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Facebook

Als ich ein Kind war, wohnten wir in einer Kleinstadt. Während des Tages nach Kindergarten und Schule tobten wir auf der Straße herum, spielten Brennball, „Himmel und Hölle“, Verstecken oder Fangen. Wir konnten dies unbekümmert mit den Kindern aus der Nachbarschaft tun. Nach dem Mittagessen trafen wir uns auf der Straße. So war das damals. Am Abend öffneten sich die Fenster zur Straße, Kissen wurden auf die Fenstersimse gelegt und der „Herr des Hauses“ im Unterhemd und seine Frau schauten dem Treiben auf der Straße zu, unterhielten sich mit Nachbarn und grüßten auch unbekannte Menschen, soweit sie diese als freundlich empfanden, andere wurden misstrauisch beäugt. Ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, alle hatten einander im Blick, trafen sich, redeten miteinander oder auch hinter dem Rücken des anderen. Am Sonntag war Kirchgang angesagt. Jeder nahm aus seinem Schrank die fesche Bluse oder den Anzug, um damit herumzuspazieren und anderen zu zeigen, wer man war. Man war also jemand. Eine respektable Persönlichkeit, hielt dem Vergleich mit den Kleidern anderer stand, gehörte dazu.

Dann kam Fernsehen, die Straßen wurden uninteressant, die Geburtsraten gingen zurück und Menschen zogen sich mehr ins Privatleben zurück.

Hatten sich dadurch ihre Bedürfnisse verändert? Ich behaupte nein, überhaupt nicht. Sie sind weiterhin auf die Begegnungen mit anderen Menschen angewiesen, die Kommunikation, die uns Sicherheit im Leben verschafft, Anerkennung bietet und Vergleiche ermöglicht. Wir wollen doch alle dazu gehören, haben Angst, nicht wahrgenommen zu werden, wollen Spuren hinterlassen und unsere Möglichkeiten, Dinge zu erfahren, erweitern.

Und dann öffnet sich Facebook im Internet, erlaubt den Vorteil der reflektiven Kommunikation, ständige Präsenz, Austausch mit wem auch immer, aber auch eigenen Bekannten und Freunden. Wir können sie teilhaben lassen an unserem Leben, nehmen aber gleichwohl Einfluss auf das Darzustellende. Wir kennen das Sprichwort: Aus den Augen, aus dem Sinn. Jetzt bleibt der Augenmerk immer auf den Inhaber der Facebook-Seite geheftet, abrufbar, erneuerbar, erweiterungsfähig und selbstbestätigend. „Ich bin ich und ich bin da.“ In diesem Sinne sind wir alle massenhaft. Das Dorf, die Kleinstadt, die Straße, die Wohnung, alles hat sich in der Dimension einfach erweitert. Ansonsten ist alles so wie früher.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Präsenz

Über den medialen Overkill wurde schon viel geschrieben. Es wird geklagt, dass der Mensch nicht mehr verarbeiten kann, was ihm ständig in den Medien, per E-Mail, Zeitschriften und natürlich auch Büchern angeboten werde. Das soziale Netzwerk, das eine ständige Präsenz des Menschen anfordere, sei dabei noch eine weitere Unumgänglichkeit, die der Mensch kaum mehr verkrafte. Die Klagen sind sicher berechtigt, aber an dem Zustand selbst wird sich nichts ändern.

Problematisch wirkt sich allerdings aus, dass unsere menschlichen Kapazitäten kaum ausreichen, um die Datenflut zu verarbeiten und Entscheidungen zu treffen, die der Komplexität der medialen Angebote Rechnung trägt. Selbst der ordnende Sinn eines Menschen vermag nicht jeden erwogenen Gedanken festzuhalten, um ihn einer steten Prüfung unter verschiedenen Gesichtspunkten zu unterziehen. Gedanken sind flüchtig. Selbst das, was der Mensch notiert, abspeichert in seinen Internetordnern, muss immer wieder hervorgeholt und mit entwickelten Gedanken abgeglichen werden. Kann das gelingen?

Ein großer Wissensvorrat ist durch das Internet gesichert und entwickelt sich stetig weiter. Es ist verführerisch, dem sich vermehrenden Wissen zu trauen und zu behaupten, durch die Verfügungsmöglichkeit teilzuhaben an der Präsenz dieses Wissens. Den Umstand der Verfügbarkeit des Wissens ohne selbst steter Träger dieses Wissens sein zu müssen, empfinden wir als Entlastung. Doch die Freiheit, darauf zuzugreifen und die Methoden des Zugriffs zu kennen, führt allerdings auch zur Abhängigkeit vom Provider unserer Möglichkeiten.

Versagt der Provider, scheitert der Zugriff auf unser eigenes Wissen, welches wir in irgendeine Cloud ausgelagert haben. Deshalb sollten wir bedenken, dass unser Verstand, unser Unterbewusstsein und jeder weitere Resonanzraum in uns gelernt hat, zu arbeiten und uns Einschätzungen zu gewähren, die bezogen auf Wissen, komplexe Entscheidungen ermöglichen. Es steckt meist viel mehr in uns selbst, als ein Provider bieten kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski