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Entscheidung

Die Begrifflichkeit „Entscheidung“ ist schillernd. Die Entscheidung, die ich aus Verantwortung oder aus Leichtsinn selbst treffe, korrespondiert nicht mit einer Entscheidung, die eine Maschine oder ein Umstand trifft. Selbst, wenn ich entschieden habe, 10 Minuten früher aus dem Haus zu gehen, trifft letztlich dieser zeitliche Umstand die Entscheidung, ob mein Leben sich verändert, es mir gut oder schlecht geht.

Bruchteile von Sekunden spielen bei der Gestaltung meines späteren Lebensweges eine ausschlaggebende Rolle. Wir sind nicht frei. Wir sind selbst dann nicht frei, wenn wir glauben, frei entscheiden zu können. Alle Entscheidungen, die wir treffen, sind von Dingen geprägt, die ihre Wurzeln in unserer Geschichte, den Umständen und Vorbehalten finden, denen wir uns noch nicht einmal bewusst sein müssen.

Aber Entscheidungen bedingen Entscheidungen und setzen in jedem Augenblick unseres Seins Impulse frei, die unser Leben ändern. Die permanente Lebensveränderung ist das der Entscheidung innewohnende Prinzip, und zwar auch dann, wenn die Entscheidung Entwicklungen verhindern sollte. Wenn der Mensch die Entscheidungsprozesse zu seiner Person zurückspult, stellt er selbst bei einfachen Beispielen seiner Entwicklung fest, wie fragil der ganze Prozess ist und wie leicht alles ganz anders hätte sein können. Das lässt den Menschen oft an der Sicherheit zweifeln, obwohl er auf diese doch so dringend angewiesen ist und nach ihr strebt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Plattform

Am 12.01.2018 fand das 2. Potsdamer Gespräch unter der Leitung von Bernhard von Mutius statt. Referenten und eingeladene Gäste versammelten sich im „Bayerischen Haus“ in Potsdam, um zum Thema „Industrie und Plattformen – wie entwickeln sich die Besitzverhältnisse der Zukunft?“ herauszufinden, welche Veränderungsprozesse die Wirtschaft und unsere Gesellschaft im Hinblick auf die Digitalisierung unserer Lebensverhältnisse erfahren wird. In der hochkonzentrierten und spannenden Veranstaltung wurde deutlich, dass der Vorsprung im digitalen Bereich der Anbieter aus Silicon Valley und auch China nicht aufzuholen ist.

Mir drängte sich allerdings die Frage auf, weshalb wir so bemüht sind, den Amerikanern und Chinesen gleichzutun, zu versuchen, deren Plattformmentalität auch für uns zu erschließen und nutzbar zu machen. Was würde geschehen, wenn wir sie nicht nachahmen würden, sondern unsere eigene Sprache fänden? Wenn wir uns darauf besinnen, dass alles von Menschen für Menschen gemacht wird, kommen wir dann nicht vielleicht zu einem anderen prozessualen Verständnis, das es uns erlauben würde, eine eigene Plattform für die soziale und auch wirtschaftliche Kommunikation zu entwickeln?

Was den Menschen von Geburt vor allem bewegt, ist Sicherheit. Er will sich seiner Nahrung versichern, seiner Beschäftigung und seiner Fortpflanzung. Wenn der eigene Raum gesichert ist, öffnet sich der Mensch den Möglichkeiten, bedenkt seine eigenen Fähigkeiten und wirft den Hut weit in den Ring. Nicht die Digitalisierung an sich bringt ihn weiter, sondern seine gesicherten Lebensverhältnisse erlauben ihm, ein gutes Leben anzustreben, Bildung, Glück, Genuss, Leichtsinn, Übermut und Wohlbefinden. Daraus leitet sich ab, was der Mensch wirklich will, was er von anderen Menschen, der Gesellschaft und auch der Wirtschaft begehrt. Er will mehr als ihm üblicherweise in der güterpassierten Wirtschaft geboten wird.

Auch die Digitalisierung an sich bietet keine Befriedigung. So übermächtig die Digitalisierung angekündigt wird und in unseren Köpfen Platz greift, sie ersetzt weder unsere Lebensgrundlage noch den Verstand und die Gefühle. Die Digitalisierung ist lediglich ein Tool, um Prozesse zu steuern. Alles darüber hinaus, Disruption und Kollaboration findet ausschließlich im menschlichen Gestaltungsbereich statt. Wenn unser Business Case, ausgehend von unseren Bedürfnissen nicht die Digitalisierung an sich ist, gesellen sich Werte hinzu, die den Menschen nach Zeiten warengestützten Wirtschaftens wieder ein adäquates Leben erlauben.

Der Mensch wird sich fragen: Was will ich? Er redet dabei nicht von seiner Freiheit, sondern will seine Abschaffung, seine soziale Amputation und die eigene Sinnlosigkeit vermeiden. Auf diesem Weg wird der Mensch Plattformen schaffen, die philanthropisch geprägt sind, wirtschaftliche Errungenschaften mittels analoger und digitaler Tools erreichen, aber neben der eigenen Lebensbefriedigung auch das Ganze im Auge haben, weil dies seiner Sicherheit dient.

Bildung, Beschäftigung, Pflege, Erhalt der Umwelt und Klimaschutz sind neben Lifestyle geeignete Business Cases, die den Wohlstand und den Fortbestand der Menschheit sichern. Es ist daher kurzsichtig, amerikanischen und chinesischen Erfolgen hinterherzulaufen und sinnvoll, sich von der reinen Warenwirtschaft zu verabschieden und neue Wege zu gehen. Besinnen wir uns auf unsere Sinnstifter und Philosophen. Wenn diese auch keine probaten Antworten zu allen Lebenssachverhalten zur Hand haben, so sind sie doch verlässliche Scouts, waren es schon immer.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Heimat

Die Diskussion darüber, was Heimat sei, läuft in den Medien auf vollen Touren. Für die einen ist Heimat das, was sie verloren haben, die anderen suchen sie. Heimat ist der Wald, der Kiez oder der Apfelkuchen der Großmutter. Alle Sehnsuchtsorte und Verluste sind Heimat. Heimat ist die Chiffre für Sicherheit. Sicher lebt man aber nicht mehr, auch nicht als Flüchtling. Deshalb nimmt die Heimatdeutung gerade jetzt wieder Fahrt auf, wo manche sich schützen wollen vor Überfremdung, wie sie es nennen oder das Hineingeworfen sein in eine feindlich gesonnene Umwelt. Keiner scheint bei der Ausformung des Heimatbegriffs ganz auf seine Kosten zu kommen. Vielleicht deshalb, weil Heimat alles benennen kann. Heimat kann Weihnachten sein, aber auch die Jagd.

Für mich war es einmal während eines Griechenlandaufenthalts bei circa 40 Grad Celsius die Vorstellung von Rothenburg ob der Tauber bei Regen. Dies obwohl ich in dieser Stadt niemals gelebt habe, sondern sie nur besuchte, auch jüngst wieder, um dort von permanenten Weihnachtsdauerausstellungen, die man offenbar für Asiaten inszeniert, überrascht zu werden.

Heimat als Dekor. Vielleicht sind auch die Sterne in den Fenstern, die putzigen Schalen, Lichter, Gänsehälse in Blumentöpfen und schmiedeeisernen Riesenameisen in Vorgärten Heimat. Wenn dies so ist, dann vermittelt Heimat eine Arglosigkeit, mit der wir fast alle einmal im Kindesalter gesegnet waren, bevor die Lebenskämpfe begannen und die Zumutungen. Heimat als die Zeit, in der wir uns noch auf das Leben freuten, staunten über alle hinzuerworbenen Fähigkeiten, mit Genuss Äpfel aßen und Zeit hatten, stundenlang auf auf einen Käfer oder in den Himmel zu schauen.

Das alles tragen wir in unseren Herzen, abrufbar, wenn es erforderlich ist, sich auf das Einfache, Klare und Unverfängliche zu besinnen. Heimat ist unter diesem Blickwinkel nicht strapaziös. Heimat ist dann ein Angebot und stellt keine Ansprüche an uns. Wieso aber dann die Sprüche, dass man die Heimat schützen müsse, dass es sie zu verteidigen gelte gegenüber fremden Eindringlingen? Wie soll denn eine Heimat geschützt werden, die je nach Gemütslage und Ortsgebundenheit so unterschiedlich ausfällt.

Wenn meine Heimat mein Garten ist und vielleicht auch noch die Zwerge darin, ich aber die Oldtimersammlung meines Nachbarn überhaupt nicht schätze, wieso soll ich dann mich für ihn und er sich für mich engagieren, wenn wir beide aus unterschiedlichen Gründen unser Ambiente als Heimat begreifen? Kann das Höchstpersönliche verallgemeinert werden?

Das schon. Meine schwäbische Heimat, die ich im Herzen trage, soll möglichst nicht durch „fracking“ zerstört werden, auch Windräder finde ich nur begrenzt heimattauglich, selbst dann, wenn ich sie für die Energiegewinnung unabweisbar finde. Aber auch das, was mir das Dorf, der Weiler, der Bauernhof im Schwarzwald oder der Kreuzberg in Berlin als Heimat bietet, ist letztlich nichts anderes als die Projektionsfläche meiner Sehnsucht nach einem Rückzugsort, dem ich vertraue. Heimat taugt begrifflich schon deshalb nicht zur Abwehr anderer, weil diese mir meine Heimat überhaupt nicht streitig machen. Vielleicht sind sie aber neugierig, davon zu erfahren, wenn ich bereit bin, darüber zu sprechen und sie so in meine Heimat einzuladen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verkrampfung

Höher. Schneller. Weiter. Ein Mantra in der Leistungsgesellschaft, die sich mit dem Erreichten niemals arrangieren kann. Die Steigerung des Erreichten ist menschliche Hybris. Doch was erreichen wir damit? Genugtuung und Freude?

Kaum jemand würde dies bejahen. Eher sind wir der festen Überzeugung, dass Fortschritt nicht anders zu erreichen ist und der damit verbundene Kollateralschaden unvermeidbar. Was wird beschädigt?

Zunächst unsere Sicherheit. Bei allem, was wir tun, müssen wir damit umgehen lernen, dass sie in Frage gestellt wird. Diese Unsicherheit schafft Aggressionen, wehrt das zu Schaffende ab und relativiert seinen Nutzen. Dem Fortschritt werden Fußangeln angelegt, und zwar nicht wegen fehlender Erkenntnis des Sinns und des Nutzens, sondern weil sämtliche Etappenerfolge in Frage gestellt und neue Leistungsziele vorgegeben werden.

Dem Fortschritt fehlt die Leichtigkeit. Er bietet sich nicht durch seine Chance an, das Erreichte zu überdenken, sondern als Gebot es in Frage zu stellen. In dieser Verkrampfung kann Fortschritt auch Ängste auslösen, die selbst dort, wo Veränderungen sinnvoll sind, Verhinderungen provoziert. Ein das Ergebnis bedenkendes Fortschreiten ermöglicht allerdings Entwicklungen, denen sich viele Menschen öffnen können, ohne zu verkrampfen. Das könnte ein Gewinn sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sicherheit

Unser Bedürfnis nach Sicherheit ist gigantisch. Es kann durchaus sein, dass dieses Sicherheitsbedürfnis dem Menschen angeboren ist. Es ist aber auch erwägenswert, zu prüfen, ob unser Sicherheitsbedürfnis nicht etwa darauf beruht, dass wir, nachdem wir festgestellt haben, dass Selbstverwirklichungswille und -möglichkeiten weit auseinander klaffen, uns mit dem System arrangieren, also fügen. Sicherheit bedeuten die Eltern, Sicherheit bedeutet der gleiche Bezirk, die gleichen Freunde, die gleiche Schule, der spätere Arbeitsplatz, das Häuschen im Grünen, die Vorsorge mit Lebensversicherungen, Sparbeträgen und Rentenversprechen. Sicherheit korrespondiert mit Wohlverhalten. Wir verhalten uns so, wie es von uns erwartet wird. Wir zahlen Steuern, wir konsumieren, wir warten bei Behörden, wir mucken weder gegen Lehrer noch möglichst gegen Dienstvorgesetzte auf. Von der Wiege bis zur Bahre haben wir uns mit dem Leben durch Unauffälligkeit arrangiert. Offenbar stellt die Sicherheit ein großes Potenzial dar. Sie wird geprägt durch die Politik und verteidigt unser Gemeinwesen durch ihre Bereitschaft, sich mit allem zu arrangieren, was den Sicherheitsgedanken nicht belastet.

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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski