Schlagwort-Archive: Ordnung

Sitten und Gebräuche

Den Älteren unter uns sind sie noch vertraut und in der Erinnerung gegenwärtig, die Sitten und Gebräuche. Es gibt so ein Regelwerk, das jeder früher verinnerlicht hatte als einen Teil seines Erziehungsprogramms, dies von Kindesbeinen an. Die Regeln beruhten auf Hören-Sagen und wiesen uns durch den Tag und das Jahr, schafften Sicherheit im Umgang mit anderen. Soweit wir sie befolgten, waren wir auf der sicheren Seite und konnten potentiellen Ärger im Falle der Übertretung einschätzen. Auch wenn die Regeln nirgends kodifiziert waren, wusste jeder, was zu tun war und fühlte sich nicht nur persönlich gut, sondern auch im Einklang mit anderen im Falle ihrer Beachtung.

Sitten und Gebräuche waren der Ordnungsrahmen, der Gemeinschaften schuf, wobei aber jeder auch unerbittlich darauf achtete, dass Übertretungen die Ausnahme und überschaubar blieben. Jeder, der die Regeln beachtete, war gleichzeitig Nutznießer der Ordnung. Jeder fühlte sich selbst verpflichtet, war aber auch derjenige, der das Verhalten anderer kontrollierte und Regelverstöße anprangerte. Damit wird deutlich, dass Sitten und Gebräuche sich in der Regel nicht freiwillig beibehalten lassen, weil ihnen ein von der Sache her geprägter Zwang zukommt. Deshalb stehen Sitten und Gebräuche in einem steten Konkurrenzverhältnis zum menschlichen Freiheitswillen.

Im Gegensatz zur Ungebundenheit ist gleiches oder ähnliches Fühlen, Denken und Handeln der Wesenskern von Sitten und Gebräuchen. Das Regelwerk erwartet das Eins-Werden mit anderen, den gemeinsamen Willen an ihm festzuhalten. Es ist zwar durchaus aufnahmefähig für Impulse, die Veränderungen und Erweiterungen schaffen, aber nur, wenn der Kern des Werks nicht zerstört wird.

Da wir Menschen auf Orientierung in unserem Leben angewiesen sind, könnte es sich anbieten, in der Verbindlichkeit von Sitten und Gebräuchen wieder ein verlässliches Grundkonzept für die Entwicklung überzeugender Regelwerke in unserer Gesellschaft zu sehen, das einer ungezügelten Selbstverwirklichung das Angebot an gemeinschaftlicher Rücksichtnahme und Verantwortung gegenüberstellt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Manieren

Noch habe ich das im Ohr: „Was bist du nur für ein ungezogener Bengel, hast du denn überhaupt keine Manieren!“ Oder auch: „Haben deine Eltern dir denn überhaupt keine Manieren beigebracht!“ Manieren? Welch seltsames Wort, aber als Kinder wussten wir genau, was damit gemeint war. Manieren bezeichnete das allgemeine Verständnis zu wissen, was sich gehört oder nicht gehört und entsprechend auch zu handeln. Der Begriff stammt aus dem Französischen. Er umfasst den gesamten Bereich einer Ordnung, die als allgemeinverbindlich angesehen wird, und zwar obwohl dies nirgends schriftlich verzeichnet ist.

Manieren wurden früher dem Kind beigebracht, d. h. es lernte die Regeln, die als selbstverständlich dafür angesehen wurden, dass sich der Mensch durch sein Leben navigieren sollte, ohne ständig mit dem Verhalten und den Ansprüchen anderer Menschen in Konflikt zu geraten. Ein Kind wusste, ob und wann es sich nicht manierlich verhält und versuchte dies möglichst zu vermeiden, es sei denn, dass es sich gerade bewusst und absichtlich unmanierlich verhielt, um Reaktionen der Erwachsenen zu provozieren.

Heute sind diese fast altertümlich anmutenden Begriffe kaum mehr gebräuchlich, aber der Sinn, der dahintersteht, ist weiterhin aktuell. Jeder Mensch muss wissen, was er darf und was er vermeiden muss, um ein einvernehmliches Zusammenleben mit anderen Menschen zu gewährleisten. Besteht dieses allgemeine Verständnis nicht und wird dies bei der Entwicklung von Kindern vernachlässigt, besteht die Gefahr, dass bei fehlender Kenntnis der Regeln der junge Mensch mit Verhaltensweisen anderer Menschen konfrontiert wird, die er nicht einordnen kann und sich dann entweder irritiert zurückzieht oder mit Aggressivität reagiert.

Diese Radikalisierung von Verhaltensweisen nehme ich wahr. Unhöflichkeit und Wut sind aber taktisch völlig ungeeignete Verhaltensweisen, um die Förderung des eigenen Anliegens und inhaltsbezogene Gespräche zu erreichen. Sie offenbaren vielmehr die Unfähigkeit, Ziele zwar beharrlich, aber auch unter Wahrnehmung eigener Grenzen zu verfolgen und einvernehmlich zum Erfolg zu gelangen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Generation Z

Kürzlich war ich Gast einer Veranstaltung, die sich mit den Chancen und Perspektiven der Ge­neration Z beschäftigte. Generation Z dürften die 16- bis 24jährigen der jetzigen Generation sein. Genau weiß dies allerdings niemand, da Altersabgrenzungen immer problematisch sind. Gespannt dürfen wir natürlich darauf sein, wer nach der Generation Z heranwächst. Vielleicht eine Generation Alpha oder irgendeine Zifferngeneration. Wer kann, wer will das schon wissen.

Eine Generation definiert sich, so will man glauben. Eine Generation wird definiert. Das dürfte näher an der Wahrheit sein. Die Generation Z sei von den digitalen Kommunikationsmitteln geprägt, dadurch gleichzeitig gefordert und überfordert, kooperativ und doch bindungslos. Kurzum: eine Generation in der Wir-Findung, aber kreativ, talentiert, ausgestattet mit hohem Potential. Es sei eine gesellschaftliche Aufgabe, die Talente und Fähigkeiten zu entwickeln, Freiraum zu schaffen und alle kreativen Ansätze dieser Generation zu fördern.

Auch zwei Vertreter der Generation Z waren bei der Veranstaltung, etwas knurrig und selbstbewusst, aber durchaus zufrieden, mit dem, was sie hörten. Sie dachten sich wohl ihren Teil und spekulierten auf den Nutzen der verbalen Angebote für ihre Zwecke. Die Veranstaltung lief in einem etwas breiigen Verständnismodus ab. Wie wir dies auch schon in anderen Diskussionen mit und über Jugendliche erleben durften, geht es immer darum, dass wir sie verstehen, ihre Zukunftsängste begreifen, unser Versagen eingestehen und hoffen, dass die Strafe für uns nicht allzu drastisch ausfällt.

Ein ganz merkwürdiger Ablaufplan für die Entwicklung unserer Generation und der kommenden. Eher beiläufig als zentral ist von Struktur, Ordnung, Verantwortung – auch Selbstverantwortung – und Pflicht die Rede. Dabei schaffen gerade Ordnung und Pflicht diejenigen Organisationen, die geeignet sind, auch junge Menschen dazu zu befähigen, sich unter Zurückhaltung einzubringen in persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse, um ausbaufähige Positionen zu erlangen. Kreativität bis hin zum Talent für eine bestimmte Aufgabe kann sich doch nur dadurch entfalten, dass es einen Plan gibt.

Solange Anspruch und Wirklichkeit beziehungslos durch Bildungsplattformen mit öffentlichen Diskussionen geistern, können sie nichts beitragen zu Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit einer Generation Z, Alpha oder eins. Es sind nicht die alten überkommenen Werte, die Hilfestellung leisten können. Erprobte Vorgaben, Rituale und Verhaltensanforderungen schaffen dem einzelnen Menschen und der Gesellschaft das notwendige Rüstzeug für die Zukunft.

Algorithmen sind keine Erfindungen der Neuzeit oder gar der Generation Z, sondern dem Menschen immanent seit jeher. Wir sollten daher nicht in der Disruption, sondern in der reflektierten Kontinuität Chancen für unsere Kinder und auch für uns sehen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vergehende Zukunft

„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran.“ So hieß in einem Lied der Gruppe „Fehlfarben“. Ja, das ist richtig. Geschichte wird gemacht in einem Gestaltungsprozess derjenigen, die in einer bestimmten Zeit unter bestimmten Umständen leben. Sie tragen die Bürde der Vergangenheit und gestalten eine Zukunft, die ihnen selbst trotz aller Prognosen ungewiss ist. Geschichte erscheint in der Nachschau oft sehr faktisch, überprüf- und ausdeutbar. Aufzeichnungen, Quellen und Dokumente erlauben eine Betrachtung, die das Prozessuale der Geschichte erkennen lassen.

Ordnung wirkt beruhigend und auch neue geschichtliche Erkenntnisse lassen sich bei allen unterschiedlichen Sichtweisen zumindest vorläufig stimmig einordnen. Würden man indes Geschichte ihrer Faktizität entkleiden, würde sich ein Chaos offenbaren, für welches wir keine Begrifflichkeiten finden könnten. An geschichtlichen Prozessen ist alles beteiligt, was Umstände und Bedingungen innerhalb und außerhalb des menschlichen Bereichs individuell und kollektiv ausmacht.

Geschichte ist der Moment der Bejahung und Verneinung, die Gunst des Planeten und widriger Umstände. Alles sublimiert sich in der Aneinanderreihung oder Clusterbildung von Momenten, pulsierend noch auch in entferntester Vergangenheit als auch schon in unvorstellbarer Zukunft. Geschichte ist unausweichlich, folgt der Logik seiner Zeit und wird bestimmt von Faktoren, die selbst nur vorläufig sind. Um die etwas kryptische Umschreibung zu verdeutlichen, meine ich, dass wir Einfluss nehmen sollten, aber nur bedingt Einfluss nehmen können auf den Verlauf der Geschichte.

Wir sollten nicht erschrecken vor Entwicklungen, die wir in vertraute Geschichtsbetrachtungen nicht einordnen können. Der technische Fortschritt, Bevölkerungsexplosionen, Klimaveränderungen und Kommunikation. All dies setzt geschichtliche Impulse frei, die uns als Akteure unerwartet handeln lassen müssen. Geschichtliche Muster der Vergangenheit jedenfalls taugen dazu nicht. Das werden über kurz oder lang auch diejenigen spüren, die noch glauben, alte Ordnungen und Herrschaftssysteme seien zukunftstauglich. Alles hat sich geändert und wird sich ändern. Auch wir.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ordnung

Die rechtliche Ordnung wird dadurch bestätigt, dass manche wagen, ihre Regeln zu überschreiten. Sie wird von Menschen fortgeschrieben, wobei eine Regelüberschreitung die nächste provoziert und so fort. Ordnung schafft Sicherheit, macht aber gefangen. Diejenigen, die sich im Recht auskennen, strapazieren diese Ordnung, suchen nach Schlupfwinkeln oder knüpfen das Netz des Rechts mit ihren Ansichten enger, als es ist. Die Unwissenden verstricken sich, wollen wissen, was geht oder nicht geht, meinen dabei nicht nur ihre Ansichten und Verhaltensweisen, sondern beharren auf Handlungsanweisungen.

Aber erst die Überwindung des normativen Denkens macht unsere Rechtsordnung wertvoll, denken wir z. B. an den Rechtsanwalt Nader, der in den 60er-Jahren den Verbraucherschutz in den USA herausgefordert hat, indem er mit Argumenten aus dem nichtrechtlichen Bereich Unternehmen zwang, auf gesundheitliche und technische Risiken der Bürger einzugehen. Lebenssachverhalte sind in erster Linie unjuristisch und bekommen durch die Juristerei nur so lange ihre allgemeinverbindliche Legitimität, bis diese Verbindlichkeit auch wieder infrage gestellt wird. Ein sich selbst reproduzierendes Justizsystem entfernt sich weit vom Judiz des Menschen, verliert zunehmend an Glaubwürdigkeit bei denen, die auf einem würdevollen Leben des Menschen bestehen, und schafft ein trotziges Unverständnis bei denjenigen, die der vermeintlichen Überlegenheit des Gesetzes und der Justiz vertrauen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski