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Erschöpfung

Es ist gerade viel los in der Menschenwelt. Putins Überfall auf die Ukraine, die Bedrohung Taiwans durch China, der Überfall der Hamas auf die Israelis, die Zerstörung des Gazastreifens durch die israelische Armee, vielfältige Menschenrechtsverletzungen im Zuge dieser Auseinandersetzungen und Kriege, aber auch Menschenrechtsverletzungen im Iran, Weißrussland, Nordvietnam und Myanmar.

Hinzukommt die Erderwärmung, das Abholzen des Regenwaldes, das Artensterben und viele sonstige Rechtsverletzungen mehr, ob in Aserbaidschan, Afghanistan, etlichen Staaten Afrikas, Asiens und des mittleren Ostens, um nur einige Staaten und Regionen zu benennen.

Was ist also los in dieser Welt?

Zudem stehen uns die Präsidentschaftswahlen in den USA bevor, Trump, Biden oder dieser Verschwörungsanhänger Robert Kennedy? Alles keine hoffnungsvollen Optionen angesichts der Verantwortung einer Weltmacht, die offenbar nicht mehr in der Lage ist, weltweit demokratische Maßstäbe zu setzen und auch nicht mehr als Ordnungsmacht gelten will. Überall ist Streit Programm. Es bestehen sogar in einem Großteil unserer deutschen Bevölkerung aufkeimende Gelüste, der AfD künftig Macht und Einfluss zu sichern. Wir schließen damit auf andere auf, auch auf europäische Staaten.

All dies bietet keinen wirklich schönen Ausblick auf die Welt, alle wirtschaftlichen Verwerfungen und Optionen, lieber Rüstung, anstatt Saatgut, Tod statt Leben, Verführung statt Bildung. Dieser an sich objektive schreckliche Zustand führt aber merkwürdigerweise noch zu keinem Aufruhr, keinem Bürgerkrieg, sondern wir scheinen erst einmal abwarten zu wollen, wie sich alles entwickelt. Zu vernehmen ist ein trotziges oder auch hilfloses „weiter so“ und wir erfahren, dass unsere Hilflosigkeit selbst angesichts des weltweiten Schreckensszenarios wie ein Beruhigungsmittel wirkt, und zwar eines der scheinbaren Gelassenheit. Möglicherweise ist das so zu verstehen, dass die auf uns einflutenden Bilder von Zerstörung, Hass und Gewalt, Stillstand, Unfähigkeit zu handeln, Betrug und Boshaftigkeit einerseits erschöpfend wirken, andererseits uns aber auch eine Gelegenheit bieten, Hilflosigkeit und Erschöpfung als eine Form der Resilienz zu begreifen. Wir finden uns so in der Unübersichtlichkeit zurecht, ohne daran zugrunde zu gehen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erwartungshaltung

Do ut des: Gib, dann wird dir gegeben. Erwartungshaltung? Ich gebe und erwarte dann, dass mir gegeben wird. Und wenn dies nicht geschieht? Wie verhalte ich mich dann? Wie verhält es sich überhaupt mit Vorleistungen? Führen sie erwartbar zur erwünschten Kompensation des eigenen Einsatzes? Erwartungshaltungen gründen sich auf Ausgleichserfahrungen, und zwar, dass Unwuchten zumindest auf Dauer keinen Bestand haben.

Wenn aber diese Erfahrungen durch Prognosen widerlegt werden? Ein trauriges Beispiel der Gegenwart: Wir könnten die Erwartung haben, dass Russland, wenn die Ukraine diesem Land die Krim oder sogar den Donbass auf Dauer abtritt, in einen Friedensschluss einwilligt, also den Krieg beendet. Dies könnte unsere Erwartungshaltung sein, ist sie aber begründet? Stimmt es denn tatsächlich, dass, wenn ich gebe, mir gegeben wird? Diese Hoffnung ist zwar prinzipiell berechtigt und insofern dieser Wunsch nachvollziehbar, aber die von Menschen gestaltete Wirklichkeit bestätigt die Erfüllung dieses Wunsches nicht.

Bei kriegerischen Auseinandersetzungen über Gebiete und Menschen verhält es sich wie in der Wirtschaft, zwischen Staaten oder überhaupt im menschlichen Zusammenleben an sich. Einem Ausgleich wird nur dann zugestimmt, wenn der anderen Partei nichts mehr anderes übrigbleibt oder der Ausgleich weniger als die Gegenleistung erfordert.

Nur Macht, Vorteilsgewährung und weitere prägende Umstände, wie Katastrophen, Hungersnöte und unvermeidbare rechtliche Einhegungen von Sachverhalten können zumindest auf Zeit dafür sorgen, dass Ausgleichsleistungen erwartbar werden. Wer in der Hoffnung gibt, dafür kompensiert zu werden, wird enttäuscht. Wer ohne Erwartungshaltung gibt, weil er das Geben als gerecht empfindet, zeigt unerwartet Haltung, schafft Nachdenklichkeit und könnte sogar belohnt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Konsumismus

Die Wirtschaft wieder ankurbeln. Das ist das zentrale Anliegen der Regierungen trotz Corona-Epidemie. Die ist nicht vorbei, hat aber einen anderen Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung erfahren. Menschenleben gegen Wohlstand. Die Abwägung geschieht klammheimlich, denn mit der Wirtschaft geht es bergab und wenn der Markt nicht mehr funktioniert, hat der Staat auch keine Einnahmen. Steuern sind indes wichtig, um die ungeheuren Schulden zu bezahlen, die sich in Europa und jeder anderen europäischen Nation auftürmen.

Da die Märkte global angelegt sind, beschränkt sich die Verschuldung nicht auf Europa, sondern hat globale Aspekte. Wer soll die Wirtschaft wieder in Schwung bringen? Unsere Regierung gibt die Antwort: der Konsument. Deshalb wird zumindest vorübergehend die Umsatzsteuer gesenkt und werden und wurden Geldgeschenke verteilt. Die Aufforderung ist unmissverständlich. Der Konsument soll alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel einschließlich Reserven nutzen, um auf den Markt zu gehen und zu kaufen und die Käufe zu feiern. Dies natürlich vorzugsweise nicht im Ausland, sondern im Heimatland.

Das ist nicht der Ruck, sondern der „Wumms“, der durch Deutschland gehen soll. Der Konsument ist gefragt, die Shopping Malls sind rund um die Uhr wieder geöffnet. Der strategische Nutzen für die Wirtschaft, wie wir sie bisher kannten, ist nachvollziehbar. Die Frage ist allerdings, ob dies so weitergehen kann und soll.

Erlaubt uns Corona nicht vielleicht die Möglichkeit, wieder grundsätzlicher nachzudenken? Hat denn Menschen das Shoppen, der ständige Konsumismus attraktiver und glücklicher gemacht? Ich glaube nicht. Über die Vorsorge, die Bedürfnisse und die Notwendigkeiten hinaus zu konsumieren, schafft einen Warenreichtum, der nicht nur die Umwelt belastet, sondern auch keinerlei Befriedigung verschafft. Durch den Konsumismus werden die Menschen in ein Anspruchsverhalten gelockt, dass wie eine Droge ihnen abverlangt, dieses Anspruchsverhalten nie wieder aufzugeben.

Ansprüche machen indes nicht nur einsam, sondern verstärken die Ich-Sucht. Wenn Anspruch auf Anspruch folgt und dies auch staatlich befürwortet wird, dann ist es naheliegend, dass jeder, ob reich oder arm, und zwar jeder auf seinem Niveau den Eindruck hat, er sei zu kurz gekommen, seine Ansprüche seien nicht hinreichend bedacht und befriedigt. Die Folge von Konsumismus ist Egozentrik, die unnachgiebig auf das eigene Wohl bedacht ist, das allerdings aufgrund des permanenten Anspruchsverhaltens niemals befriedigt werden kann.

Wenn wir in Corona-Zeiten etwas lernen dürften, dann Aussagen, wie das Handeln des Staates, der Gesellschaft, der Wirtschaft und unser eigenes Verhalten zu hinterfragen sei. Wir sollten anfangen, uns auf unsere wirklichen Bedürfnisse zu beschränken und dadurch zu einer Entlastung der Gesellschaft von Überflüssigem beizutragen. Dann würde ein Ruck durch Deutschland gehen, der uns hellsichtiger und reicher machen würde.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Eindeutigkeit

Bereits umgangssprachlich versuchen wir uns, der Eindeutigkeit zu versichern, wie zum Bei­spiel durch Floskeln, wie „genau“ oder „geht klar“. Dabei ist nichts klar, eindeutig und genau. Wenn wir uns der Floskeln bedienen, können wir auch gar nicht davon ausgehen, dass unser Gegenüber das Gesagte auch für bare Münze nimmt. Es soll uns aber entschulden von dem Verdacht, nicht offenherzig gewesen zu sein. Unser Gesprächspartner soll glauben, es sei so, wie wir es sagen. Das, was sich im Umgang mit den Menschen abspielt, ist auf keinen Bereich der Darstellung und der Kommunikation beschränkt. Immer versuchen wir Eindeutigkeiten zu produzieren, ob in der Wissenschaft, der Wirtschaft oder Philosophie, um nur einige Bereiche zu nennen.

Dabei wollen wir uns nicht eingestehen, dass es überhaupt keine Eindeutigkeit an sich geben kann, weil alles Sein einerseits auf unterschiedlichen Wahrnehmungen beruht, andererseits sich auch in allen Aggregatzuständen als komplex zeigt. Alle menschlichen Erwartungen, alle gesellschaftlichen Experimente, ob Bürgerkriege, Revolutionen oder Ideologien – um nur zunächst diese ungewissen Bereiche zu benennen – entsprechen einer sich fortschreibenden menschlichen Erfahrung und sind deshalb unverzichtbare Werkzeuge erlebter Neuordnung unserer Welt.

Wir sind darauf angewiesen, uns immer wieder an diese neuen Herausforderungen und Situationen zu adaptieren, erwartungsoffen gegenüber allen Argumenten – seien diese emotional, rational, juristisch, fiskalisch, religiös oder sogar absurd. Selbst die Lüge ist eine unverzichtbare menschliche Wahrheit. Wir wissen um ihre Kraft des Guten und des Verderbens, aber vertrauen auf unsere Wahrnehmung des Entdeckens oder Nichtendeckens, je nachdem, welche Perspektive wir als opportun empfinden.

Wenn wir uns der Erkenntnis nicht verschließen, dass es keine Eindeutigkeiten gibt, könnten wir bei aller verbleibender Skepsis von allen argumentativen Angeboten profitieren, dabei ohne Wahrheitscamouflage Argumente akzeptieren, und zwar selbst dann, wenn sie uns in jeder Hinsicht unpassend erscheinen, um aus der Vielzahl von Darstellungen und Meinungen ein größeres Maß an Sicherheit bei der Beurteilung zu gewinnen. Scheuklappen bergen die Gefahr, dass wir uns trotz beschworener Genauigkeit und Klarheit in einer Welt verrennen, die so nicht ist, wie ich es mir zum Beispiel persönlich wünsche. Es ist nicht nur meine Welt, sondern unsere Welt und diese ist vielfältig, nie eindeutig.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Global Solutions

Vom 28. bis 29. Mai 2018 fand in Berlin der Global Solutions Summit statt. Hierbei handelte es sich um ein Art Denkveranstaltung zum G20-Gipfel, wobei weniger die Politiker zur Sprache kommen, als Wissenschaftler, Wirtschaftsführer und Normalbürger. Parallel dazu wird eine Sommerschule für ausgewählte Jugendliche aus aller Welt bereitgestellt, in welche diese argumentativ ihre Standpunkte austauschen können.

Da der Global Solutions Summit nichts entscheidet, sondern nur die Plattform für einen Ideenaustausch bietet, liegt es nahe, dort nicht nur lösungsorientiert zu diskutieren, sondern Ansätze herauszuarbeiten, die es Politikern, wenn sie die vorgebrachten Überlegungen für weiterführend erachten würden, Gelegenheit böten, aus der politischen Selbstbespiegelung und machbarkeitsorientierten Verhaltensweisen herauszutreten und ggf. neue Wege zu gehen. Für die Teilnehmer war der Gipfel auf jeden Fall gewinnbringend, insbesondere dann, wenn sie nicht nach Bestätigung ihrer Meinung suchten, sondern die Veranstaltung als Reibungsfläche begriffen, auf denen sich neue Überlegungen entfachen ließen.

So bin ich zu der Veranstaltung lernbegierig gekommen und wurde nicht enttäuscht. Ich verzichte, die Namen der hochrangigen Teilnehmer zu benennen, will aber deren Äußerungen wiedergeben, soweit ich diese für erwägenswert hielt, zum Beispiel: „Wir sollen den Umgang mit Unsicherheiten neu und selbstbewusst lernen, weil Unsicherheit zum Leben gehört, insbesondere zur asiatischen Kultur.“

Diese Äußerung fand ich sehr spannend, denn, wenn wir aufgrund unserer europäischen Unsicherheiten Fehler machen, sind wir auf Dauer den Chinesen und Indern nicht gewachsen. Ganz in diesem Sinne müssen wir darauf achten, nicht nur persönlich flexibel zu sein, sondern unsere Systeme flexibel auszubauen, damit sie auch heftige Stöße im kulturellen und ökonomischen Bereich abfangen können. Die Flexibilität geht Hand in Hand mit der Bereitschaft, auch einen Wechsel der Systeme zuzulassen, wenn wir erkennen, dass wir mit unserem System nicht mehr weiterkommen.

Krisen, in die wir geraten, stellen keine Krankheiten dar, sondern sind normal. Krisen sind keine Erfindung der Gegenwart, sondern historisch verbürgt, auch wenn der Multilateralismus unserer Gesellschaften schnellere Reaktionen unumgänglich machen. Die Verkehrswege zu Informationen sind kürzer und wie ein gesellschaftlicher Seismograf nehmen wir in Europa Erschütterungen wahr, ob deren Ursache in Asien oder in Amerika gesetzt wurden. Damit geht einher, dass in einer multilateralen Gesellschaft die Sichtweisen völlig unterschiedlich sein können, zum einen persönlich, aber auch politisch.

Das, was wir durch die europäische Brille gesehen, als vernünftig, politisch und menschlich für richtig erachten, muss sich nicht zwangsläufig in der Anschauung und der Verhaltensweise anderer Gesellschaften wiederspiegeln. Wenn wir allerdings Einfluss nehmen wollen, müssen wir unsere eigene Einstellung ändern, Geschichten erzählen, die andere Menschen und Völker überzeugen, nicht nur auf Vernunft abgestimmt sind, sondern auch Gefühle erwecken, die den eigenen Echoraum verlassen, Mitgefühl erzeugen und Schwarmverhalten zulassen.

Die Narritive sind für Compession im politischen Raum unverzichtbar. In dieser auch digital geschrumpften Welt begegnen uns ständig neue Herausforderungen, die uns zwingen, auch Bewährtes in Frage zu stellen, um neue Antworten zu finden, ob dies die Wirtschaft, Wahlen, Regierungsformen, Steuern, Geldverkehr oder menschliches Leben insgesamt betrifft.

Wenn wir uns frei gemacht haben von den eigenen Gedankenzwängen und leidenschaftlich uns mit anderen Menschen und Völkern austauschen können, dann schaffen wir es, uns immer wieder neu zu erfinden, von Generation zu Generation.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Plattform

Am 12.01.2018 fand das 2. Potsdamer Gespräch unter der Leitung von Bernhard von Mutius statt. Referenten und eingeladene Gäste versammelten sich im „Bayerischen Haus“ in Potsdam, um zum Thema „Industrie und Plattformen – wie entwickeln sich die Besitzverhältnisse der Zukunft?“ herauszufinden, welche Veränderungsprozesse die Wirtschaft und unsere Gesellschaft im Hinblick auf die Digitalisierung unserer Lebensverhältnisse erfahren wird. In der hochkonzentrierten und spannenden Veranstaltung wurde deutlich, dass der Vorsprung im digitalen Bereich der Anbieter aus Silicon Valley und auch China nicht aufzuholen ist.

Mir drängte sich allerdings die Frage auf, weshalb wir so bemüht sind, den Amerikanern und Chinesen gleichzutun, zu versuchen, deren Plattformmentalität auch für uns zu erschließen und nutzbar zu machen. Was würde geschehen, wenn wir sie nicht nachahmen würden, sondern unsere eigene Sprache fänden? Wenn wir uns darauf besinnen, dass alles von Menschen für Menschen gemacht wird, kommen wir dann nicht vielleicht zu einem anderen prozessualen Verständnis, das es uns erlauben würde, eine eigene Plattform für die soziale und auch wirtschaftliche Kommunikation zu entwickeln?

Was den Menschen von Geburt vor allem bewegt, ist Sicherheit. Er will sich seiner Nahrung versichern, seiner Beschäftigung und seiner Fortpflanzung. Wenn der eigene Raum gesichert ist, öffnet sich der Mensch den Möglichkeiten, bedenkt seine eigenen Fähigkeiten und wirft den Hut weit in den Ring. Nicht die Digitalisierung an sich bringt ihn weiter, sondern seine gesicherten Lebensverhältnisse erlauben ihm, ein gutes Leben anzustreben, Bildung, Glück, Genuss, Leichtsinn, Übermut und Wohlbefinden. Daraus leitet sich ab, was der Mensch wirklich will, was er von anderen Menschen, der Gesellschaft und auch der Wirtschaft begehrt. Er will mehr als ihm üblicherweise in der güterpassierten Wirtschaft geboten wird.

Auch die Digitalisierung an sich bietet keine Befriedigung. So übermächtig die Digitalisierung angekündigt wird und in unseren Köpfen Platz greift, sie ersetzt weder unsere Lebensgrundlage noch den Verstand und die Gefühle. Die Digitalisierung ist lediglich ein Tool, um Prozesse zu steuern. Alles darüber hinaus, Disruption und Kollaboration findet ausschließlich im menschlichen Gestaltungsbereich statt. Wenn unser Business Case, ausgehend von unseren Bedürfnissen nicht die Digitalisierung an sich ist, gesellen sich Werte hinzu, die den Menschen nach Zeiten warengestützten Wirtschaftens wieder ein adäquates Leben erlauben.

Der Mensch wird sich fragen: Was will ich? Er redet dabei nicht von seiner Freiheit, sondern will seine Abschaffung, seine soziale Amputation und die eigene Sinnlosigkeit vermeiden. Auf diesem Weg wird der Mensch Plattformen schaffen, die philanthropisch geprägt sind, wirtschaftliche Errungenschaften mittels analoger und digitaler Tools erreichen, aber neben der eigenen Lebensbefriedigung auch das Ganze im Auge haben, weil dies seiner Sicherheit dient.

Bildung, Beschäftigung, Pflege, Erhalt der Umwelt und Klimaschutz sind neben Lifestyle geeignete Business Cases, die den Wohlstand und den Fortbestand der Menschheit sichern. Es ist daher kurzsichtig, amerikanischen und chinesischen Erfolgen hinterherzulaufen und sinnvoll, sich von der reinen Warenwirtschaft zu verabschieden und neue Wege zu gehen. Besinnen wir uns auf unsere Sinnstifter und Philosophen. Wenn diese auch keine probaten Antworten zu allen Lebenssachverhalten zur Hand haben, so sind sie doch verlässliche Scouts, waren es schon immer.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Das Eigentliche

Uns geht es gut. Das sagen viele, die Wirtschaft, die Berater und die Ärzte. Die Wirtschaft brummt. Wir haben weitaus weniger Flüchtlinge als erwartet und fast alle haben ein Dach über dem Kopf. Es gibt Elterngeld, Hartz IV, Rente und Krankenversicherung.

Aber, wir Deutschen sind unzufrieden. Wir sind davon überzeugt, dass wir besonders viel verlieren, aufgeben müssen. Ob und wann das passiert, weiß niemand, aber die Befürchtung macht uns argwöhnisch. Grund zum Optimismus besteht nicht. Was halten wir denn für lebenswert? Geld? Die Arbeit? Kinder? Freizeit? Reisen? Essen? Kommunikation? Wahrscheinlich alles ein bisschen. Das macht uns aber nicht glücklich.

Wir leben nicht und schauen auch nicht erwartungsvoll auf die nächste Herausforderung, sondern fürchten uns gerade vor dieser. Würde man das Eigentliche, also für das Leben Unverzichtbare, benennen, könnten dabei Müßiggang, Lernfähigkeit, Ausgeglichenheit und Zuwendung eine Rolle spielen. Doch diese sind nicht nur begrifflich, sondern auch inhaltlich unerwünscht. Die Angst dominiert das Eigentliche. Doch wer keine Angst hat, sich zu verlieren, der wird sich finden.

Wer aber Angst hat, etwas zu verlieren, begreift das Eigentliche nur als persönliche Absicherung. Ihn begleiten Routine und Langeweile. Chancen ergreift er nicht. Er wird sich selbst fremd und anderen auch. Soweit muss es aber nicht kommen, wir müssen nur die Kraft in uns selbst und unseren Vorbildern suchen und die Chancen, die jede auch unerwartete Situation in unserem Leben bietet, furchtlos nutzen.

„Wow“, dann sind wir die Sieger!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

11/9

Nach der Wahl Trumps zum Präsidenten bekam ich von meinem Sohn, der in Nordamerika studiert, folgende Nachricht: „Jetzt hat der Putin wieder einen amerikanischen Freund, ist er nicht mehr so alleine.“ Weiter: „Also, mal sehen, jetzt wird alles great again. Ich hoffe, du fühlst dich great, Avocados wurden aber schon einmal günstiger.“ Ich darauf: „Was ist mit Suppengemüse?“ Er darauf: „Neues Suppengemüse ist teuer, nur Avocados wurden günstiger, in vier Jahren kann man jemanden für Suppengemüse wählen.“ Ich darauf: „This is really great.“

Spaß, so er einer ist, beiseite. Am Morgen, nachdem der Wahlsieg Trumps feststand, fuhr ich mit der U-Bahn und ging durch die Straßen Berlins und hatte die gleiche Wahrnehmung wie bei 9/11. Es war ruhiger als sonst. Die Stadt schien gleichsam in Watte verpackt. Die Menschen wortkarg und ernst, in sich gekehrt mit Gefühlen und Gedanken beschäftigt. Was war dieses Mal passiert? Keine Flugzeuge sind in das World Trade Center gestürzt und haben so nicht nur New York, sondern die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt und doch ist 11/9 etwas geschehen, was in seiner Konsequenz Angst und Schrecken für unsere Welt bedeuten wird.

Kein wahnsinniger, kein verrückter und religiöser Fanatiker ist Präsident geworden, sondern eine Kunstfigur, die zwischen Realität und Virtualität unter opportunistischen Gesichtspunkten hin- und hertrudelt. Ob er vom politischen Establishment weltweit erst genommen wird, ist dieser Kunstfigur völlig gleichgültig. Es passiert, was in einer virtuellen Realityshow stets passiert: Man spielt anderen etwas vor. Den Spielverlauf bestimmt aber nicht die Kunstfigur Trump, sondern das zappende Publikum, welches unterhalten oder abgelenkt werden möchte vom tristen unerfreulichen und wirtschaftlich oft sehr eingeschränktem Leben.

Eine Wirtschaft, die im Wesentlichen auf Konsum beruht, hat dabei sehr wenig Spielräume und muss den Verbraucher bei Laune halten. Also wird sich Trump immer wieder etwas Neues einfallen lassen, damit die Menschen sein Programm gut finden. Es spielt dabei keine Rolle, ob Senat, Repräsentantenhaus oder die Gerichte irgendwelche Einfälle wieder einkassieren. Das sind die Zuschauer gewohnt. Sie warten dann einfach auf den nächsten Coup und der kommt bestimmt.

Es kann sein, dass die amerikanischen Zuschauer sich auch langweilen oder sich an irgendwelche Versprechungen erinnern, die er im Wahlkampf gemacht hat, aber nicht umsetzt. Vielleicht murren sie auch und werden ansatzweise unzufrieden. Kein Problem für diesen Präsidenten. Er weiß ja bestens, wie er diesen Unmut umlenken kann. Er will ja alles, was er versprochen hat oder verspricht umsetzen, wenn da nicht die Europäer, die Chinesen, die Eskimos, die Sudanesen oder die Umweltschützer wären.

Das Sündenbockprojekt funktioniert immer. Werden wir alle die kommenden vier Jahre überstehen? Ich hoffe. Ich hoffe sehr, dass die Menschen in den USA nicht zu den Waffen greifen und einen Bürgerkrieg anzetteln. Ich hoffe auf die Vernunft der übrigen Welt und ihre Politiker. Ich hoffe, nicht auf die Moral dieser Kunstfigur, sondern darauf, dass beherzte Menschen ihn davon abhalten können, den roten Knopf zu drücken, indem sie sein Programm beizeiten abschalten. Eine solche Taste befindet sich auf jedem Fernsehmonitor.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Der Übermensch

Insbesondere in der medialen Öffentlichkeit machen Menschen auf sich aufmerksam, die die Fähigkeit besitzen, präsent zu sein, niemals um eine Antwort verlegen, vielfach frech und obendrein noch nett anzusehen. Es wird mediale Prominenz geschaffen, und zwar in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, von Showbusiness bis Politik und Wirtschaft. Aus dem Fundus der öffentlich prämierten Persönlichkeiten werden dann die Führungskräfte berufen, ob in politische Gremien, Theater oder in die Wirtschaft. Es ist zwar denkbar, dass die so gekürte Person auch über herausragende Fähigkeiten verfügt, zu führen und zu gestalten. Zwangsläufig ist dies nicht und es ersetzt allemal nicht die Verpflichtung, sich eingehend, kontrovers und vielfältig mit den verbesserungsbedürftigen Strukturen des jeweiligen Unternehmens auseinandersetzen. So kann zum Beispiel bei einem Theaterintendanten, der ein sicheres Gespür für künstlerische Produktionen besitzt, nicht unterstellt werden, dass er das Theater auch wirtschaftlich klug, betriebswirtschaftlich beschlagen und medial wirksam führt. Universalprofis sind sowohl am Theater als auch in der freien Wirtschaft selten. Zu bedeutend sind oft auch die Interessengegensätze. Um bei dem Theaterbeispiel zu bleiben: Der Künstler im Intendanten wünscht sich verständlicherweise möglichst viel Geld für eine herausragende Theaterproduktion, der Kaufmann in ihm hätte abzuwägen zwischen den Kosten der Produktion und des Vertriebs unter Berücksichtigung der Nebenkosten; und der Schatzmeister in der Person des Intendanten würde sich gar den Kreditgebern, den Banken, den Gesellschaftern und sonstigen Zuwendungsgebern gegenüber verantwortlich fühlen.

Es ist daher sowohl im Theater als auch der freien Wirtschaft, in der Politik und überhaupt in unserem täglichen Leben zu überprüfen, ob die handelnden Personen über die spezifischen Kompetenzen verfügen und sie gegebenenfalls entsprechend den Bedürfnissen des jeweiligen Unternehmens bilden. Aus dem lebhaften Diskurs der Verantwortlichen, der Kontrolle durch Leistungsabgrenzung und öffentliche Bescheidenheit ergibt sich eine selbstbewusste, integrative und auf Nachhaltigkeit angelegte Struktur, also ein Netz von Verantwortungsträgern. Sie vermag sich gegenüber dem delegierten Entscheider zu behaupten, zumal Letzterer darauf angewiesen ist, seine Kompetenz andauernd dadurch zur Schau zu stellen, dass er Veränderungen vornimmt. Ob diese wirksam, verantwortbar und schlussendlich sinnvoll sind, bleibt dahingestellt. Der Wunsch nach einer Führungskraft ist verständlich, es reicht aber nicht aus, einer handlungsbereiten Persönlichkeit das Ruder zu überlassen und sich aus dem Gestaltungsraum zurückzuziehen. Vielleicht sollte einmal dem Nachdenklichsten und nicht dem Lautesten eine Gestaltungschance gegeben werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gesamtwirtschaftliche Konversionsargumente

Unsere Gesellschaft macht einen Transformationsprozess von der rein warenorientierten Wirtschaft zur philanthropischen Wirtschaft durch. Einige der Kriterien, die diesen Prozess bestimmen, habe ich folgendermaßen herausgearbeitet:

  • Aufgrund des Massenvertriebs von Waren an eine breite Käuferschicht erleben wir einen rasanten Verfall der Marken. Unternehmen und ihr Produkt sind kaum mehr erkennbar. Diese Tendenz wird sich verstärken.
  • Jenseits einer erforderlichen Bedarfsvorsorge bedienen Waren die Erwartungshaltungen von Menschen, belohnen und vermitteln Selbstwertgefühl und Glück.
  • Um den Belohnungsprozess am Laufen zu halten, ist es erforderlich, immer neue Waren zu entwickeln, um das Selbstbelohnungsbedürfnis der Menschen zu befriedigen. Denkbar ist dabei ein Kollaps des Systems, weil in der Massenproduktion bei fallenden Preisen und „Demokratisierung“ der einzelnen Güter die Nachfrage sinken könnte.
  • Der Mensch bestimmt, was er wertschätzt, wem er seine Aufmerksamkeit schenkt und was er für geeignet hält, für die Befriedigung eines Bedürfnisses herzuhalten. Dieses Produkt muss nicht unbedingt ein Produkt der Warenwelt sein, sondern manifestiert sich auch in Kunst, Musik oder Urlaubsreisen.
  • Diese Erkenntnis könnte auch im philanthropischen Bereich wirken und dort ein Produkt definiert werden, das nachgefragt wird.
  • Ein solches philanthropisches Produkt gibt es bisher nicht, sondern lediglich Aspekte, die ein solches Produkt beschreiben.
  • Problematisch bei der Individualisierung eines solchen Produkts wirkt es sich aus, dass kaum bekannt ist, was sich hinter dem Begriff Philanthropie verbirgt. Zudem ist alles Gute nach landläufiger Meinung verdächtig, weil es dazu dient, die Egozentrik der Handelnden zu pflegen und andere zu bevormunden bzw. zu beschämen. Zuweilen wird „Gutes tun“ auch als Selbstverständlichkeit, als steuerlicher Effekt oder sogar störend empfunden.
  • Aufklärung über die Ziele der Philanthropie bedeutet, den Menschen in seiner einzigartigen Ganzheit zu erfassen, unter anderem unter dem Aspekt der Eigennützigkeit. Um den Eigennutzen zu stärken, ist der Mensch bereit, Fremdnutzen zuzulassen. An diesem Fremdnutzen partizipieren im gesellschaftlichen Kontext alle Beteiligten. Die Leugnung des Eigennutzens entzieht der Philanthropie jede verlässliche Grundlage.
  • Für die Philanthropie und ihre Produkte muss ein Erkenntnis- und Bewertungssystem geschaffen werden. Dabei ist es erforderlich, die realwirtschaftlich existierenden Mechanismen im philanthropischen Bereich zu adaptieren. Dabei spielen die Ermittlung der Werte, gemeinnützige Einrichtungen, Venture Capital, Shares, Finanzierung, Darlehen bis hin zu Mikrokrediten eine Rolle.
  • Schließlich ist die Neuformierung der Gesellschaft und ggf. die Subsidiarität des Staates unter dem Aspekt des Vorrangs bürgerschaftlichen Handelns eingehend zu untersuchen.

Nach der erforderlichen Entschlüsselung des philanthropischen Produkts und Einleitung des Transformationsprodukts ist es erforderlich, im philanthropischen Bereich Marktstrategien zu entwickeln, die eine sich einstellende Nachfrage nach dem Produkt befriedigen sollen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski