Zeit und Raum dienen uns als Orientierung. Ohne Dimensionen, wie sie zum Beispiel durch den Urknall begründet werden, bestünde die Gefahr der Fragwürdigkeit jeglicher Sinnesdefinition. Wir müssen in Frage stellen, was wir gerade als wahr bezeichnet haben. Nicht die Relativität unseres Denkens und Handelns ist der Gradmesser menschlicher Vernunft, sondern das Unvorstellbare, welches sich in jedem Moment, den es an sich nicht gibt, formt und wieder in sich zerfällt.
Aber auch das Formen und Zerfallen sind keine Gestaltungs- sondern ausschließlich Wahrnehmungsmerkmale. In dem Bereich völliger Gleichgültigkeit des Anderen gegenüber unserer Vorstellungskraft gibt es eine Existenz, die sich unserer Definition auf Dauer entzieht. So gibt es außerhalb unserer Wahrnehmung auch keinen Urknall. Außerhalb unserer Wahrnehmung gibt es nicht die Ordnung von Anfang und Ende. Außerhalb unserer Wahrnehmung ist weder Licht noch Finsternis. Außerhalb unserer Wahrnehmung gibt es weder Zeit noch Raum, es gibt aber auch nicht das Nichts oder das Etwas. Außerhalb unserer Wahrnehmung ist das Unfassbare das Unnahbare, welches auf uns zustürmt und sich von uns entfernt oder im Paradoxon immer auch oder auch immer nicht ist.
Es bietet sich uns nicht zum Begreifen an. Irrgärten können wir begehen. Auch wenn wir uns verirren, gelangen wir zum Ziel. Das Labyrinth dagegen lässt es zwar zu, dass wir es ausdeuten, es befindet sich aber vor allem dort, wo es auf uns einwirkt, ohne dass wir es zuvor geordnet haben. Das Labyrinth soll uns hier als Bedeutungsschlüssel dienen, das Labyrinth der Wüste, des Tanzes und der Unnahbarkeit.
Das Unnahbare begegnet uns auch im „Heiligen Gral“. Auch den „Heiligen Gral“ haben wir bezeichnet, aber nicht wir wirken auf ihn ein, sondern er auf uns. Wir spekulieren über Zeit, Raum und Kraft. Mehr vermögen wir nicht mit unserem Verstand. Der größte Gradmesser unseres Wissens aber ist unsere Ahnung. Unsere Ahnung ist ausfüllend, mithin schwerelos und bedeutungs- schwer. Sie weiß schon um die längst bekannte Fülle und Leere jeden Augenblicks. Sind wir einmal zu dem gegangen, was wir nicht begreifen können, sind wir auch angekommen ohne die Vollendung jeglicher Erfahrung.
Nicht das Schicksal, sondern jeder Moment wirkt auf uns ein, längst abgebildet in unserer permanenten Ahnung von war, ist und wird sein. Für uns Menschen gibt es immer etwas Neues. Für die Ewigkeit gibt es keinerlei Kategorie. Angst verleiht Flügel, die Seele fliegt, das Traumgespinst, die Rakete. Wir bewegen uns – laufen, springen, reiten. Wir beherrschen unsere Zeit in der Zeit unseres Lebens. Wir beherrschen Andere und verfügen über ihre Zeit. Für die Zeit, wenn wir sie so nicht benennen würden, wäre das allerdings völlig belanglos. Jenseits unserer Wahr- nehmung ist das Eigentliche, das Labyrinth, in dem auch wir irgendwie vorkommen – ahnen wir. Das Tote und das Lebendige sind in der Ewigkeit vereint. Wir müssen aber nicht sterben, um zu leben, sondern nur das Wesen des anderen erahnen. So gibt es in der Welt die Körperlichkeit nicht, wie es auch jenseits unseres Todes nicht mehr die Unkörperlichkeit gibt. Wir bleiben uns in unserer Definition erhalten, schöpfen aber tief aus dem, was sich unserer Formatierung entzieht: das Andere.
Wenn wir nicht glauben müssen, dass unser Sein die Welt bestimmt, dann sind wir frei von dem Zwang zu behaupten, dass das Eine geht und das Andere nicht. Wir müssen zum Beispiel nicht nur glauben, dass Schall sich fortsetzt oder Licht sich bricht, sondern dass wir in unserem Wesen nicht anders sind als das, dem wir bestimmte Eigenschaften zubilligen. Wir haben Wasser gewogen und Eis und Dampf daraus geformt. Dem Wesen der Dinge sind wir dabei aber nicht nähergekommen. Unser Wesen haben wir gedanklich besonders schwerfällig ausgebildet, damit uns die Fixierung erhalten bleibt. Wenn das alles nicht mehr stimmt, werden wir frei – frei auch von uns selbst. Wir könnten fliegen, aber wozu? Wir könnten uns zusammensetzen oder auflösen, aber wozu? Die praktische Vernunft lässt keine Veränderung zu. Das Andere kann uns verändern, weil wir nicht in der Lage sind, es beherrschen zu können. Diese Ahnung macht uns so versessen darauf, unser ‚Schicksal‘ selbst in die Hand zu nehmen, an die Grenzen unserer Vernunft zu gehen, aber natürlich auch keinen Schritt darüber hinaus. Dabei bewegen wir uns im Labyrinth der Wüste, in dem wir schon längst bewegungslos geworden sind.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski