplanung begreifen. Er erhält zusätzliche Möglichkeiten, sich erst noch entwickelnden Aufgaben zu stellen und zum eigenen Wohlergehen, wie auch dem anderer beizutragen. Vorteilssuche und Neid sind zwar nicht auszuschließen, aber das Beispiel der Vorbilder wird denen als Leistungsansporn dienen, die zunächst gewartet haben, ob es gelingt, auch weitere Menschen davon zu überzeugen, dass es einen anderen Weg der gesellschaftlichen Werterhaltung und Bereicherung als den der schonungslosen finanziellen Kapitalmaximierung gibt, nämlich die Schaffung des Zuwendungskapitals, eine Möglichkeit des Zuwenders, zusätzlich gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren. Zu geben ist nicht nur gerecht, sondern schafft dem Gebenden auch die Genugtuung seiner Freiheit und Unabhängigkeit.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Geld regiert die Welt – oder – die Gesetze des Markts beherrschen unser Leben

Zwar hat der Mensch die Sinnsuche nicht aufgegeben, aber zumindest die meisten Menschen haben für sich beschlossen, dass es sich nach den Gesetzen des Markts zumindest etwas komfortabler im Leben einrichten lässt. Die Marktgesetze orientieren sich an Regeln, d. h. derjenige, der eine Handlung vornimmt, zum Beispiel eine Investition veranlasst, erwartet eine Form der Kompensation. Der Investor will Rendite, der Konsument seine Ware, der Versicherte eine Versicherungsleistung. Das kostet, aber wenn es nichts kosten würde, wäre es auch nichts wert. Das ist eine weit verbreitete Auffassung und verankert in der Grundüberzeugung, dass alles erkämpft werden müsse. Auch das Erschleichen von Werten, das Spiel und die Überzeugung sind Arten von Kampf. Sie beruhen auf Verführung und Überlegenheit. Geld ist dabei eine Gestaltungsvariante. Es geht um Macht. Es geht um den Einsatz der Mittel und dabei die Erprobung der Fähigkeiten, über andere Menschen und ihr Vermögen Macht zu erlangen, eigene Ziele durchzusetzen, das eigene Leben zu bereichern, ideell und wirtschaftlich zu verschönern, dem Leben insgesamt einen materiellen, eigenen Sinn zu geben. Was erfülltes Leben ist, da gehen die Meinungen weit auseinander, die Mechaniken jedoch, um ein erfülltes Leben zu erlangen, sind ähnlich. Der Sinn dieser Betrachtung ist es daher, diese Mechaniken zu analysieren und sie fruchtbar zu machen in einem Bereich, der nicht in erster Linie von Geld bestimmt ist, aber auch hohen finanziellen Einsatz erlaubt. Würde man von Industrie sprechen dürfen, so würde man der Philanthropie eine boomende Zukunft zuerkennen. In diesem Bereich wird viel Geld in der Schaffung neuer Arbeits- und Ausbildungsplätze umgesetzt, fundamental der Dienstleistungsbereich entwickelt und erprobt und, was in der gesellschaftlichen Zukunft unerlässlich ist: vertrauensbildende Maßnahmen durchgeführt. Sobald der gesellschaftliche Prozess in Gang gesetzt worden ist und diese Maßnahmen unter finanziellen Gesichtspunkten bewertet werden, erfolgt ein Sinneswandel der Investoren; die Herstellung der Verträglichkeit zwischen Geld, Macht, und Verpflichtung, um größere soziale Anerkennung und damit auch wieder Investitionssicherheit zu gewinnen. Darauf kommt es dem Investor letztlich immer an: das Alleinstellungsmerkmal, welches er mit weiteren Auserwählten teilt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

 

Stolz

Kaum ein Amerikaner hätte ein Problem damit zu bekennen, dass er stolz auf sein Land sei. I´m proud to be an american. Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein? Wie klingt das anders, fremd? Stolz ist weitgehend aus unserem Sprachschatz verbannt. Stolz scheint anzuknüpfen an eine schlimme Vergangenheit Deutschlands, scheint verbunden zu sein mit Überheblichkeit und Ei­gennutz. Im unter­schiedlichen Sprachgebrauch schwingt dies sicherlich auch mit. Stolz hat die Aura des Triumphalen, signalisiert Macht. Wer stolz ist, kann sich dies leisten. Ist damit Stolz das Privileg der Arrivierten? Im Englischen klingt dies anders. Gerade derjenige, der am Rande der amerikani­schen Gesellschaft steht, verkündet so seinen Stolz. Der Stolz ist das, was noch bleibt, wenn der Mensch abgewirtschaftet hat. Der Arme verkündet seinen Stolz. Wenigstens also. Wer hier bekennt, stolz auf sein Land zu sein und nicht der politischen Meinungsfüh­rerschaft Deutschlands angehört, muss dagegen fürchten, für einen verkappten Nazi gehalten zu wer­den. Stolz geht allenfalls im kleinen privaten Raum, zum Beispiel stolz auf seine Kinder zu sein, die das Abitur bestanden haben oder eine Lehr­stelle bekamen. Stolz darauf, Vater zu werden, stolz auf ein Lob oder einen Preis, aber mehr Stolz ist nicht drin. Kann man aber so dem Stolz gerecht werden? Ist wirklich nicht mehr drin oder verstehen wir einfach nicht, stolz zu sein? Woher kommt Stolz? Was sind seine Bestandteile? Bei der Bewusstwerdung geht es nicht um eine etymologi­sche Ableitung, sondern darum, welche Signale Stolz setzt. Stolz ist derjenige, der etwas er­reicht hat. Eine Leistung ist vollbracht, und zwar zunächst eine eigene. Zunächst also ist Stolz sehr per­sönlich, festgemacht an der Fähigkeit, zufrieden mit den eigenen Umständen oder einer Leis­tung zu sein. Dies wiederum hat mit der generellen Selbst­wahrnehmung eines Menschen zu tun. Ich bin es mir selbst wert, dass ich stolz sein kann. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Damit wird auch gleichzeitig signalisiert, dass der würdige Mensch bereit ist, stolz zu sein auf sein eigenes Verhalten, seine Leistungen und das, was er für an­dere tut. Stolz und Würde sind Geschwisterpaare der selben Eltern. Die Würde des Menschen erlaubt diesen Stolz. Der Stolz muss aber nicht persönlich bleiben, sondern aus der Summe des Stolzes jedes einzelnen Menschen formt sich das ganze, und zwar das stolze Wir-Gefühl, abge­leitet von der Erkenntnis, dass nicht nur ich alleine, sondern jeder andere Mensch in einer Gesell­schaft eben­falls viel dazu beiträgt, dass das Werk gelingt, der Gemeinde, den Staat, Europa und Menschen überhaupt die Hilfe zuteil wird, die sie benötigen, aber oft nicht selbst organisieren können. Stolz ist die Bekräftigung des Willens, im Erreichten nicht stehenzubleiben, sondern sich weiter zu engagieren, im persönlichen, privaten Bereich genauso wie in der Gesellschaft. Stolz ist so gese­hen ein wichtiger Beweger der Bürgergesellschaft. Im bin stolz, dieser anzugehören.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski