Schlagwort-Archive: Rücksichtslosigkeit

Eskalation (Teil 2)

…Daraufhin spreche ich nochmals explizit die ältere Frau an, die dann doch kurz den Blick hebt und mich wissen lässt, sie sei derart in ihr Buch vertieft und im Übrigen seien ihre Enkel nicht so. Diese würden so etwas nicht machen. Der Mann mittleren Alters schweigt weiter und die junge Frau steigt an der nächsten Station noch immer grinsend ohne Wortbeitrag aus.

Ich stelle fest, dass keiner der im Abteil Anwesenden mir beigestanden hat und meinen Appell an den Jungen unterstützte. Mein Eindruck ist, dass die Menschen bereit sind, alles hinzunehmen, zumindest solange, sie durch das Verhalten anderer nicht unmittelbar selbst betroffen werden. Und wie schätze ich mein eigenes Verhalten ein?

Ich fühlte mich jedenfalls hilflos, etwas wütend und auch traurig. Was vermag ich denn wirklich? Kurz hatte ich erwogen, den „Flegel“ zu fotografieren. Aber, was wäre das für ein Quatsch geworden! Sicher noch ein weiteres Zeichen meiner Hilfslosigkeit und dabei hätte ich noch riskiert, dass er mich entweder auslacht oder mich schlimmstenfalls auch angreift und ich in eine körperliche Auseinandersetzung mit ihm verwickelt werden würde.

Menschen, mit denen ich meine U-Bahn-Erfahrung dieses Tages teilte, rieten mir, künftig auf solche Ermahnungen zu verzichten, da sie eskalieren könnten. Hier halte ich, wie ich dies auch in meiner kurzen Ansprache an meine Mitreisenden im Abteil versucht hatte, damit dagegen, dass wir alle eine auch gesamtgesellschaftliche Verantwortung haben, derartige Vorkommnisse zu verhindern, da Gewalt, Rüpelhaftigkeit, Zerstörung, Missachtung der Werte anderer nicht zur Regel werden dürfen.

Ich führte auch an, dass wir alle ohnehin schon unter der rapiden Zunahme der Rücksichtslosigkeit leiden würden. Tatsächlich kann ich diese Gleichgültigkeit gegenüber dem durch den Jungen gezeigten Verhalten nicht hinnehmen. Sie sind vergleichbar mit den Pöbeleinen, die überall an der Tagesordnung sind, der Rücksichtslosigkeit gegenüber älteren Menschen und auch Behinderten. Dabei ist zu bedenken, was es für mich selbst und auch andere Menschen bedeuten würde, wenn ich meine Missachtung und die damit verbundene Abwehrhaltung aufgeben würde? Ich stelle mir dabei vor, was geschehen würde, wenn statt der von mir beschriebenen Anwesenden im Zug drei Rechtsradikale zugestiegen wären, den Jungen gesehen, diesen entweder angebrüllt oder gleich versucht hätten, ihn gewaltsam von der Bank zu ziehen. Dies zumal dann, wenn sie erkannt hätten, dass er einen Migrationshintergrund hat.

Was ich beschreibe, ist nicht nur vorstellbar, sondern es geschieht tatsächlich. Was würde ich tun? Ich würde versuchen, dem Jungen zu helfen und mich bemühen, die Radikalen von ihm abzuhalten. Das ist allerdings auch risikoreich und gefährlich. Hätte ich dann die Unterstützung der anderen Mitreisenden erhalten? Ich fürchte nein.

Es wäre bestimmt alles so verlaufen, wie ich es schon beschrieben habe. Wenn wir es allerdings nicht schaffen, als Gemeinschaft zu lernen, solidarisch zu handeln, für die von uns geschaffenen Regeln und Ordnungen einzutreten, für Deeskalation zu sorgen, dann droht uns eine Zunahme der Gewalt in jeglicher nur denkbaren Art und Weise. Das müssen wir im Interesse unserer Enkelkinder, Kinder, anderen Menschen und uns selbst verhindern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vivre quand même

Bei Sartre heißt es, dass das Leben absurd sei, man aber dennoch leben möge. Auf diese philosophische Tiefe möchte ich mich aber nicht begeben, sondern vom alltäglichen Lebenstrotz berichten. Der Trotz hat einen Bezug zur Niveaulosigkeit, die ich in weiten Bereichen unseres Lebens heute feststelle. Der Begriff Niveaulosigkeit muss allerdings hinterfragt werden, denn es ist keineswegs gesichert, was unter Niveau zu verstehen ist.

Früher benannte das Niveau eine allgemein verständliche gesellschaftliche Verhaltensweise, die konsensfähig war und weitgreifend in der Gesellschaft auch geachtet wurde. Das beinhaltete, dass man wusste, wie man sich gab, kleidete, aß, sich Nachbarn und anderen gegenüber verhielt. Es war keine Ordnung des Herzens, sondern der Anschauung. Die Attacken dagegen waren unausweichlich und spätestens in den 68er Jahren war jedem klar, diese Ordnung taugt nicht mehr, sie wird in Frage gestellt bzw. abgeschafft. Viele, unter anderem auch ich, haben dies als Befreiung empfunden. Die Befreiung von Zwängen eröffnet Möglichkeiten, neue Erfahrungen zu erproben, Verabredungen zu treffen und Bündnisse zu schmieden. Doch, was ist aus dieser Freiheit geworden?

Aus meiner Sicht nichts Gutes, denn es folgte dem libertären Ideal die Libertinage. Sinnbildlich ist dies unter anderem im Berliner öffentlichen Nahverkehr zu erleben. Als steter Nutzer habe ich dort fast alles schon erlebt, was die Niveaulosigkeit zu belegen geeignet ist. Der rücksichtslose Umgang einiger Reisegenossen mit ihrem Bedürfnis nach ungestörter Selbstverwirklichung zwingt oft zum inneren Abdanken vor der geschmacklosen Wirklichkeit. Wird diese im Einzelfall von einem der Mitreisenden thematisiert, scheitert die Abhilfe nicht an vorhandenen Möglichkeiten, sondern an der Irritation der betroffenen Täter. Diese verstehen einfach nicht, um was es geht und was man von ihnen will. Da es kein konsensfähiges Verhalten mehr zu geben scheint, ist es auch nicht verwunderlich, in Restaurants vor allem junge Menschen dabei zu beobachten, wie sie fast hilflos mit Messer und Gabel umgehen oder mutig den Nachbartisch an der eigenen verbalen Feierlaune teilnehmen lassen.

Auch wenn das Motto zu lauten scheint: Ich zuerst, so ist das keine Frage des inneren Wollens, sondern eine Antwort auf das allgemeine Angebot. Die wirtschaftsmächtige Industrie hat sich der Libertinage bemächtigt und in der Vereinzelung des Menschen außerhalb eines gesellschaftlichen Niveaus enorme Marktchancen entdeckt, die es zu nutzen und zu erhalten gilt. Die so entstandene Rücksichtslosigkeit trägt keine aggressiven Züge, sondern verkörpert ein konturloses Konsumentenniveau. Der einzelne Mensch aber ist nach wie vor hilfsbereit, freundlich, offen und emphatisch. Deshalb ist es gut, trotz der beklagenswerten Niveaulosigkeit weiter zuversichtlich zu leben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Rücksichtslosigkeit

Hand aufs Herz. Wer ärgert sich nicht über rücksichtslose Radfahrer, die einen auf Gehwegen fast umnieten, rücksichtslose Autofahrer, die sämtliche Verkehrsregeln ignorieren oder ge­dankenlose Reisende im öffentlichen Nahverkehr, die unmittelbar nach dem Aussteigen erst einmal stehenbleiben und den Weg versperren. Die Liste ist unendlich lang und jeder kennt sie.

Wir alle sind oft fassungslos über das Verhalten anderer, stellen aber bei uns selbst eine Neigung dahingehend fest, es den Anderen heimzuzahlen und sich zu rächen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet. Die sich so perpetuierende Rücksichtslosigkeit wird in ihrem ganzen Wirkungsausmaß bisher unterschätzt.

Rücksichtslosigkeiten werden nicht nur durch mangelnde Erziehung geschaffen, sondern sie entsprechen offenbar auch dem Zeit­geist. „Ich muss mich wehren, ich muss mich durchsetzen, ich muss mich verteidigen.“ Eine Fülle von Imperativen scheinen uns zu zwingen, jeglicher Form des Mit- und Füreinanders zu widerstehen. Diese Grundaggressivität kann durch beliebige Inhalte aufgeladen werden, seien diese weltanschaulich, politisch oder rein persönlich. Da es sowohl im eigenen Kiez als auch weltweit täglich ausreichend Anschauungsmaterial gibt, ist es nicht fernliegend zu unterstel­len, dass auch ein leichter Funke, ein banaler Anlass Verhaltensweisen auslösen kann, die sich in übersteigerter Aggression und Zerstörungsdrang äußern.

Ich meine damit durchaus drama­tische Verletzungs- und Tötungshandlungen mit Messern, Pistolen, Schubsen vor einfahrende Züge oder Autos. Zunächst gibt ein Wort das andere. Aus verbalen Auseinandersetzungen werden Handgreiflichkeiten. Wenn wir den aggressiven Zeitgeist einfangen wollen, müssen wir Ent­spannungsübungen für unsere Gesellschaft einrichten, das Gefühl vermitteln, dass es darauf ankommt, rücksichtsvoll miteinander umzugehen und jeder, der das berücksichtigt, auch et­was davon hat: Dank, Anerkennung, gutes Selbstgefühl, ein Lächeln und ewiges Gedenken.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski