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Vergebung

Auf den Konsum von Nachrichten, Talkshows, Interviews und Einschätzungen zur politischen Lage habe ich in letzter Zeit verzichtet. Der Pegel meiner Aufnahmefähigkeit ist überschritten, auch, wenn ich das Rumoren in der Gesellschaft, die Entwicklungen bei den herrschenden Kriegen und die meisten politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen durchaus mitkriege. Es kann und wird womöglich noch schlimmer kommen, Europa und Asien in weitere Kriege verwickelt bzw. bestehende Auseinandersetzungen und Kriege verstetigt werden. Zu den kriegerischen Auseinandersetzungen gesellen sich die wirtschaftlichen Verwerfungen, schließlich ist sogar ein Zivilisationsbruch möglich, dessen Dimension mit den bisherigen Erfahrungswerten nicht mehr zu messen sein wird. Und doch wird das nicht das Ende sein.

Nach allen Kriegen, ggf. auch zumindest begrenzt atomaren Auseinandersetzungen, Weltwirtschaftskonflikten und sogar unvorstellbaren Metzeleien wird die dann eintretende Erschöpfung die Menschen zwingen, ihre Untaten zu beenden und zu versuchen, eine einigermaßen erfreuliche Lebenssituation in dieser Welt wiederzubeleben.

Zu unserer Lebenszeit werden wir uns wohl kaum wieder vergeben können, aber vielleicht dürfen wir uns doch die Hoffnung erhalten, dass künftige Generationen wieder ausreichend klug sein werden, vernünftig und pragmatisch Orientierungen zu schaffen, die unseren Planeten zumindest noch teilweise bewohnbar bleiben lässt. Dass der Mensch denkt und Gott lenkt, davon kann keine Rede sein, wie Brecht schon wusste, sondern alles, was wir machen, alles, was passiert, ist menschlich, hand made und gefährlich.

Vergebung

Kürzlich las ich in der „Zeit“ von einer Mutter, die dem Mörder ihres Sohnes vergibt. Weitere Beispiele der Vergebung werden in diesem Beitrag auch genannt. Vergebung? Was bedeutet das eigentlich und was ist damit gemeint?

Vergebung bedeutet sicher nicht Billigung einer Verletzung. Sie bedeutet aber, dass sich der Verletzte mit dieser Verletzungshandlung auseinandergesetzt hat. Er hat vergebend begriffen, dass jeder Mensch verletzlich ist und auch verletzend sein kann. Durch die Vergebung bekennt sich der Mensch zunächst einmal zu sich selbst und seinen eigenen Schwächen und Fehlern. In der Distanzierung vom eigenen Schmerz, Wut oder Enttäuschung erfährt der vergebende Mensch Perspektiven für seine eigene Heilung. Wenn ich vergebe, erfahre ich die Gnade von der Befreiung eigener Last. Eine Verletzungshandlung bedeutet nicht nur den Eingriff in fremde Wesenheit, sondern der Verletzte selbst kann der Verletzungshandlung nie wieder entgehen, es sei denn, er kann vergeben und verzeihen.

Leider hilft hier eine Wiedergutmachungshandlung des Verletzers oder gar eines Dritten, zumal in finanzieller Art und Weise kaum. Eine Verletzungshandlung ist nicht kompensierbar. Jede Opferhilfe lindert vielleicht graduell den Schmerz, dieser flammt gleich wieder auf, weil ein richtiger Ausgleich gar nicht stattfinden kann. Der Verletzte selbst muss die Initiative ergreifen und ausloten, ob er in der Lage ist, um seiner selbst willen dem Verletzer zu vergeben. Diese Souveränität zu nutzen, ist selbst dann sinnvoll, wenn nicht zu erwarten ist, dass der Verletzer das Geschenk annehmen kann oder will.

Eine Vergebung darf sich auch nicht von der Billigung anderer Menschen oder Institutionen abhängig machen, denn eine Verletzung ist stets ein individuelles Erfahren und kein kollektives Erleben. Die Interessen sind vielschichtig, um die Vorstellungen anderer Menschen an die Stelle des eigenen Wollens zu setzen. Wer vergibt, gewinnt an Stärke. Er vergisst nicht, aber kann mit sich selbst wieder ins Reine kommen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski