Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Hier finden Sie meine Gedanken, Ideen und Anreize zu gegenwärtigen und vergangenen gesellschaftsrelevanten Themen, die mich und meine Umwelt bewegen.

Strafrecht

Im Meinungswirrwarr des öffentlichen Diskurses wird zuweilen behauptet, dass erlaubt sei, was nicht verboten ist. Was nicht verboten ist, könnte ergo auch getan werden. Ist das aber so?

Verbote werden im Strafgesetzbuch abgehandelt, nicht aber, was geboten oder erlaubt ist. Das Strafrecht bildet allenfalls einen rechtlichen Rahmen, der den Menschen eine Orientierung für das eigene Verhalten und das erwartbare fremde Verhalten bietet. Es sieht aber keine gesellschaftliche Ausformung eines angemessenen Verhaltens in der Gemeinschaft mit anderen Menschen vor.

Eine wohlgeformte demokratische Staatsform erlaubt sich nicht nur ein verlässliches Strafrechtswesen, sondern erwartet ggf. auch einen gesellschaftlichen Widerspruch der Bürger, damit ein wechselseitig gedeihliches Zusammenleben überhaupt ermöglicht und gestärkt wird. Dafür wurden schon in der Vergangenheit Begrifflichkeiten wie vom „billig und gerecht denkenden“ Menschen gewählt oder die Sittenwidrigkeit eines bestimmten Verhaltens beschrieben. Es gibt also jenseits der strafrechtlichen Einschränkungen des Erlaubten gesellschaftlich verbindliche Verhaltenscodices. Um deren Einhaltung zu fördern, ist die Kenntnis ihres ungefähren Inhalts genauso wichtig, wie die kollektive Bereitschaft, die erzwungenen Regeln auch umzusetzen. Geschieht dies nicht, so steht zu befürchten, dass Orientierungslosigkeit das gemeinschaftliche Zusammenleben derart belastet bzw. sogar zerstört, dass nicht nur Einzelne sich, sondern wir uns alle voneinander abwenden, um uns irgendwie auf eigene Faust im wahrsten Sinne des Wortes „durchzuschlagen“.

Da dies im Interesse unserer Kinder und Kindeskinder nicht sein darf, muss es also geboten sein, die Entwicklung von Selbstbezogenheit, Gleichgültigkeit und Rohheit im öffentlichen Raum gemeinschaftlich aufzuhalten und daran mitzuwirken, dass der Schaden einigermaßen überschaubar bleibt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski 

Zukunft

Good-Future-Dialog – was ist eine gute Zukunft – als Zukunftsdenker angesprochen, wurden die Teilnehmer einer vom Veranstalter bunt gemischten Runde ersucht, ihre Impulse für eine gute Zukunft auszutauschen. Das Engagement der Teilnehmer war durchaus beeindruckend und für mich – insoweit wenig überraschend – außerordentlich erfreulich, wenn dabei SDG und ESG, Nachhaltigkeits- und Gemeinschaftssinn mit auf dem Plan stehen. Tun sie das dann aber auch?

Vergegenwärtigen wir uns: Die Welt wird nicht durch das Meinen gestaltet, sondern es wird auf das Handeln ankommen. Dafür ist zunächst der Sinn für die Realitäten zu schärfen. Um Realitäten wahrzunehmen, bedarf es des klaren Blicks auf alles, im Ganzen und im Detail. Da aber vom ungetrübten Blick auf die Realitäten allein noch keine Handlungsempfehlung abzuleiten ist, muss das Wahrzunehmender mit der Vorstellungskraft zum Möglichen und Erwünschten angereichert werden.

Mut, Tatkraft, Vertrauen. All dies sind Wegbegleiter bei einer zukunftsgestaltenden Arbeit, die nachfrageorientiert eingestellt ist und sich nicht ein angeblich bereits vorhandenes Wissen anmaßt, frei nach dem Motto: „Ich weiß, wie Zukunft geht!“

Zukunft ist etwas noch nicht Vorhandenes. Zukunft ist auch nichts Verlässliches, sondern lediglich Erfahrbares, wenn sie sich realisiert. Zukunft zu gestalten als Pflichtaufgabe derjenigen Menschen, die sie erleben wollen, kann sehr reizvoll sein, wenn die Erwartungen, die mit ihr verbunden werden, schon heute eine passende Instrumentalisierung erfahren. Dabei geht es um diejenigen Werkzeuge, die junge Menschen schaffen wollen, um künftigen Herausforderungen auf allen Lebensgebieten persönlicher, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Art gewachsen zu sein. Möglicherweise sind dabei auch ältere Menschen erzählend gefragt, um kühne Zukunftsvisionen mit ihren Lebenserfahrungen in einen Dialog zu bringen, ausgestandene Irrtümer zu benennen, Versäumnisse, wenn dies erwünscht sein sollte, zu korrigieren, um dann gemeinsam Markierungen für eine neue Zeit, also die Zukunft zu setzen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Identifikation

Was verstehe ich unter Identifikation?

Eine Eigenschaft, sich auf einen anderen Menschen oder einen Zustand in der Weise einzulassen, dass der Mensch oder der Zustand nicht nur mein Einverständnis findet, sondern auch zu einem Teil meiner eigenen Wahrnehmung, möglicherweise sogar zu meiner eigenen Persönlichkeit, zwar nicht körperlich, aber doch irgendwie geistig, seelisch, kurzum spirituell werden kann.

Alle Varianten scheinen mir möglich, hervorgerufen durch Stalking, Verehrung, bis hin zu Formen der Assimilation, also der Ich-Findung im Anderen. Rollenspiele, auch die Schaffung von Kulturaltären für Idole, Environments mit allen greifbaren Identifikationsaccessoires, die erwerbbar sind, die Aufgabe der eigenen emotionalen, spirituellen und kognitiven Identität zugunsten einer anderen, all dies ist möglich. Teilweise geschieht dies in Gruppenerlebnissen oder persönlich in Nachahmung des Identifikationsgegenstandes. Das passiert aber wozu?

Möglicherweise erlebt der Mensch durch diese Form der Identifikation einen Austritt aus seiner potentiellen Vereinzelung. Er wird dank der Identifikation bedeutender. Er erfährt Solidarität, und zwar schon dadurch, dass er sich auf den Prozess der Identifikation einlässt. Identifikation wirkt auch entlastend von eigenen Beschwerden und Unzulänglichkeiten. Durch Identifikation wird eine Zuwendung einer Person oder eines Zustandes zugelassen, die dem Zuwendenden eine Aufgabe beimisst, der dieser sich widmen kann, ohne Gefahr zu laufen, für den sich Identifizierenden konsequent einstehen zu müssen. Oft wissen die Beteiligten überhaupt nichts voneinander. Da eine reale Identität unter ihnen nicht begründet wird, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, sich jederzeit von dem Versuch der Identifikation wieder loszusagen. Mitgefühl, Mitleid, alle Formen des geistigen und emotionalen Austausches sind Attribute der Identifikation, die auch zu einem aktiven Handeln führen können.

Problematisch, ja gefährlich wird die Gefährdung einer tatsächlichen oder nur vorgestellten Konkordanz der Beteiligten, wenn die Identifikationsillusion offenbart, dass es Abweichungen zwischen den Vorstellungen der Beteiligten gibt. Jede Abweichung kann als Verletzungshandlung, ja sogar als Angriff gewertet werden und gefährdet das Rollenspiel. Der seiner Identifikationsmöglichkeit so beraubte Mensch fühlt sich getäuscht und glaubt sich zur Rechtfertigung berechtigt, seine Illusion durch Beseitigung einer Person oder eines Zustandes, mit dem er sich identifiziert hat, zwecks Wiedererlangung seiner früheren Identität herbeizuführen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Arbeit

Viertagewoche. Homeoffice. Teilzeit bei vollem Lohnausgleich. Work-Life-Balance. Burnout. Selbstverwirklichung. Ausbeutung. Vollbeschäftigung. Langzeitarbeitslosigkeit. Die Liste der Themen, die arbeitsorientiert diskutiert werden, ist lang.

Augenblicklich ist die Vier-Tage-Woche im Fokus der Aufmerksamkeit. Das bedeutet konzentrierte Arbeit an vier Tagen in der Woche, drei weitere Tage Selbstverwirklichung. Das genüge und würde Menschen mehr Zeit dafür lassen, ihre Anliegen, seien dies Familie, Yoga, Sport, Treffen mit Freunden oder andere Hobbies zu verwirklichen. Das kann alles so sein und klingt plausibel und doch löst es bei mir ein Störgefühl aus. Zwar möchte ich keinem Menschen seinen Weg zur persönlichen „Glückseligkeit“ streitig machen, frage mich allerdings, auf wessen Kosten dies geschieht?

Trotz aller Umweltbelastungen, familiärer Probleme, Arbeit und auch persönliche Herausforderungen, wir Menschen werden älter, verbrauchen mehr Ressourcen statt weniger, kurzum unsere Bedürfnisse wachsen enorm. Unsere auf längerfristigen Konsum angelegte Gesellschaft kann nach meinem Verständnis nur durch Arbeit im Gleichgewicht gehalten werden. Es ist schwer, mir eine Gesellschaft vorzustellen, in der sich bei immer weniger Arbeit ein stets mehrendes Wachstum einstellt.

Wer schafft denn dann die Rente, die finanzielle Kompensation für Krankheiten, Pflege und sonstigen Bedürfnisse einer arbeitsteiligen Gesellschaft? Wer schafft dann auch den Ausgleich für diejenigen, die sich nicht mehr helfen können?

Sicher sind einige Glücksritter wendig in der Lage, auf Kosten anderer zu leben, ohne dass dies zu verhindern wäre. Aber wollen wir dies als eine Form des Systems? Glauben wir, dass diejenigen, die auf Kosten anderer leben, glücklicher sind? Haben sie das Leben begriffen?

Ich glaube nicht. Ich bin davon überzeugt, dass wir da sind, um tätig zu sein, und zwar für andere und damit auch für uns selbst. Um prozessual davon zu profitieren, Leistungen entgegenzunehmen und ggf. auch im Alter auf eine verlässliche Lebensversorgung zurückgreifen zu können, geht das nicht ohne die lebzeitige Pflicht zu arbeiten. Diese Pflicht schafft Ordnung, ermöglicht vielfältige Begegnungen, bildet aus und befriedigt sogar, wenn nicht alle, so doch die meisten Menschen. Die Arbeit wird schlechtgeredet. Der Satz aber: „Ich habe meine Pflicht getan“, verschafft nicht nur eine persönliche Befriedigung, sondern auch ein verlässliches Gewissen, persönlich, in der Familie, Freundschaften und im gesellschaftlichen Kontext.

Wer bereit ist, für andere und sich selbst zu sorgen, kann fröhlich erklären: Mir wohl und keinem übel.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Flippern

Überall locken uns Angebote mit der Möglichkeit zu gewinnen oder auch zu verlieren. Wie auch im Leben, stellt sich mir beim Flipperautomaten die Frage, mit welchem Schwung ich die Kugel in ihre Umlaufbahn schicke, welche Ziele ich mit ihr ansteuere und welche ich dann zufällig auch erreiche. Ja, aus früheren Zeiten ist mir der Flipperautomat mit seinen vielfältigen Wegführungen, Leuchten und Klangschalen wohl vertraut. Manchmal muss, um die Kugel in die gewünschte Richtung zu lenken, der Automat selbst kraftvoll bewegt werden. Aber dabei ist Vorsicht geboten, denn sonst ist es unvermeidlich, dass ein „Tilt“ auf der Anzeige aufleuchtet und nicht nur das schöne Vorhaben selbst, sondern auch der gesamte Gewinn durch systemisches Eingreifen der Mechanik verhindert wird. Der Gewinn ist also „perdu“. Wie bei der Maschine ist es auch im Leben:

Einsatz, Spiel und Klang, dann aber eine falsche Bewegung: „Tilt!“ So ist von dem Automatenspiel eine Botschaft für das Leben mitzunehmen, dass der Einsatz immer wieder zu wagen ist und ggf. auch durch Rütteln und Schütteln und trotz aller Hindernisse Wege gewiesen werden, die gewinnversprechend sein können.

Dabei verstehe ich unter Gewinnen selbstverständlich nicht nur wirtschaftliche Gewinne und gesellschaftlichen Glanz und Klang, sondern den Gewinn, der im Spielen selbst besteht, wenn der Teilnehmende Hindernisse als Herausforderungen begreift und alle Begegnungen mit unerwarteten Vorkommnissen für ihn Bereicherungen darstellen. Selbst in einem metaphysischen Sinne verschafft uns die Fähigkeit zu flippern, eine Ungebundenheit, trotz eines „Tilt“ nicht aufzugeben, sondern alle Klänge des Lebens durch unseren Einsatz zu bestätigten, Wege zu wechseln, Zufälle und Hindernisse als Bereicherung zu begreifen und uns selbst eine Chance zu geben, den Zufall als eine konstante Erfahrung in unser Leben zu integrieren.

Das Spiel ist mit dem Leben verwandt und wir können von unserem Einsatz profitieren, wenn wir das im Spiel angelegte Muster begreifen und uns von einem „Tilt“ nicht abschrecken lassen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zensur

Seit Jahren ist zu beobachten, dass unter anderem im unterstellten Interesse von Kindern, aber auch von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, seien diese Schüler oder Studenten, aus Büchern, Schriften, Internet, überhaupt allen Aufzeichnungen all das getilgt wird, was nach angeblich wohlmeinender Auffassung dazu geeignet sein könnte, die angesprochene Klientel geistig und/oder seelisch zu beschädigen. Wokeness, Verletzlichkeit, Kolonialismus, Anmaßung und auch Geschlechterfragen sind dabei einige Stichworte.

Letztlich geht es dabei aber um pure Zensur, Zensur von Schrift, Sprache und Meinungen im wohlmeinenden Sinne. Das will ich insofern aufgreifen, als mich deren Wirkung auf Geschichte, Kultur und die Komplexität des Lebens im Sinne der Ausbildung des Menschen von Anfang an beschäftigt. Wann und wie erfahren wir Menschen, ob etwas richtig oder falsch ist? Wie erfahren wir also die Regeln und die Grenzen unseres eigenen Verhaltens, um zu sehen, was wir dürfen oder nicht dürfen?

Freiheit und Komplexität sind die Stichworte für den von jedem Menschen auszulotenden Lebensraum, in dem er sich zunächst unvorbereitetermaßen aufgrund seiner Geburt bewegen muss. Um diese Kunst aber zu beherrschen, muss ein Mensch alles erfahren, alles abwägen, sei es als eine Botschaft aus der Vergangenheit, als gegenwärtige Herausforderung oder als erwartbare Zukunft. Wenn Angebote zum wohlmeinenden Schutz des Menschen verkürzt und gar entfernt werden, besteht die Gefahr, dass der Mensch im Laufe seines Lebens mit Sachverhalten konfrontiert wird, mit den umzugehen er überhaupt nicht gelernt hat und sie daher auch nicht handhaben kann.

Die Komplexität unserer Kultur fordert aber gerade zur Auseinandersetzung mit allem heraus, was gewesen und gegenwärtig ist und auch künftig möglicherweise sein wird. Wenn wir also Menschen vorenthalten, was ihrer Ausbildung förderlich sein könnte, machen wir meines Erachtens einen großen Fehler und gefährden unsere Schutzbefohlenen, anstatt ihnen nachhaltig zu helfen. Sie werden ihre a priori tabuisierten, aber dennoch sich einstellenden Gedanken nicht mehr einordnen können. Für die sich hieraus ergebenden unheilvollen Konsequenzen und Gefühle bietet die Geschichte umfassendes Anschauungsmaterial.

Wir sollten uns also davor hüten, Geschichte, kulturelle Zusammenhänge und Verhaltensweisen zu kontrollieren und stattdessen Angebote unterbreiten, die es Menschen erlauben, die eigene Erfahrungen und Standpunkte zu überprüfen, zu ändern, zu ergänzen und erweiternd zu lernen, um allen Zumutungen des Lebens gewachsen zu sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Parallelwelten

Wie soll das gehen, Parallelwelten?

Wir atmen dieselbe Luft, essen, trinken, haben Wohnungen oder leben auf der Straße, bewegen uns in der Regel im gleichen Tagesrhythmus, werden geboren, leben und sterben. Natürlich jeder für sich, aber wir haben strukturell die gleichen Lebenserwartungen. Natürlich leben wir nebeneinander her, jeder für sich, in seiner Familie, Beruf und Freizeit. So lebt halt jeder in seiner Blase. Und wieso sollen dies Parallelwelten begünstigen oder ausdrücken?

Vielleicht deshalb, weil genetisch und sozial, meist bereits vor der Geburt eines Menschen, Voraussetzungen für die lebzeitige Zuweisung von Vorteilen in einer Welt geschaffen wurden, die so konstruiert und konditioniert ist, dass eine Veränderung des eigenen Status erschwert ist bzw. meist ganz ausscheidet. Der systemimmanente Widerspruch zwischen den unterschiedlichen Welten kann zwar negiert, aber nicht beseitigt werden.

Das mag schädlich sein, kann als ungerecht empfunden werden und ist sogar Auslöser vieler Auseinandersetzungen bis hin zu Kriegen. Sie entsprechen aber einer Realität, die weder durch Appelle und Argumente noch durch deren Negieren beseitigt oder verändert werden kann. In der Akzeptanz anderer Welten kann jedoch auch eine Bereicherung für die Entwicklung eigener Möglichkeiten durch Zuwendung, wie auch durch Wettbewerb geschaffen werden.

Wenn dies gefährdungsfrei geschieht, haben alle Bürger der unterschiedlichsten Welten eine Chance, die Zukunft einsichtiger, vielfältiger und damit ertragsreicher zu erleben. Es empfiehlt sich der weite Blick.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erschöpfung

Es ist gerade viel los in der Menschenwelt. Putins Überfall auf die Ukraine, die Bedrohung Taiwans durch China, der Überfall der Hamas auf die Israelis, die Zerstörung des Gazastreifens durch die israelische Armee, vielfältige Menschenrechtsverletzungen im Zuge dieser Auseinandersetzungen und Kriege, aber auch Menschenrechtsverletzungen im Iran, Weißrussland, Nordvietnam und Myanmar.

Hinzukommt die Erderwärmung, das Abholzen des Regenwaldes, das Artensterben und viele sonstige Rechtsverletzungen mehr, ob in Aserbaidschan, Afghanistan, etlichen Staaten Afrikas, Asiens und des mittleren Ostens, um nur einige Staaten und Regionen zu benennen.

Was ist also los in dieser Welt?

Zudem stehen uns die Präsidentschaftswahlen in den USA bevor, Trump, Biden oder dieser Verschwörungsanhänger Robert Kennedy? Alles keine hoffnungsvollen Optionen angesichts der Verantwortung einer Weltmacht, die offenbar nicht mehr in der Lage ist, weltweit demokratische Maßstäbe zu setzen und auch nicht mehr als Ordnungsmacht gelten will. Überall ist Streit Programm. Es bestehen sogar in einem Großteil unserer deutschen Bevölkerung aufkeimende Gelüste, der AfD künftig Macht und Einfluss zu sichern. Wir schließen damit auf andere auf, auch auf europäische Staaten.

All dies bietet keinen wirklich schönen Ausblick auf die Welt, alle wirtschaftlichen Verwerfungen und Optionen, lieber Rüstung, anstatt Saatgut, Tod statt Leben, Verführung statt Bildung. Dieser an sich objektive schreckliche Zustand führt aber merkwürdigerweise noch zu keinem Aufruhr, keinem Bürgerkrieg, sondern wir scheinen erst einmal abwarten zu wollen, wie sich alles entwickelt. Zu vernehmen ist ein trotziges oder auch hilfloses „weiter so“ und wir erfahren, dass unsere Hilflosigkeit selbst angesichts des weltweiten Schreckensszenarios wie ein Beruhigungsmittel wirkt, und zwar eines der scheinbaren Gelassenheit. Möglicherweise ist das so zu verstehen, dass die auf uns einflutenden Bilder von Zerstörung, Hass und Gewalt, Stillstand, Unfähigkeit zu handeln, Betrug und Boshaftigkeit einerseits erschöpfend wirken, andererseits uns aber auch eine Gelegenheit bieten, Hilflosigkeit und Erschöpfung als eine Form der Resilienz zu begreifen. Wir finden uns so in der Unübersichtlichkeit zurecht, ohne daran zugrunde zu gehen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kokon

Zuweilen haben wir das Gefühl, uns befreien zu müssen, das Netz, das uns zu umgeben scheint, zu zerreißen, ins Freie zu treten, Beschwerden und düstere Gedanken loszulassen. Unberührt sein wollen wir vom Weltgeschehen, uns wiederfinden auf einer Insel der Erleichterung. Wunschträume, vielleicht, denn wir sind eingewebt in ein Netz von gegenwärtigen und vergangenen Geschichten, seien diese familiär, gesellschaftlich und weltweit.

Weltweit bestimmt ist auch die Dichte dieses Webstoffes aufgrund von globalen oder gar interstellaren Konstellationen. Nie sind wir frei. Wir werden seit jeher von allen stofflichen und nichtstofflichen Verbindungen bestimmt und bergen diese Informationen in jeder Faser unseres Körpers. Sie sind bestimmend, lähmend, wegweisend, stützend, zuweilen aufdringlich und im Kern unabänderlich. Aber doch erwartet das Netz unserer Existenz auch unseren Webbeitrag, d. h. der Kokon, der uns umhüllt, ist gleichzeitig auch ein Teil unseres eigenen Zutuns. Könnten wir unseren Kokon abwerfen, würden wir uns damit befreien?

Nein! Dies gelingt uns nicht einmal im Tode, denn unser Webbeitrag ist Teil des Netzes geworden. Im Bewusstsein dieser unabänderlichen Konsequenzen sind wir umständehalber gut beraten, die Chance aktiv zu nutzen und unsere Fäden so zu spinnen, dass der Kokon, der uns und auch alle späteren Generationen umhüllt, Webfäden aufweist, deren Qualität und Farbe wir selbst ausgesucht haben. Auch das Muster gilt es zu bedenken, um schließlich einen Beitrag dazu zu leisten, dass das eigene Handeln nicht fleckig und brüchig erscheint und so künftige Generationen zwingt, das zu flicken, was wir selbst ursächlich verunstaltet haben. Angesichts der Unausweichlichkeit des eigenen Beitrags an diesem Gewebe, verwundert, wie leichtsinnig viele Menschen mit dem ihnen anvertrauten Garn umgehen und Beiträge abliefern, die den Kokon brüchig machen und so Menschen auch ihres Schutzes berauben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Fokussierung

Wie nahe ist uns die Nähe, wie fern das Ferne? Gewinnen wir mehr Übersicht, wenn wir die Dinge aus der Distanz sehen, alles gleichzeitig versuchen zu erfassen und in den Blick zu nehmen?

Oder lohnt es sich, den Blick zunächst auf die Details, also auch auf Kleinigkeiten zu konzentrieren. Wenn wir den Dingen nahe sind, Gelegenheit haben, uns ganz auf wenige Umstände zu fokussieren, besteht die Möglichkeit, dass die dadurch erlaubte Detailprüfung uns mehr vom Ganzen verrät, als der Überblick, der alle Differenzen einebnet. Wir wissen so zum Beispiel, dass der Blick aus dem Weltraum die vielen erdnahen Verwerfungen und Probleme nicht offenbart. Abgesehen von Veränderungen der klimatischen Zonen und Eingriffen in die Substanz unserer Welt, sind aus der Ferne viele Veränderungen nicht zu unterscheiden. Je näher wir den Dingen aber kommen, umso mehr verraten sie von ihrer Wesenheit und auch darüber, dass jedes aufgespürte Detail vom benachbarten Detail abweicht.

Dieses Phänomen verdeutlicht uns, dass wir durch unsere Fokussierung auf das Einzelne erfahren, dass es in seinen Eigenschaften mit der Menge nicht identisch ist, sondern etwas anderes verrät. Die daraus abzuleitende Vielfalt widerspricht der Gewissheit, die Menschen meinen zu haben, wenn sie den Makrokosmos, dem Mikrokosmos prüfend vorziehen und aus ihren Beobachtungen schlussfolgern, dass das, was sie wollen oder beanspruchen, auch geschehen wird.

Das ganze Große geschieht im Kleinen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski