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Zumutung

Stellen wir uns vor, es gäbe nur einen einzigen Menschen auf dieser Welt, ganz klar, niemand könnte dessen Existenz bezeugen. Er würde leben, als sei er nicht geboren. Dies schon deshalb, weil er machen könnte, was er will und niemand wäre in der Lage, dies zu sehen, zu hören und zu spüren. Der einzige Mensch müsste keine Rücksichten nehmen, weil Rücksicht die Anwesenheit zumindest eines weiteren Menschen voraussetzt. Diesen einzigen Menschen gibt es also nicht. Das wissen wir genau.

Wir sind viele und sehen, hören und spüren den anderen Menschen. Wir erfahren, was dieser macht, beruflich und privat, zum Beispiel grillen, Technobeat hören und feiern. Wenn wir dies alles auch und möglichst zur gleichen Zeit wollen, ist alles in Ordnung, gibt es keine Probleme, denn es herrscht Übereinstimmung bei den Wünschen, Zielen und deren Verwirklichung. Wenn wir aber nicht wollen, was ein anderer will, ist es eine Zumutung.

Zumutungen entstehen dadurch, dass ein anderer Mensch so handelt, als sei er, entgegen aller möglichen Wahrnehmungen, alleine auf der Welt, womit auch jegliche Notwendigkeit der Rücksichtnahme entfalle, weil niemand einen hört, sieht oder fühlt. Obwohl uns die Absurdität dieses Vorhabens geläufig ist, kommt es oft zu den beschriebenen Zumutungen, weil viele, ja die meisten Menschen so handeln, als seien sie allein auf der Welt.

Dabei bräuchten sie sich nur umzuschauen, um ihren Irrtum zu erkennen. Aber, es ist kein Irrtum, nein, sie wissen sehr wohl Bescheid, aber sie tun dennoch so, als seien sie allein auf der Welt. Sie trauen sich dies, weil alles andere, d. h. auch die anderen Menschen, ihnen völlig egal sind, weil sie keine Rücksicht nehmen wollen, weil sie, nein nicht nur sie, sondern auch alles beherrschen wollen, das Ohr, die Nase, den Mund, den Verstand, das Gefühl und das Gemüt eines anderen Menschen.

Das Motto: Ich kann machen, was ich will, auch mit den anderen Menschen. Aber die sollen bloß nicht kommen, wehe! Wer mich hindern will, der kriegt Krieg! Rücksicht ist nicht meine Sache, man wird doch noch seinen Spaß haben dürfen. Meine Ansprüche lasse ich mir nicht nehmen. Wenn sich irgendjemand gestört fühlt, dann soll er gehen.

Wohin? Das ist mir doch egal!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Regen

Regentropfen, die an mein Fenster klopfen. Regen wirkt auf unser Gemüt, wie der Tod. Es gibt kein Entrinnen. Kein Schirm hilft wirklich. Der Wind treibt die Regentropfen vor sich her und sorgt für eine gleichmäßige Durchnässung. Selbst, wenn es dazu nicht kommt, weil die Regenbekleidung ihn abhält, gibt es kein Entrinnen. Wir können den Regen nicht abstellen, auch wenn wir das Wetter Dank der detaillierten Wetterberichte oft als sehr persönlich begreifen.

Mancher Moderator erklärt den Regen so, als habe er ihn persönlich erbeten oder verhindert. Ist der Regen eine Zumutung für den modernen Menschen? Wir sehen zwar ein, dass Regen für das Wachsen und Gedeihen der Natur erforderlich ist, meinen aber, dass dessen Zuständigkeit an unserem Anspruch auf einen schönen Sommer endet. Rudi Carrell hat dies bereits besungen und dabei einen charmant vorwurfsvollen Ton gegenüber der Natur angeschlagen.

Doch bleibt der Regen aus, stirbt das Leben. Regnet es zu viel, dann droht Überschwemmung. Bereits mit unseren Erwartungen fordern wir unseren Planeten heraus und scheinen die Geschichte vom Zauberlehrling vergessen zu wollen. Wir sollten einer Natur dankbar sein, die sie sich selbst regelt und unser Eingreifen manchmal verzeiht. Wir sollten allerdings den Langmut der Natur nicht überstrapazieren, sonst schlägt das Imperium zurück. Ob das Wetter dann noch versöhnungsbereit ist? Ich bezweifle das.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Fass Dich kurz

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, bei mir aber setzt die Schnappatmung ein, sobald ich einen überlangen Vortrag insbesondere mit Power-Point-Präsentationen oder die geballte Kraft des Wortes zentimeterdick in Heften, Zeitungen oder Zeitschriften ertragen muss. Nach meiner Wahrnehmung sind 80 % des mündlich oder schriftlich verarbeiteten Wortgutes elaborierte Verbreiterungen bereits bekannter Umstände, wenn auch im neuen Kleid, wie ich anerkennend anmerken sollte.

Nichtdestrotz beschleicht mich leider schon viel zu früh der Argwohn, dass es eigentlich nichts zu sagen gäbe oder die Botschaft so bescheiden ist, dass sie einen ausgedehnten Worthof benötige, um zu wirken. Irgendwann ist es mir dann auch alles egal, weil ich hoffe, dass die Zumutung ein Ende findet. Viel erfrischender wäre es aber, wenn sich alle Vortragenden und Schreibenden kurz fassen könnten und das Wesentliche ihrer Gedanken so aufregend zu vermitteln wussten, dass die stimulierende Wirkung für lange Zeit nachhält. Kurz gefasst: Sich kurz zu fassen, ist aus Empfängersicht megaerfolgreich.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski