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Arbeit

Viertagewoche. Homeoffice. Teilzeit bei vollem Lohnausgleich. Work-Life-Balance. Burnout. Selbstverwirklichung. Ausbeutung. Vollbeschäftigung. Langzeitarbeitslosigkeit. Die Liste der Themen, die arbeitsorientiert diskutiert werden, ist lang.

Augenblicklich ist die Vier-Tage-Woche im Fokus der Aufmerksamkeit. Das bedeutet konzentrierte Arbeit an vier Tagen in der Woche, drei weitere Tage Selbstverwirklichung. Das genüge und würde Menschen mehr Zeit dafür lassen, ihre Anliegen, seien dies Familie, Yoga, Sport, Treffen mit Freunden oder andere Hobbies zu verwirklichen. Das kann alles so sein und klingt plausibel und doch löst es bei mir ein Störgefühl aus. Zwar möchte ich keinem Menschen seinen Weg zur persönlichen „Glückseligkeit“ streitig machen, frage mich allerdings, auf wessen Kosten dies geschieht?

Trotz aller Umweltbelastungen, familiärer Probleme, Arbeit und auch persönliche Herausforderungen, wir Menschen werden älter, verbrauchen mehr Ressourcen statt weniger, kurzum unsere Bedürfnisse wachsen enorm. Unsere auf längerfristigen Konsum angelegte Gesellschaft kann nach meinem Verständnis nur durch Arbeit im Gleichgewicht gehalten werden. Es ist schwer, mir eine Gesellschaft vorzustellen, in der sich bei immer weniger Arbeit ein stets mehrendes Wachstum einstellt.

Wer schafft denn dann die Rente, die finanzielle Kompensation für Krankheiten, Pflege und sonstigen Bedürfnisse einer arbeitsteiligen Gesellschaft? Wer schafft dann auch den Ausgleich für diejenigen, die sich nicht mehr helfen können?

Sicher sind einige Glücksritter wendig in der Lage, auf Kosten anderer zu leben, ohne dass dies zu verhindern wäre. Aber wollen wir dies als eine Form des Systems? Glauben wir, dass diejenigen, die auf Kosten anderer leben, glücklicher sind? Haben sie das Leben begriffen?

Ich glaube nicht. Ich bin davon überzeugt, dass wir da sind, um tätig zu sein, und zwar für andere und damit auch für uns selbst. Um prozessual davon zu profitieren, Leistungen entgegenzunehmen und ggf. auch im Alter auf eine verlässliche Lebensversorgung zurückgreifen zu können, geht das nicht ohne die lebzeitige Pflicht zu arbeiten. Diese Pflicht schafft Ordnung, ermöglicht vielfältige Begegnungen, bildet aus und befriedigt sogar, wenn nicht alle, so doch die meisten Menschen. Die Arbeit wird schlechtgeredet. Der Satz aber: „Ich habe meine Pflicht getan“, verschafft nicht nur eine persönliche Befriedigung, sondern auch ein verlässliches Gewissen, persönlich, in der Familie, Freundschaften und im gesellschaftlichen Kontext.

Wer bereit ist, für andere und sich selbst zu sorgen, kann fröhlich erklären: Mir wohl und keinem übel.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Heinz Dürr Nachruf

Der Schwabe Friedrich Hölderlin sagte einst mal, dass der Tod ein Bote des Lebens sei und der Weimarer Johann Wolfgang Goethe ergänzte: „Mein Leben war das ewige Wälzen eines Steins, der immer von neuem gehoben werden musste.“ Das passt für Heinz Dürr, der auch den Schriftsteller und Dichter Goethe sehr verehrte.

Die Familie Dürr hat ihrer Traueranzeige den damit korrespondierenden Spruch vorangestellt, dass wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen sollten. Das Leben war für Heinz Dürr eine Aufgabe, die er pflichtgemäß zu erledigen hatte. Dieses Wälzen eines Steines, um im Bild Goethes zu bleiben, machte ihn zuweilen rastlos und ungeduldig. Die Ungeduld, die ihn trieb war aber konstruktiv, denn es gab immer viel für ihn zu tun. Er hatte sich der Arbeit verschrieben beim Aufbau der Dürr AG, als Verhandlungsführer bei Tarifkonflikten, als AEG- und Bahn-Chef, im „Forum für erneuerbare Energie“ zusammen mit der Schlecht-Stiftung in Stuttgart, in seiner eigenen Stiftung, der Heinz und Heide Dürr Stiftung, der Walther Rathenau-Gesellschaft und in vielen sonstigen ehrenamtlichen, privaten und öffentlichen Verpflichtungen.

Er war ein außerordentlich kluger und wichtiger Gesprächspartner, Ratgeber und guter Freund, voll Empathie, Witz und Wärme. Es war erfrischend, mit ihm zu sprechen und von ihm angesprochen zu werden. Jeder von uns hat diese Erfahrung gemacht. Er liebte Gedankenexperimente, hatte sich mit AI und KI auseinandergesetzt, auch etliche Bücher geschrieben und dabei zuweilen Cato, Ray Kurzweil und natürlich auch Walther Rathenau als seine Sparring-Partner für fiktionalen Gespräche bemüht.

Wie in „Die Physiologie der Geschäfte“ faszinierte Heinz Dürr im Sinne der Schriften von Walther Rathenau „Die kommenden Dinge“ – ebenfalls von Walter Rathenau – und was zu tun sei, um Fortschritt menschlich zu gestalten. Der Mensch sei kein Geschäftsmodell und Bildung von Anfang an sowie kulturelle Erfahrungen waren ihm genauso wichtig, wie wirtschaftliche Erfolge. Deshalb kümmert sich die Heinz und Heide Dürr Stiftung erfolgreich mit ihrem Early-Excellence-Programm um Kindergärten und Familien deutschlandweit, ferner um Autorentheater und andere kulturelle Vorhaben, aber auch um seltene Krankheiten, um nur einige der Aktivitäten der Stiftung zu nennen.

Bis zuletzt war Heinz Dürr nicht nur geschätzter Gesprächspartner für große Unternehmen, sondern auch in der Start-Up-Szene beratend aktiv. Er war ein integrer Mensch, der das beständige und entschiedene Handeln liebte.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Arbeitsleben

Wenn das Leben der Menschen auf diesem Planeten wegen Nichteinhaltung von Klimazielen immer mehr eingeschränkt wird, wie verhält es sich dann mit ihrer Arbeit? Seltsamerweise habe ich hierüber trotz aller wichtigen Beiträge zur Klimakrise und ihren Folgen nichts erfahren.

Der Grund mag sein, dass neben Energiegewinnung, Vermittlung von Arbeit in der Zukunft ein noch schwierigeres Thema darstellt und womöglich unlösbar bleibt. Stellen wir uns Folgendes vor: Bei zunehmender Erderwärmung, und zwar bereits über 1,5 Grad Celsius verändert sich dieser Planet derart, dass er nicht mehr einschränkungslos circa 9 Milliarden Menschen mit Lebensmitteln versorgen kann. Um aber am Leben teilzunehmen, benötigt der Mensch in der Regel Arbeit und deren Voraussetzung ist, dass ihm durch Ackerbau oder sonstige ertragbringende Tätigkeiten die Voraussetzungen für den Erwerb von Lebensmitteln bereitsteht.

Erwärmt sich die Erde aber um 1,5 Grad Celsius und mehr, schwinden die Voraussetzungen für dauerhafte menschliche Arbeit. Nicht nur, dass die Landwirtschaft dann nur noch teilweise aufrechterhalten werden kann, sondern auch vor allem nicht auf den traditionellen Landwirtschaftsflächen.

Aber der Mensch lebt nicht von Ackerbau und Viehzucht allein, sondern nimmt gewohnt energieintensiv arbeitend an zivilisatorischen Gestaltungsprozessen, zum Beispiel im Automobil- und Baubereich teil. Verändert sich das Klima, haben klimatische Veränderungen direkten Einfluss, nicht nur auf diese Arbeitsbereiche selbst, sondern auch auf die Orte ihrer Ausübung.

Um den durch CO2-Belastungen bedingten Veränderungen in dieser Welt zu begegnen, muss der Mensch folglich seine Sesshaftigkeit aufgeben und versuchen, dort Arbeit zu finden, wo dies klimatisch noch möglich sein könnte. Damit gerät er jedoch als Arbeitsimmigrant in schwerwiegende Konflikte mit anderen Menschen, die bereits am angestrebten Einsatzort tätig sind. Dadurch entwickelt sich ein Verdrängungsprozess, der seine Beschleunigung dadurch erfährt, dass überhaupt nicht gewährleistet ist, dass hinsichtlich der angebotenen Leistung überhaupt noch eine Nachfrage von potentiellen Kunden besteht.

Es ist schwer nachvollziehbar, dass bei künftigen klimabedingten Veränderungen im gesamten Lebens- und Arbeitsbereich der Mensch noch mit Gegenständen versorgt wird, die er und seine Familie zum Weiterleben benötigen. Fehlende Arbeit führt zu Einschränkungen und da sich fast alle Menschen auf dieser Welt auf eine klimabedingte Migration einstellen müssen, ist heute schon absehbar, dass bei sich anbahnenden Klimaveränderungen durch Überflutungen, Stürme, Regen und Dürre das Menschsein sich grundlegend verändert.

Selbst, wenn Produktionsprozesse durch KI gesteuert werden könnten und sich künstliche Intelligenzen selbst vermehrten, würden deren Möglichkeiten weder von Menschen, noch Tieren oder Pflanzen nachgeahmt werden können. Deshalb stellt Klimaveränderung auch eine arbeitsbestimmte Herausforderung dar.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zeit haben

Oft werde ich gefragt: „Wie schaffen Sie das denn auch noch? Diese Zeit hätte ich nie.“ Es gibt eine naturwissenschaftliche Zeit. Die ist jedem Menschen zugeteilt. Es gibt aber auch eine Zeit, die wir uns nehmen können, die uns kein anderer gibt. Wir teilen uns die Zeit ein. Wir entscheiden, welche Zeit wir einsetzen für das, was wir schaffen wollen. Schaffen wollen bedeutet, dass wir einen individuellen Ansatz wählen können für die Gestaltung unserer Tageszeit.

Das ist allerdings nicht selbstverständlich. Die meisten Menschen teilen den Tag nach ihren Pflichten und Neigungen auf, nach familiärer Fürsorge, Arbeit, Hobbys, Fernsehen sowie Nahrungsaufnahme und Schlafen. Dann stellen sie fest, dass ihnen keine Tageszeit mehr bleibt, um z. B. zu schreiben, zu lesen, Musik zu hören und dergleichen mehr. Alles, was sie gerne einmal getan hätten.

Wie ihr Tag sind auch die Wochen und die Jahre in ein Zeitkorsett gepresst. Das, was am Tag nicht übrig bleibt, bleibt auch im ganzen Leben nicht übrig. Es gibt für sie keine Zeit außerhalb ihres Pflichtenkreises. Dabei könnte es anders sein. Wenn ich erkläre, dass ich Zeit habe, dann handhabe ich meine Zeit. Ich nehme mir Zeit und schaffe dadurch Prioritäten selbst dann, wenn objektive Umstände am Tage mich dazu zwingen sollte, mich gegenüber anderen zu verteidigen, dass ich diese Priorität gewählt habe.

Zeit zu haben kann z. B. zu Lasten eines Fernsehabends gehen. Zeit zu haben schränkt womöglich die Aufnahme von Essen ein. Zeit zu haben hat Einfluss auf die tägliche Abfrage sämtlicher E-Mails, das Telefonieren mit dem Handy und dergleichen mehr. Aber eine eigene Zeit zu haben schafft einen großen Freiraum, nicht abhängig zu sein von den Mechaniken einer durchorganisierten Welt, von Beruf, Freizeit und Urlaub. Die persönliche Zeit eines Menschen ist nicht nur ideell, sondern auch wirtschaftlich sein höchstes Gut. Er disponiert und gewinnt, wenn er diese Zeit zur Verfügung hat und es nicht zulässt, dass Andere mit seiner Zeit machen, was sie wollen.

Die Ausbeutung des Menschen beginnt dort – und ist im Übrigen unabhängig von Einkommen, Schichten und sozialem Vermögen – wo der Mensch seine Zeitfreiheit verloren hat. Die Zeit ist ihm anvertraut, ein Geschenk, so sagt man, das er mit anderen Menschen teilt. Wenn er sich seiner Zeit bewusst ist, wird er es auch nicht zulassen, dass Andere ihm seine Zeit stehlen, über sie verfügen und damit auf seine Zeitkosten leben. Ein Weiser schenkt seine Zeit Anderen, weil er deren Souverän ist und bleiben will. Ein Narr behauptet: „Zeit sei Geld.“

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schön leben Mensch

Der Alltag vieler Menschen ist so anstrengend, dass sie manchmal schier verzweifeln mögen. Es scheint oft, als ob die Menschen immer neue Schwierigkeiten erfinden müssten, um sich das Leben besonders schwer zu machen. Behinderungen und Einschränkungen ihrer Beweglichkeit erhalten Menschen fast täglich zu Hause, bei der Arbeit oder in Behörden. Überlieferte Sätze wie „Das haben wir noch nie gemacht“, unverständliche Fragebögen und Ablehnungen zeugen aber meist eher von Unsicherheit, Rechtfertigungsdruck und eigenem Überlebenswillen als von Durchtriebenheit und Gemeinheit. Menschen haben Angst vor vielem Fremden, bleiben aber menschlich, danken für den Vortritt durch eine Tür oder eine prompte Erledigung ihres Anliegens. Trotz aller Mühen, die sie verursachen, sind das Schönste am Leben die Menschen. Die Menschen mit ihren großen Potenzialen an Verständnis, Mitleidensbereitschaft und Freude an gemeinsamen Ereignissen.

Im Abgleich von Erfahrungen, Gespräche über Erlebnisse, Austausch über Reisen und Familie erleben sie durch die Feststellung von Gemeinsamkeiten ein großes Maß an Ruhe und sozialer Bindung. Der Mensch kann sich vereinzeln, seine Individualität betonen, sehnt sich aber doch nach der Gemeinschaft, die ihn erhält, ihm seine Besonderheit erst ermöglicht. Ohne Menschen gäbe es diese Welt, die wir so vielfältig erfahren dürfen, für uns nicht. Wenn wir vor die Türe treten, sind wir neugierig auf die Menschen, süchtig danach, von ihnen angenommen zu werden, und nach gemeinsamem Erleben. Das Schönste an dieser Welt sind daher wie zum Trotz die Menschen!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Innehalten

Heue las ich einen auf eine Parkbank geklebten Zettel. Dort stand: Es war doch nicht alles schlecht heute, oder? So sinngemäß, denn der Text war in Englisch abgefasst. Ich blieb stehen, ließ den Text auf mich wirken und stellte mit Befriedigung fest, dass es mir nach und nach besser ging.

Der Verfasser oder die Verfasserin hat Recht. Ja, vieles war blöd gelaufen auch an diesem Tage, aber eigentlich war alles gut. Keine Störungen in der Familie und nicht bei der Arbeit. Nur die üblichen Aufgeregtheiten, Missverständnisse, Schlampereien, Sticheleien usw. Die Liste ist allgemein bekannt und individuell ergänzungsfähig.

Es war also ein ganz normaler Tag und jetzt wurde er plötzlich schön. Ich erinnerte mich an ein schönes Gespräch mit einer Bekannten am Morgen, als sie mit dem Fahrrad unterwegs mir begegnete und davon erzählte, dass sie ihre Krebserkrankung nun im Griff habe. Ich erinnerte mich an das Telefonat mit meiner Tochter, die mir davon erzählte, dass meine Enkelin sich schon den ganzen Tag auf den Besuch ihres Großpapas freut. Ich erinnerte mich aber auch daran, dass meine Mutter gerade ihren 92sten Geburtstag gefeiert hatte und wir Kinder alle bei ihr sein durften.

Ich erinnerte mich an so viele schöne Begebenheiten nicht nur an diesem Tage, sondern auch in meinem ganzen Leben. Nachdem ich kurz innegehalten hatte, ging ich vergnügt weiter.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Des Pudels Kern

Warum leben wir? Diese Frage wird von den meisten als so intim und überflüssig erachtet, dass ihnen die Beantwortung unpassend erscheint. Dies beruht darauf, dass die meisten Menschen glauben, dass sie deshalb auf der Welt seien, weil ihre Eltern sie gezeugt haben. Dieser Einsicht darf man sich nicht verschließen, weil sie die reale körperliche Erfahrung wiedergibt und nachhaltige Konsequenzen hat.

Wir leben, weil wir sind, nicht mehr und nicht weniger. Weil wir sind machen wir dann auch den Rest unseres Lebens was wir sind. Von der Schule bis ins Alter, bei Arbeit, Sex und Freizeit, betätigen wir uns auf einem ganz selbstverständlichen Terrain: unserem Sein. Nichtsdestotrotz kennen wir den Grund unseres Seins nicht. Christen sagen – und andere Religionen vertreten die gleiche Auffassung – dass wir seien, weil wir von Gott gemacht worden wären, sein Ebenbild in uns trügen. Diese Selbstdarstellung des Menschen entspricht exakt der materialistischen und zwar, dass der Mensch da sei, weil er entweder genetisch oder von Gott gemacht worden sei.

Die Frage aber bleibt: Warum? Sollte die Natur so endlos einfältig sein, ohne Grund Menschen zu reproduzieren, damit sie Arbeit, Sex und Freizeit haben? Sollte Gott so zynisch sein, uns nach seinem Ebenbild zu gestalten, damit wir Arbeit, Sex und Freizeit haben? Wenn die Apotheose der menschlichen Existenz Hohn und Spott ist, müsste vorstehenden Gedanken nichts mehr hinzugefügt werden. Trägt sie in sich den Zweifel, müssten wir nach dem Sinn biologischer und göttlicher Verhaltensweise fragen. Alles hat seinen Grund. In dieser Überzeugung halten wir alle fest zusammen.

Wenn der Mensch diese Frage aus dem Blickwinkel seiner biologischen Existenz stellt, spekuliert er aufgrund seiner Erfahrung darauf, dass   jeder genetische Prozess sich darin beschränkt, dass er lebt, um sich immer weiter   zu   entwickeln,   zu   einem   hoch   spezialisierten menschlichen Wundergerät, welches es nach Unterwerfung sämtlicher biologischer Ressourcen geschafft hat, an der Spitze nur jeder denkbaren und erfahrbaren Allmacht zu stehen. Das ist der Traum einer unendlichen biologischen Geschichte.

Apokalypse und Neuanfang aus den Trümmern perfekter biologischer Errungenschaften. Warum aber diese Anstrengung, wenn schlussendlich nichts anderes dabei herauskommt als das, womit alles begonnen hat? Der religiös orientierte Mensch vermutet hinter allem eine lenkende Kraft, traut dieser aber auch nicht mehr zu, als die materialistische Anschauung der Welt zulässt. Letztlich versinkt auch hier alles in der Apokalypse. Die Ausnahme ist nur: Die guten Menschen werden gerettet, nachdem sie von Gott geprüft worden sind. Sie kommen in den Himmel. Für viele Religionen scheint daher festzustehen, dass wir leben, um in den Himmel zu kommen. Wir müssen uns nur irgendwie richtig und anständig verhalten, in die Kirche gehen und die passende Religionszugehörigkeit aufweisen.

Wer glaubt, es sich so einfach machen zu können, ist ein Narr. Keine Kraft, die jenseits unserer Einsicht liegt, würde sich auf unsere Spielchen einlassen. Wenn wir meinen, wir seien das Ebenbild Gottes, versuchen wir uns eine Maske aufzusetzen, die unser sonderbares Treiben rechtfertigen soll. In meinen Kindertagen sah ich zur Faschingszeit ein Plakat aushängen: „Gott schaut hinter deine Maske“. Dieses Plakat halte ich insoweit für völlig töricht, als es den Karneval als heidnischen Brauch diskreditieren soll. Ehrlich ist diese Aussage gleichwohl. Wir können keiner wirklichen Kraft etwas vormachen, weder biologisch noch durch unsere Rituale und Verhaltensweisen, ob diese nun religiös bestimmt sind oder nicht. Wir leben, obwohl wir nicht wissen, warum. Wir leben, weil wir das Leben unablässig erforschen müssen, durch unsere Zweifel, unsere Skrupel, unsere Demut, unsere Beharrlichkeit, unseren Lebenswillen, unsere Stärke und unsere Nachsicht. Wir leben, weil wir etwas beweisen müssen. Wir müssen anderen und uns selbst beweisen, dass es nicht ausreicht, dass wir nur sind, sondern dass wir unser Leben gestalten müssen, jedoch nicht, um Gott zu gefallen oder weil wir seine Strenge fürchten.

Etwas zu tun, entspricht einerseits unserer biologischen Entwicklungsfähigkeit, andererseits lassen Gestaltungswille und Übernahme von Verantwortung erkennen, dass wir mit einer Kraft ausgestattet sind, die uns bei unserer Geburt anvertraut wurde und uns auch nach unserem Tode nicht verlässt. Die Prägbarkeit dieser Kraft gibt unserem Leben Individualität und Sinn. Nicht unserem Körper als biologisches Phänomen allein, sondern uns selbst als Trägern dieser Kraft sind wir verantwortlich. Das ist „des Pudels Kern“.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Leistung ad absurdum

Die Bestimmung des Menschen ist es zu leben und dafür zu sorgen, dass er Leben schafft und erhält. Um dies zu bewerkstelligen, ist der Mensch darauf angewiesen, sich Mittel zuzuführen, die dazu geeignet sind, sein Leben zu erhalten, damit er geben kann. Lebenserhaltend waren die Jagd nach Tieren und später der Ackerbau. Überschüsse, die der Mensch produzierte, hat er an die Gemeinschaft abgegeben, um von dieser oder Einzelnen eine Gegenleistung zu erhalten, die es ihm erlaubten, noch erfolgreicher bei der Jagd oder beim Ackerbau und der Viehzucht zu sein und damit seine Erhaltungskraft zu verbessern. Der Tauschhandel funktionierte allerdings nur eingeschränkt, denn nicht jeder Mensch brauchte bei Abgabe seines Angebots zur gleichen Zeit ein Gegenangebot. So wurde die geleistete Arbeit angeschrieben, entweder kreditiert oder in einer Schuldverschreibung bestätigt. So entstand die Geldwirtschaft. Was bleibt, ist, dass im Grundmuster Geld nichts anderes ausdrückt als eine erbrachte Leistung. Soweit die reale Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille ist, das Geld sich von der Arbeit entkoppelt hat bzw. entkoppelt wurde und als Steuerungsmittel für den Finanz- und Warenverkehr taugte. Aber dennoch bleibt der Gegenleistungsaspekt erhalten. Durch die Disparität der Betrachtung von Geld aus verschiedenen Blickwinkeln heraus entstehen gefährliche Strudel, die das Schiff unserer Gemeinschaft – wenn wir dieses Bild nutzen wollen – heftig ins Schlingern bringen kann. Einerseits begreifen viele leistende Menschen in unserer Gesellschaft, dass das Geld, welches ihnen ausgezahlt wird, eine Kompensation für ihre Arbeit darstellen soll, andererseits nehmen sie wahr, dass Geld offenbar keine werterhaltende Rolle spielt, beliebig Versprechensträger in unserer Gesellschaft sein kann, ohne dass die Versprechen auch tatsächlich eingehalten werden. Aus dieser Wahrnehmung heraus kann sich ein Strudel formen, der unser Schiff verschlingt, ob wir die Ursache für das Unglück gesetzt haben oder nicht.

Der Staat als einer der Hauptfinanzträger, wie er sich heute generiert, beansprucht einerseits in der Form von Steuern Geldmittel seiner Bürger, obwohl er andererseits offenbar in der Lage ist, sich grenzenlos zu verschulden. Was erwartet dann der Staat noch von seinen Bürgern? Welche Leistungen erbringt der Staat gegenüber seinen Bürgern, die ein faires Äquivalent zu deren Leistungen darstellt. Zwingen die merkwürdigen unterschiedlichen Geldbetrachtungen von Staat und Bürgern nicht dazu, dass Geld als Beschaffungsmittel zu entzaubern und es der allgemeinen Spekulation anheim zu geben? Kann es denn sein, dass der Staat und weite Teile der Wirtschaft und der Gesellschaft zocken, während der schwer arbeitende Bürger in der Gesellschaft mit Sorge ansehen muss, wie seine Arbeit aufgrund dieser Umstände entwertet wird. In Frageform gegossen, lassen sich die Antworten am besten finden. Wir müssen vorwärts denken zu einem System, das Leistungsanreize schafft, Leistungen adäquat bezahlt und Leistungen fordert, nicht nur vom Bürger, sondern auch vom Staat für seine Bürger, die sich auch hier als äquivalent darstellen. Der Staat ist nicht der Vormund des Bürgers, sondern dessen Bittsteller. Er hat Ordnungsaufgaben zu erfüllen, den Rechtsstaat zu erhalten und mit seinem Regelwerk für Fairness bei den Markt- und Netzzugängen zu sorgen. Nicht aber ist der Staat dazu befugt, das Maß der Leistung des Bürgers stets dadurch neu zu bemessen, in dem er den Referenzrahmen des Geldes verändert. Dadurch wird Leistung ad absurdum geführt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski