Schlagwort-Archive: Gelassenheit

Erfahrung

Älteren Menschen wird oft nachgesagt, dass sie über Erfahrung verfügen. Damit wird suggeriert, dass sie wettmachen könnten, was ihnen an Kreativität und Weiterbildung fehle. Damit wird man dem Begriff Erfahrung ebenso wenig gerecht, wie älteren Menschen. Erfahrung hat damit zu tun, dass der Mensch in Situationen gekommen ist, die er analysiert und lernend methodisch, als auch inhaltlich einzuschätzen gelernt hat.

Situationen verändern sich ständig, so dass das Wissen um das Verhalten in einem Moment keineswegs auf einen anderen Moment übertragbar ist. Allenfalls methodisch lassen sich Situationen vergleichen, die bei ähnlicher Ausprägung leichter zu handhaben sind, wenn man schon das zweite oder dritte Mal damit konfrontiert worden ist. So sammeln auch junge Menschen ständig, und zwar seit ihrer Geburt, Erfahrungen, die sie bei der Bewältigung auftauchender Probleme nutzen.

Die Erfahrung älterer Menschen ist kein Schatz, den es zu heben gilt, sondern der höchstpersönliche Lebensfundus, auf den er zurückgreifen kann, wenn dies erforderlich ist. Erfahrungen sind weder übertragbar, noch generell bei Problemlösungen erfolgreich, weil für jeden Menschen die Problemlösungsansätze unterschiedlich sind. Ein kooperatives Zusammenwirken zwischen jungen und alten Menschen ist hilfreich bei der Bewältigung von Problemen, aber keine ältere Erfahrung ist mit einer jüngeren Erfahrung kompatibel.

Keine Erfahrung hat statische Momente und auch der, der viele Erfahrungen in seinem Leben, insbesondere in seinem Berufsleben, gemacht hat, wird stets einen Abgleich seiner Erfahrungen mit neuen Problemangeboten machen und Lösungen suchen, die bisher in keiner Weise auf der Lebensagenda standen.

Auch ein geistig flexibler älterer Mensch kann unter Außerachtlassung seiner Lebenserfahrung mit jüngeren Menschen konkurrieren und zwar auf allen Gebieten. Das Mehr an Erfahrungen kann dabei unter dem Gesichtspunkt der Gelassenheit hilfreich sein oder hinderlich, wenn der ältere Mensch glaubt, alle Anforderungssituationen schon einmal erlebt und erfahren zu haben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Normal 4.0

Wir alle, also auch ich, sind begierig darauf aus, Anderen die Welt zu erklären. Ohne dieses Sendungsbewusstsein gäbe es auch diese Blogbeiträge nicht. Obwohl ich weiß, dass es unendlich viele Fachzeitschriften, Kommentare zu allen Lebenssachverhalten und Verhaltensanweisungen gibt, sehe ich offenbar noch eine Lücke, die gefüllt werden müsste. Ob dies anmaßend ist, muss der Leser entscheiden.

Ich versuche, Argumente vorzulegen, an denen meine Leser sich reiben können, provoziere gerne Widerspruch und sehe mich doch der Normalität verpflichtet. Die Menschen, meine Leser, sind normal, vergnügt, launisch, witzig, sorgenvoll, ängstlich und mutig. Genauso wie ich. Mein Leser und ich sind wie kommunizierende Röhren. Ich erfahre über meinen Beruf, den Umgang mit anderen Menschen, meine Familie und die Medien und Lektüre von Büchern und Zeitschriften, was alle bewegt und mache mir darüber selbst Gedanken. Es macht mich besorgt zu erfahren, wie sehr sich Menschen von Ratgebern abhängig gemacht haben und dem Judiz, ihres Bauches, also ihrer eigenen Beurteilung, immer weniger vertrauen. Das betrifft sowohl die Kindererziehung, als auch den gesamtgesellschaftlichen Umgang miteinander.

Nicht die Werte sind verrutscht, sondern, gesteuert von Medien, unser Selbstbewusstsein im Umgang mit den täglichen Anforderungen. Warum liefern wir uns Ratgebern und Rattenfängern so gerne aus?

Die Normalität 4.0 ist offenbar noch komplexer. Sie ist wesentlich beeinflusst durch Formate, die außerhalb unseres eigenen Begreifens entstanden sind. Ich denke dabei natürlich an die Digitalisierung unserer Welt, aber auch die Verzagtheit, überhaupt einen eigenen Standpunkt einzunehmen, um sich daran messen zu lassen. Normal ist es, Fehler in der Kindererziehung zu machen oder Fehler im Umgang mit anderen Menschen, dann aber zu seinen Fehlern zu stehen und sie bei Bedarf wieder zu korrigieren. Normal ist, verletzlich zu sein, aber nicht verletzend. Normalität ist Gelassenheit im Umgang mit anderen Menschen und sich selbst.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Plan B

Es gibt Dinge, die müssen erst reifen. Wenn man beharrlich dran bleibt, stellt sich der Erfolg irgendwann ein. Es gibt aber auch Dinge, die scheinen auf den ersten Blick mühelos zu gelingen, weil alles darauf hindeutet. Doch dann taucht unerwartet ein Hindernis auf, ein Missverständnis wird zum handfesten Problem, plötzlich werden die Verhandlungspartner ausgetauscht, die Geschäftsgrundlage radikal verändert oder eine Entscheidung auf lange Zeit verschoben.

Es ist also absehbar, dass das Projekt scheitert. Eine Katastrophe bahnt sich an, die sich in Unternehmen, aber auch in der Politik und der Gesellschaft ausbreiten und bleibenden Primär- und Sekundärschaden verursachen kann. Es sei denn, es gibt einen Plan B, der das Scheitern des Plan A schon voraussehend einkalkuliert hat. Das Vorhandensein eines Plans B hat viele Vorteile. Er verschafft Gelassenheit, wo sonst Irritation, Empörung, Fassungslosigkeit oder Aggressionen das Handeln bestimmen.

Der Plan B ersetzt nicht den Plan A, sondern leitet aus der jeweiligen Situation neue Handlungsoptionen ab, die die Fähigkeit des Planinhabers, auf jede Herausforderung zu reagieren, unter Beweis stellt. Das Vorhandensein eines Plan B wird dazu führen, dass diejenigen, die den Plan A zum Scheitern bringen wollten, nun erkennen, dass der Verhandlungspartner möglicherweise auch einen Plan B hat und alles versuchen, diesen zu verhindern und sich folglich doch noch auf die Bedingungen des Plans A einlassen. Statt Machtverschiebungen, Vertrauensverluste und Schäden wird vielleicht dann doch ein Ergebnis erzielt, mit dem alle Beteiligte gut leben können, weil sie sich durch konsequentes Handeln Respekt verschafft haben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski