Archiv für den Monat: Februar 2021

Wagnis

Greta Thunbergs vor der UN-Vollversammlung und in Frageform gekleidete Anschuldigung „How dare you?“ wird in die Geschichte eingehen. Sie bekommt dafür viel Zustimmung und kaum jemand vermag sich dem emotionalen Impuls dieses Satzes zu entziehen. Doch stellt sich die Frage, ob diese Anklage gerechtfertigt ist und gegen wen sie sich richtet, sollte sie nicht nur einen allgemeinen Weckruf darstellen, dass sich in Sachen Klimaschutz etwas dringend ändern müsse.

Wenn die Generation angesprochen sein sollte, die derzeit noch das wirtschaftliche und politische Handeln bestimmt, dürfte die rationale Aussagekraft gering sein. Eingriffe in Natur und Umwelt zu deren Lasten und zu Lasten allen Lebens auf unserem Planeten hat es immer schon gegeben und beruht auf dem unerbittlichen Fortschrittswillen der Menschheit, der sich nicht auf eine Generation individualisieren lässt. Es ist Schlimmes passiert und auch Gutes.

In allen Bereichen unseres Lebens hat er Bildung, Wohlstand, Bevölkerungszuwachs und Nahrung für fast 10 Milliarden Menschen ermöglicht. Dieser von Menschen gewollte Transformationsprozess verlangte Opfer und wir waren zumindest bisher bereit, diese zu erbringen. So haben sich die Menschen, die Gesellschaften und alle Stakeholder entsprechend ihren Möglichkeiten einerseits opportunistisch, andererseits aber auch verantwortlich gezeigt.

Wie wird nun die kommende Generation diese Verantwortlichkeit wahrnehmen, wenn sie sich nicht auf Schuldzuweisungen beschränken will? Die Ziele scheinen klar zu sein. Es geht darum, sozusagen im allerletzten Augenblick programmatisch die Weichen für die Erhaltung des Planeten für kommende Generationen und alle Lebewesen auf diesem Planeten zu stellen. Um Antworten dafür zu finden, wie dies geschehen soll, werden die künftig Verantwortlichen nicht umhinkönnen, nicht nur ihre Ziele zu formulieren, sondern auch zu beschreiben, was sie vorhaben und wie das zu erwartende Ergebnis ausfallen wird.

Müssen die Produktionsprozesse zurückgefahren werden? Ist eine Reduktion der Menschen auf diesem Planeten zugunsten anderer Lebewesen erforderlich? Ist eine auf Agrarökonomie basierende Lebensgemeinschaft zukunftsfähig? Bisher war der Konsum der Treiber und zumindest seit Beginn des 19. Jahrhunderts auch der Garant des Fortschritts. Ist Konsum verzichtbar oder zumindest weitgehendst einschränkbar? Was geschieht dann mit Unternehmen? Welche Relevanz werden Gewinnerzielungsabsichten aufweisen oder werden wir Tauschgesellschaften favorisieren? Wer aber stellt die zu tauschenden Produkte her? Und selbst wenn wir alles begreifen, sind wir dann dazu bereit, etwas zu verändern, und zwar so, dass nicht andere, sondern wir selbst für die Konsequenzen einzustehen haben?

Der Fragenkatalog ist nur angerissen, ich darf allerdings zumindest vorläufige Antworten auf diese Zukunftsfragen, und zwar nicht nur im Hinblick auf die kleinen Schritte, sondern als Entwurf eines Zukunftsplanes erwarten, der von uns allen, der ganzen Menschheit verabschiedet werden kann, um unser planetarisches Habitat für kommende Generationen zumindest eine Zeit lang noch zu erhalten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gehirn

Was ist am Gehirn so einzigartig, dass man ihm die Entscheidungsmacht über unser Dasein zumisst? Was vermag denn das Gehirn, wenn der Körper versagt? Wenn die Zufuhr an Traubenzucker und Sauerstoff unterbunden ist, hat das Gehirn ein großes Problem. Das ist die substantielle Seite dieser Abhängigkeit, erklärt aber nicht, was Geist ist und was das Gehirn vermag. Wenn es mehr ist, als nur Substanz, dann können wir dem Gehirn eine ahnungsvolle Bedeutung zumessen, die nicht allein von der Funktion bestimmt wird. Wenn das Gehirn nicht nur körperlicher Funktionsträger ist, dann vielleicht der spirituelle Nukleus unseres Seins?

Den körperlichen Tod gibt es, aber wie steht es mit dem metaphysischen? Kann Wesen jemals tot sein? Ist Wesen nicht vielleicht ein geistiger Zustand an sich und unserer Diskretion anvertraut? Wir kommen uns, d. h. unserem Gehirn nicht gänzlich auf die Schliche. Wir reißen, definieren Geist, Seele und Leib auseinander, um sie möglichst schnell wieder zusammenzuführen, in dem Bestreben, nichts falsch zu machen, unsere Identität zu schützen.

Ob das richtig oder falsch ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Auf viele Körperteile vermögen wir zu verzichten, auf unser Gehirn nicht. Versagt es, wird der Gehirntod festgestellt und dann ist es aus mit dem Menschsein. Ist das so richtig? Ich wage das zu bezweifeln. Unser Sein endet nicht, wenn unser Körper aufgegeben hat und selbst dann nicht, wenn Ärzte den Hirntod feststellten, sondern erst dann, wenn der Mensch nicht nur seine Körperlichkeit, sondern auch sein Wesen verlassen hat. So ist es erklärbar, dass „fast Tote“, die zum Leben zurückfinden, sich als Sterbende selbst von außen betrachtet haben und die Anwesenheit eines gerade Verstorbenen, oft noch längere Zeit im Raum wahrgenommen wird.

Viele Menschen empfinden den Tod als absurd. Ist das so? Das Leben mag absurd sein, der Tod könnte dagegen ein äußerst kreativer Akt der Purgation darstellen, denn Neues entsteht und bietet Menschen Gelegenheit, sich in ein allumfassendes Gewesensein zu verabschieden. Religionen schaffen es nicht mehr, Menschen einen religionsspezifischen allumfassenden Himmel zu bieten. Vielleicht gelingt es aber, sich darüber zu verständigen, dass der Mensch immer bleibend die Matrix seines Lebens geprägt und zum Nutzen aller vergeistigt hat.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zimperlich

Ältere Menschen erinnern sich sicher noch an die Ermahnung des Kindes: „Sei doch nicht so zimperlich!“ Dieser Ausdruck scheint gänzlich aus unserem Wortschatz verschwunden zu sein. Aber, wenn man sich erinnert, weiß man doch noch ganz genau, was damit gemeint ist. Das so angesprochene Kind sollte mit dem Jammern und Klagen aufhören und den augenblicklichen Schmerz oder Kummer überwinden. Es half oft, zwar nicht deshalb, weil damit der Schmerz oder der Kummer weg waren, sondern weil das angesprochene Kind nicht zimperlich, also wehleidig sein wollte.

Nach einer früher weit verbreiteten Ansicht galt, dass man Sorge, Kummer und Schmerz nicht öffentlich zeigt, eigene Dinge für sich behält oder in der Familie belässt und Haltung bewahrte. Mit gutem Grund hat sich die Gesellschaft hier geöffnet und gestattet es dem Menschen, seine Gefühle vor anderen auszubreiten.

Aber, und dies sollte hier bedacht werden, wäre es vielleicht ganz gut, wenn nicht jeder seinen Sorgen, seinem Kummer und seinem Schmerz einen besonderen Stellenwert beimessen würde, sondern erkennt, dass es allen Menschen so geht oder so gehen könnte. Wenn wir auf Krisen schauen, dann können diese sehr persönlich sein, aber auch alle Menschen betreffen.

Betroffenheit ist ein persönliches Erlebnis, aber auch ein gemeinschaftliches. Wir können uns im Kummer über unsere Situation verlieren oder uns einen Ruck geben und dabei selbst ermahnen: „Sei doch nicht so zimperlich!“ Damit wird das Problem sicher nicht beseitigt, aber wir haben ein weiteres Werkzeug, mit diesem fachmännisch und nicht nur emotional umzugehen.

Eine Gesellschaft, die aus Menschen besteht, die sich ermahnen, nicht so zimperlich zu sein, ergreift nach jeder Krise die Initiative, trocknet ihre Tränen, wagt wieder ein Lächeln und macht weiter. Passt die Ermahnung also heute noch? Sicher.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski