Archiv des Autors: Sabine Büttner

Güte

Alles hängt vom Menschen und von seiner Einstellung zu sich selbst ab. Ist er mit sich selbst nicht „im Reinen“, wird es ihm kaum möglich sein, über seinen Schatten zu springen und die äußeren gesellschaftlichen Attribute von Marktmacht, medialer Öffentlichkeit sowie Frust und Kleinmut zu überwinden.

Diejenigen, die aus ihrer Integrität heraus handeln, Vertrauen schaffen und damit ideell wie auch wirtschaftlich erfolgreich sind, werden niemals die absolute große Macht für sich an­streben, weil sie wissen, dass ihre Aura kaum verletzbar ist.

Diejenigen, die aufgehört haben, Ansprüche zu stellen, und stattdessen geben, werden im Überfluss des ihnen selbst Dargebrachten alles einsetzen, um den­jenigen zu helfen, die es nötig haben. In einer Gesellschaft, in der jeder gibt, was er hat und mit anderen teilt, was er vermag, mutig und kühn seine Felder bespielt, werden andere ermutigt, mitzumachen; diese erfahren durch das Beispiel die Chance der eigenen Möglichkeit und so weiter.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Würde jedes einzel­nen Menschen wird nicht nur vom Staat geschützt, sondern gibt jedem Menschen das Recht, sich in dieser Gewissheit stolz und wohl zu fühlen, seine Fähigkeit zu entwickeln und nutzbringend für unsere Gesellschaft einzusetzen.

Die Menschen eines Landes, die mit sich selbst im Reinen sind, würden sich einander vertraut und sehr erfolgreich werden und dabei konziliant gegenüber anderen sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Grund und Boden

Ob wir auf schwankendem Grund oder mit beiden Beinen auf festem Boden stehen, all dies ist eine Frage der Haltung und der Selbstwahrnehmung. Worauf stehen wir, worauf ist Verlass, gibt es die ersehnte Beständigkeit unserer Anschauung? Wir nutzen gern alltägliche Erfahrungen für unsere Metaphern, um Seinszustände und Fortschrittsperspektiven zu beschreiben. Also, was bedeutet uns Grund und Boden?

Konkret sicher etwas, auf dem wir stehen, gehen und bauen können, etwas, das uns zum Nutzen dient, zur Gewinnung von Lebensmitteln, zur Ausbeutung von Schätzen für unsere Daseinsvorsorge und Gewinnung von Energie. Boden ist zwar einerseits für alle da, Menschen, Tiere und Pflanzen, aber beträchtlich eingehegt und gesichert durch Zuweisung an Verfügungsberechtigte. Wem gehört der Boden, auch in seiner Tiefe, das Wasser in und die Luft über ihm? Etwa denjenigen, die die Fähigkeit besitzen, ihre vermeintlichen Ansprüche daran zu verteidigen?

Rechte sind flexibel, abhängig von den jeweils geschaffenen Rechtsordnungen von Staaten und Gemeinschaften. Rechte folgen systemischen Vorgaben und den Möglichkeiten ihrer machtvollen Durchsetzung. So ist es nicht verwunderlich, dass die Bodenrechtsordnung der DDR eine völlig andere war, als die der Bundesrepublik Deutschland. Die Durchsetzungsmacht schafft Recht und wird abgesichert durch Festlegungen in Katastern, den dinglichen Rechten im Grundbuch, Eigentum und Besitz, vieles in Registern vermerkt, anderes durch Gewohnheit ersessen.

Aber wie das Recht am Grund und Boden den jeweiligen Anschaffungen folgt, bemerkt auch der jeweilige Nutzer klimatische und sogar interstellare Einwirkungen auf einer stetigen Veränderung von Bodenzuständen infolge der Jahreszeiten, Wetterbedingungen und Interaktionen zwischen menschlicher Beanspruchung und physikalischen, meteorologischen Einwirkungen. So verweigern der Grund und Boden uns jede Eindeutigkeit der Betrachtung und fordern uns zur Mäßigung bei seiner Beanspruchung auf. 

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Spielanordnung

Gehen Sie über Los und kassieren Sie 2.000,00 Euro! So oder so ähnlich lauten viele Spielanweisungen. Der Spieler streicht das Geld befriedigt ein und bereitet sich auf die nächste Runde vor. Neues Spiel, neues Glück. Im Augenblick des Aufbruchs erfährt er in sich den Wunsch, alle seine Fähigkeiten zu nutzen, um die nächste Runde besser zu bestehen, erfolgreicher zu sein als in der letzten Runde und es möglichst weit zu bringen.

Die Umstände sind im Spiel und im Leben die Heraus­forderungen, denen sich der Mensch stellen muss. Es sind aber nicht die unüberwindbaren Umstände, die einen Menschen davon abhalten können, erfolgreich zu sein. Wie im Spiel macht der Mensch auch im Leben seine Züge und nimmt Einfluss auf seinen Erfolg. Die An­ordnungen im Spiel wie im Leben sind ähnlich. Es gilt, Heraus­forderungen zu bestehen. Gelangt man auf das falsche Feld, muss man eine Runde aussetzen, auf anderen Feldern kommt man weiter. So ist das Spiel dem Leben nachgebildet. Das Leben kennt Förderer, Verbündete, objektive Hindernisse und unerwartete Verbesserungen. Im Spiel ist der Spieler innerhalb der Runde wieder am Zuge, im Leben dagegen ge­schieht es zuweilen, dass der Spieler aufgibt und es anderen überlässt, sein Spiel zu Ende zu spielen. Worauf beruht diese Erkenntnis?

Im Spiel erscheint die Spielanordnung oft einfach. Auch ist man frei in seiner Entscheidung, überhaupt zu spielen. Die Herausforderungen des Lebens dagegen sind vielfältig und permanent. Das Leben wird meist ohne verbindliche Spielregeln gespielt bzw. der Mensch lässt es zu, dass andere Mitspieler Spielregeln entwerfen und diese auch wieder ändern. Er protestiert hiergegen nicht, da ihm seine Mitspieler erläutert haben, dass diese Regeln für ihn nützlich seien, sie sein Spiel spielten. Doch mitmachen lassen sie ihn nicht. Bis zu einem gewissen Grad ist dies richtig, denn wenn die Mitspieler keine Lust mehr hätten, nicht bereit wären, das Spiel der anderen zu spielen, käme es zu Konflikten, die die Spielanführer selbst ins Hintertreffen bringen würden. So wird scheinbar gemeinsam spielend jede Klippe gemeistert.

Der spielende Mensch in dieser Versuchsanordnung gewöhnt sich aber daran, dass ihm Züge abgenommen werden. Es wird für ihn gewürfelt und die Steine gesetzt. Er ist allmählich umfassend abhängig von seinen Mitspielern. Im wirklichen Leben sind seine Mitspieler diejenigen, die sich in Verbänden, Gruppierungen und politischen Parteien organisiert haben und mächtig Einfluss darauf nehmen, was und wie gespielt wird. Sie benötigen die Anpassungsfähigkeit des Spielers, um ihr Spiel zu spielen und haben sich selbst schützend in die Etappe begeben. Geschieht dem Bürger Schlimmes, so bleibt das in seiner Verantwortung. Haben die Mitspieler Erfolge, so verdankt der Mensch seine Teilhaber­schaft daran auch diesen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Dünkirchen

In meinem Besitz befindet sich eine Kopie des Abschlussberichts über den Kampf „Ostwärts Dünkirchen und die Einnahme von Dünkirchen am 04.06.1940“, verfasst von dem Infanterieregiment 337 am 27.09.1940. Nach eingehender Beschreibung aller Kämpfe unter Verwendung von Vokabeln wie „das Säubern feindlicher Stellungen“ und dem Hinweis, dass sich der stürmenden Truppe, gemeint ist die deutsche Truppe, ein Bild des Grauens bieten würde, schließt der Bericht: „Die dem Regiment zugefallene Beute während des Kampfes und nach Abschluss der Übergabe war unübersehbar. Erst in wochenlanger anstrengender Arbeit konnte ein Überblick über die Beute gefunden werden. Die Beutezahlen sind laufend gemeldet worden. An Gefangenen brachte das Regiment allein 18.000 Offiziere und Mannschaften ein.“

Der Bericht gibt einen Einblick in eine personalisierte Sprache, die keine menschliche Erfahrung und kein Empfinden wie Schmerz, Wut und Trauer mehr zulässt. Das mag bei kriegerischen Auseinandersetzungen so gewollt sein, belegt aber vor allem, dass wir es offenbar gelernt haben, das Töten und Verletzen sprachlich so zu verpacken, dass wir in die Lage versetzt werden, auch noch die schlimmsten Eingriffe in Lebensordnungen unter strukturell sauber dargelegten Aspekten zu begreifen und sogar Verständnis für die angeblich zwecknotwendigen soldatischen Aufgaben zu entwickeln.

Entgegen der Erwartungen spiegelt der Abschlussbericht den Narzissmus jener Zeit nicht wider, sondern beschreibt unerbittlich die Zwangsläufigkeit soldatischen Handelns. Der Durchbruch gelingt, der Gegner kapituliert. Es wird Beute gemacht. Kein Mensch kann Beute seines eigenen oder eines fremden Staates sein. Auch nicht durch eine kollektive Verabredung kann Gewalt gerechtfertigt werden, so wenig, wie ein Mensch Gewalt, die ihm durch ein Kollektiv angedroht wird, erleiden darf.

Es gibt keine Rechtfertigung für Krieg, Folter, Hinrichtungen, Quälen und Auslöschen des Lebens, weder durch Deutschland, noch durch andere Staaten. Zudem, wie gewonnen, so zerronnen.

Deutschland hatte seinerzeit seinen Sieg fast an der selben Stelle aufgrund der Invasion der Alliierten wieder verloren. Alle Kriege sind nur eine Aneinanderreihung von Misserfolgen. Die Sprache dieses Textes ist so unerbittlich, wie das Geschehen selbst. So war es also gewesen und ist leider auch gegenwärtig an vielen Stellen dieser Welt.

Alle Schicksale, die nur militärisch erfasst werden, sind menschlich eine Zumutung.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Perspektive

Alles sei nur eine Frage der Perspektive, so ist zu vernehmen. Nun ja, das hört sich richtig an, sind denn aber alle Perspektiven so gleichrangig, dass sie nebeneinander bestehen könnten? Wo weichen sie voneinander ab, wo stimmen sie überein? Etwa beim Ausgangspunkt der Wahrnehmung, in den vergleichbaren Untersuchungsmethoden oder gar im Ergebnis?

Ein Beispiel: Es gibt wohl eine allgemein verbreitete Betrachtung zum globalen Süden und dem dominanten Westen mit der gängigen Zuordnung: alte weiße Männer, Kolonialismus, Klimasünder etc. Wir kennen alle diese Zuschreibungen im Detail, aber was stimmt denn heute schon an diesen, wenn sich die Welt rasant verändert, Menschen des globalen Südens massenhaft in den Westen strömen und dessen Kultur einschlägig mit prägen?

Etiketten, wenn sie einmal angeklebt wurden, sind schwer abzulösen, weil Zuweisungen nicht zu unterscheiden vermögen zwischen dem, was einmal war und dem, was jetzt ist, sondern festhalten an einer in Ewigkeit verabredeten Betrachtung, die sich um Veränderungen kaum schert. Die Perspektive ist anfällig für jede Form der Instrumentalisierung durch Interessenten. So wird die Frage der Perspektive nicht nur bei historischen oder oft historisierenden Betrachtungen häufig auf einfache Art und Weise geklärt, sondern auch beispielhaft bei der Erwartung sich auftuender Möglichkeiten für das Leben unserer Kinder und Kindeskinder. Wenn hier, wie dies gegenwärtig geschieht, Unsicherheit und Furcht als Perspektive gewählt werden, dann kann es doch nur furchtbar werden.

Wenn wir aber die Perspektive Hoffnung und Zuversicht wählen, haben unsere Kinder und alle künftigen Menschen eine Chance, die sich ihnen stellenden Herausforderungen zu meistern, Fehlentwicklungen einzuschätzen und auch zu überwinden, also ihr Verhalten insgesamt auf das Gelingen des Lebens auszurichten. Im eigenen Interesse müssen wir lernen, eine wohlwollende Perspektive auf menschliches Handeln zu pflegen, denn dies ist förderlich für unsere Selbsterhaltung und unser künftiges Tun.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verführung

Von dem auch meinerseits hoch verehrten Schriftsteller Hermann Hesse las ich neulich in seinem Tagebuch des Monats Juli 1933 etwas darüber, wie eine politisch eher uninteressierte, wirtschaftlich nicht gefährdete und geistig gereifte, den Menschen zugewandte Persönlichkeit für Hitler und den Nationalsozialismus begeisterungsfähig werden konnte.

Dies geschah anlässlich einer Bahnreise, auf der ihr eine attraktive, im Wesen liebenswürdige junge Frau gegenübersaß und von den Massenbewegungen berichtete, die Hitler zu entfesseln verstand und schließlich auch sie bereits begeistert hätte. Allein diese Reisebekanntschaft habe dann bei ihr ebenfalls das Feuer der Begeisterung entfacht. Nun will sie auch da sein, wo diese reizende Person sich zuvor schon eingefunden hat. Wir wissen, dass Erotik und Entfachung von Massen politische Erfolge eher garantieren, als programmatische Inhalte.

1.000 dumme Fliegen, die sich auf einem Scheißhaufen niederlassen, die können sich einfach nicht irren, und zwar deshalb, weil sie einfach viele sind. Bewegungen sind stets nicht das Produkt einzelner Menschen allein, sondern entstehen durch die Verführung durch die bereits Verführten. Ein einzelner Mensch oder ein Schneeball, alles ist lawinenfähig, wenn es Vieles wird. Aus Verführung wird Führung und widersteht schließlich einer Überprüfung. Solange keine Enttarnung erfolgt, wiegen sich die Verführten in Sicherheit. Sie gehören zu den Gewinnern.

Wenn der Spuk aber vorbei ist und Realitäten sichtbar werden sollten, beharren Verführte darauf, dass sie – selbstverständlich gegen ihren Willen – verführt worden seien und folglich von der allgemeinen Amnestie erfasst sein müssten, weil sie durch einen Verführer manipuliert wurden. Wirklich arme Opfer!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Begegnung

Schau, da läuft er also auf der gegenüberliegenden Straßenseite, ihr Mann. Wo er denn hin will? Sie versucht, ihn auf sich aufmerksam zu machen. Er eilt aber vorwärts, ohne sie zu bemerken. Rufen ist zwecklos. Er würde sie weder hören, noch verstehen, der Straßenlärm übertönt jede Stimme.

An der nächsten, mit einer Ampelanlage versehenen Kreuzung, ergibt sich dann doch eine Chance zur Kontaktaufnahme. Er kreuzt die Straße in ihre Richtung, während sie ihm hurtig entgegengeht, aber auf der Straßenmitte anhält: es ist doch nicht ihr Mann, aber sie kennt diese Person ganz genau! Sie bricht ihre Straßenquerung ab, kehrt um und folgt diesem nur scheinbar Fremden, um sich seiner Identität zu vergewissern. Nachdem sie ihn eingeholt hat, spricht sie ihn an: „Verzeihen Sie, ich kenne Sie, Sie sind doch ein Arbeitskollege meines Mannes“. Dieser sagt „aha“, was sie dazu bringt, ihm genauer zu erklären, für wen sie ihn halte. Dabei macht die Person keine Anstalten weiterzugehen, bleibt einfach stehen und wirft in ihre Ausführungen nur ab und zu ein „aha“ ein. Nachdem sie ihn ausführlich belehrt hat, wer er sei, verabschieden sie sich beide voneinander und gehen ihrer Wege. Als sie abends ihren Mann von dem Ereignis berichtet, sagt dieser „aha“, schaut weiter fern und isst den wirklich köstlichen Borschtsch, den sie ihm bereitet hat. Damit ist das Vorkommnis eigentlich abgearbeitet. Allerdings noch nicht ganz.

Am Wochenende fahren sie – wie oft – auf ihre Datsche. Sie ist verblüfft. Ihr Nachbar ist offensichtlich der Mann, den sie zunächst für ihren Mann gehalten hatte, aber eigentlich ein Arbeitskollege ihres Mannes hätte sein sollen. Da ist sie sich weiterhin sehr sicher. Als sie aneinander vorbeigehen, grüßen sie sich, mehr haben sie nicht zu sagen.

Wo ist denn hier die Pointe? Geht es um ein Missverständnis oder darum, dass wir sehen, was wir sehen sollen oder sehen wollen? In unserem Beispiel geht es um eine private Verwechslung, im politischen Leben aber etwa um Täuschung oder Selbsttäuschung mit einschneidenden Folgen. Für wen halten wir den, der uns begegnet? Halten wir an seiner ihm zugedachten Identität fest, und zwar auch dann, wenn wir es bereits besser wissen, wer er ist? Es sind zwar meist Vorkommnisse aus unserem Alltagsleben, die dazu beitragen könnten, mit unseren Mutmaßungen vorsichtiger umzugehen, aber auch nur dann, wenn wir zu Erkenntnissen bereit sind.   

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Geister treiben

Dem Gedichtband „Geister treiben“ der Lyrikerin Rosmarie Bronikowski entnehme ich zum Stichwort

Klimakonferenz

Festliche Untergangsstimmung 

Gletscher veranstalten Wettfahrt

Eisschollen werden prämiert

für die flüssigste Ausdrucksweise

Wohnhäuser stehn als Kulissen

Unwetter verformen den Boden

der Fisch schwimmt im eigenen Öl

Hat noch jemand eine Frage?

Applaus aus der Zuhörerschaft

Langstielig verbeugt sich die Rose.

Alle sind festlich vereint zum Untergang.

Zu guter Letzt verbeugt sich die Rose. Nur eine würdige Geste oder ein Hinweis darauf, dass im Untergang andere die Regie übernommen haben, der Mensch nicht mehr gefragt ist? Und wenn ja, lässt der Applaus darauf schließen, dass es vielleicht doch nicht so schlimm kommt, die Natur das Ruder herumreißt?

Die Erzählung „Erwin, die Seerobbe“, die Hans vom Glück verfasst hat, lässt dies vermuten. Für seinen Einsatz und die Hilfe zuversichtlicher Wesen dieses Planeten erhält Erwin den Nobelpreis für Klima- und Umweltschutz und äußert sich dabei in seiner Dankesrede wie folgt:

„Die Sprache ist der Schlüssel zum Leben. Sie erlaubt die Kommunikation zwischen dem Menschen, aber auch zwischen Menschen und anderen Lebewesen, wenn diese sich auf eine gemeinsame Sprache einlassen. Verdienstvollerweise versucht seit langem schon auch der Mensch unsere Sprache zu verstehen, aber auch wir – die Tiere – sind nicht untätig geblieben und haben den Durchbruch geschafft. Wir sprechen eure Sprache. Dass ihr uns das zutraut, wissen wir schon aus vielen Kinder- und Jugendbüchern, aber, dass wir nun tatsächlich mit euch reden können, sollte uns ermutigen, dieses Wissen aufzunehmen, Schulen einzurichten, in denen unser gemeinsames Anliegen gelehrt und verbreitet wird, um daraus bessere Handlungsmöglichkeiten für ein künftig ausgeglichenes Zusammenleben aller Bewohner unseres Lebensraums zu schaffen. Sicher verkenne ich nicht, dass der eine oder andere Angst davor haben mag, dass wir Tiere nun die Erde übernehmen, weil wir eure Sprache nutzen können. Das halte ich für unwahrscheinlich. Wie auch die Menschen früherer Zeiten, zum Beispiel Inuits oder Maori wollen wir leben, wo und wie wir sind. Wir sind nicht fortschrittsgläubig im menschlichen Sinne, nicht darauf aus, uns die Erde zu unterwerfen, sondern ihr üppiges Angebot in Konkurrenz und friedlichen Miteinander mit allen Lebewesen zu nutzen. Folglich liegt uns die Erhaltung der Welt am Herzen. Lassen Sie uns im Interesse aller Körperlichen und Unkörperlichen, Lebewesen und Nichtlebewesen auf dem Planeten und im ganzen unendlichen Universum diese Aufgabe gemeinsam angehen.“

Daraufhin gab es zunächst nur zögerlichen Applaus, aber dann standen alle auf und feierten gemeinsam den Beginn dieser erwartungsvollen Zusammenarbeit.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Begrifflichkeit

Begreifen lehren, begreifen lernen – greifen, zugreifen.

Erfassen durch zufassen, Benennung von Eigenschaften und des Wesens: Begrifflichkeiten entstehen, entwickeln sich aus der Substanz der Dinge und ihrer Zuweisung. Die Benennung allein schafft es aber nicht, sondern unabdingbar ist die Erforschung aller Substrate, die sich wie in einem Gefäß vereinigen und dann ihre Benennung erfahren.

So sollte es eigentlich sein, aber in Wirklichkeit hantieren wir mit Begrifflichkeiten so leichtsinnig wie mit Schüttelreimen. Wir schütteln Worte und schon fliegen sie heraus, die Begriffsfetzen: nachhaltig, klimagerecht und allgemeinverbindlich, um – willkürlich – drei gängige Lehrformeln zu nennen.

Begriffe, deren Substanz beim Benennen aber nicht umfassend in Erscheinung tritt, nutzen sich durch deren Gebrauch ab, weil sie keine den Begriff enthaltende Wahrheit offenbaren, sondern nur eine Absicherung des Nutzers eines vorgeblichen Begriffes darstellen. Aber nicht nur durch den leichtsinnigen Gebrauch eines Wortes, sondern auch durch dessen inflationäre Verwendung vermag es die Wirkung, die es zu erzielen vorgibt, nicht mehr zu erreichen. Begrifflichkeiten werden so zur beliebigen Hintergrundmusik einer sich in Lehrformeln gefallenden Welt. Statt mit sich wiederholenden Rezitativen sollten wir es daher vielleicht einmal mit Arien versuchen, die auf gängige Begrifflichkeiten vorsätzlich verzichten und originelle Erfahrung zulassen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Denken

„Querdenker“, ein wahrhaft süffiger Begriff, der allgemein verständliche Zuweisungen in den Personen jener Menschen erfuhr, die während der Corona-Pandemie einerseits ihr Recht einforderten, sich nicht impfen zu lassen, andererseits häufig ohnehin den Staat und sämtliche Politiker als korrupt, gekauft und inkompetent brandmarkten. Ihre Proteste gegen alle diejenigen, die etwas anderes meinten, als sie, versehen sie mit dem Hinweis, dass das richtige Denken bei ihnen aufgehoben sei. Ist dies nachvollziehbar?

Ich denke nicht. „Denken“ und „meinen“ schließen sich nicht aus, sind aber nicht dasselbe. Auch Emotionen und Denken teilen gleiche auslösende Momente. Dass aber „querdenkt“, wer etwas anderes denkt, als andere, erscheint mir nicht schlüssig. Ein kollektives Denken dürfte genauso aussichtslos sein, wie ein paralleles Denken. Wenn Denkende Informationen haben, werden sie diese verarbeiten, um dann die Ergebnisse ihres Denkens ggf. auf Übereinstimmung mit dem Denken anderer Menschen zu überprüfen. Das Ausgangspotential des Denkens ist ein umfassendes Angebot, denn auch diejenigen, die sich nicht als „Querdenker“ bezeichnen würden, haben die Möglichkeit über genau das Gleiche wie „Querdenker“ nachzudenken. Sie kommen nur möglicherweise zu anderen Schlüssen. Sind damit diejenigen, die bei gleicher Ausgangslage in einer anderen Richtung denken, „Querdenker“? Das leuchtet mir nicht ein.

„Querdenker“ könnte vielleicht derjenige sein, der denkend etwas so quer stellt, dass ein anderer Mensch in seinem Denkprozess zu einem ganz anderen Ergebnis kommt. Vielleicht könnte man Emanuel Kant als ein „Querdenker“ bezeichnen, der vielen geläufigen Denkerwartungen bei gleicher Ausgangslage und gleichen Denkinstrumenten zu abweichenden Ergebnissen verhalf.

Die sogenannten Querdenker stellen dagegen Behauptungen auf, die sie mit ihrem angeblichen Wissen rechtfertigen wollen, ohne zunächst eine stringente Ableitung a priori vom Tatsächlichen zwecks einer sicheren Möglichkeit der Überprüfung vorzunehmen. Die Meinung, dass sich etwas so verhält, wie sie es darstellen, ersetzt bei den sogenannten „Querdenkern“ ihre Schlüssigkeitsprüfung.

Sachverhalte sind aber keine Kopfgeburten, sondern schaffen Faktenlagen, die zwar verschieden ausgedeutet werden können, ohne deren Substanz in Frage zu stellen. Hier könnte „Quer-Denken“ ansetzen und eine Vielzahl von Möglichkeiten eröffnen. Wie heißt es bei Kant?: „Sapere aude“.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski