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Der Mensch, das unbekannte Wesen

Kennen wir uns? Ich habe da mein Zweifel. Es scheint mir, dass in uns etwas steckt, was wir selbst nicht erkennen bzw. nicht erkennen wollen. Hat sich nicht jeder Mensch schon einmal dabei ertappt, dass er nicht nur schlecht über andere gedacht hat, sondern Menschen auch beschädigen wollte?

Ja, natürlich gibt es die soziale Kontrolle, die das Schlimmste verhindert. Wie sieht es aber mit der persönlichen Kontrollmöglichkeit aus? Bin ich, wenn ich etwas Schlechtes denke, ein schlechter Mensch? Kann ich, wenn ich einem anderen Menschen, die Pest an den Hals wünsche, noch harmlose Lieder mit meinen Kindern singen. Die öffentliche Wahrnehmung entspricht nur eingeschränkt dem Sein. Dieser Erkenntnis muss ich mich stellen, aber vermeiden, daraus falsche Schlüsse auf andere Menschen zu ziehen.

Jeder Mensch, auf den wir uns einlassen, weist die selbe Ambivalenz wie wir selbst auf und ist gerade deshalb – wie wir – auch darauf angewiesen, dass wir ihm Vertrauen schenken, damit er uns vertrauen kann. Was den Menschen in seiner Unberechenbarkeit ausmacht, ist nicht nur seine Erscheinung, sein physiologisches System, sein Verstand und sein Gefühl. Jede Zelle, jede genetische Botschaft, jede chemische und mechanische Irritation bestimmt den ganzen Menschen und sein Verhalten.

Das Schlimme ist wie das Gute, nicht das Ergebnis eines Gedanken- oder Empfindungsprozesses, sondern ein Aggregatzustand, der von äußerst komplexen Vorgängen gesteuert wird. Das mag nicht entschuldigen, aber erklären, weshalb Menschen oft auf eine für uns völlig unvorstellbare Weise reagieren, vor allem, wenn sie grausam sind. Auch, wenn wir das nicht verhindern können, hilft die Erkenntnis, die nicht moralisch belastet ist, mit der Bedrohung umzugehen, die dieser Mensch für uns alle und für sich darstellt. Die Erkenntnis entschuldigt nichts, da sie auf Vernunft beruht. Sie schafft Handlungsoptionen, die uns nachhaltig vor den Tätern in und außer uns schützen sollten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Besserwisserei

Das Zitat „Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.“ wird Ernst Bloch zugeschrieben. Wir ziehen Bilanz: Manche scheitern im Leben, vieles geht schief. Dies wird insbesondere erfahrbar, wenn man experimentiert hat, sei es mit einem Gedanken oder scheinbaren Handlungsoptionen. Bei der Bewältigung derartiger Krisen kann Selbstkritik und auch diejenige Anderer sehr hilfreich sein, um einen Neustart zu ermöglichen. Im Zuge eines solchen Prozesses begegnet man allerdings nicht selten Zeitgenossen, die sich als Echo jeder denkbaren Kritik gebärden. Es sind die Besserwisser.

Sie ahnen schon, was alles falsch laufen könnte und veröffentlichen ihr Wissen natürlich insbesondere dann, wenn etwas falsch gelaufen ist. Besserwisser sind Lebensbegleiter, deren Ziel darin zu bestehen scheint, nicht nur jede Initiative zu lähmen, bevor sie startet, sondern dem Handelnden auch die kausale Schuld dafür zuzuweisen, dass er sich bewegt hat. Besserwisserei kann auf Erprobungen verzichten, sie lebt von der Immanenz der einzig richtigen Betrachtung eines Sachverhalts. Da die Besserwisserei zeitlich ungebunden ist, entzieht sie sich auch jeder Widerlegbarkeit. Der Beweis des Gegenteils ist ausgeschlossen. Der einzige Ausweg: Besserwisser ignorieren und selbst denken und machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski