Archiv der Kategorie: Kultur

Hier finden Sie meine Gedanken, Ideen und Anreize zu gegenwärtigen und vergangenen kulturellen Themen, die mich und meine Umwelt bewegen.

Belichtungsmesser

Nur wenn alles seinem Plan entspricht und stimmt, das Licht, der Winkel, der Film und die Kamera, dann drückt Rainer H. Schwesig auf den Auslöser. So inszeniert der Fotograf seine Fotografien und wählt nach Erforderlichkeit diejenigen Gerätschaften aus, welche eine optimale Umsetzung seines Vorhabens versprechen. So kommen analoge Aufnahmegeräte, Polaroid-Kameras, aber auch digitale Geräte, und die damit korrespondierenden Filme zum Einsatz. Deren Wahl ist kein Zufall, sondern entspricht einer planvollen Vorbereitung, die der Stimmigkeit von Motiv, Tageszeit, Lichtverhältnissen, der Position des Gerätes, ja sogar des Entwicklungsprozesses des Filmmaterials von vornherein mit einkalkuliert.

Zuweilen bedient sich der bildgestaltende Fotograf bei seinen Aufnahmen auch weiterer Hilfsmittel, wie zum Beispiel des Einsatzes wertvoller Linsen wie der Hasselblatt bestückten Drohnen. Seine Schüler am Lette Verein Berlin, Fachbereich Fotografie, überrascht er bei der Erläuterung dieser Technik gern mit dem Hinweis, dass das Kameraauge je höher es fliegen würde, desto weniger zu sehen bekäme. Deshalb nähert er sich Motiven auch mit der Drohne sehr gern nur auf Stativhöhe oder maximal bis zu einer Höhe von 10 bis 25 m. Der erfahrene Fotograf vermittelt seine Kenntnisse und Erfahrungen zudem als Dozent an der Lette-Akademie, wobei er seine Studenten darauf hinweist, dass die adäquate filmische Wiedergabe prozessual alle Stadien der Gestaltung mit einschließt, also auch die Entwicklung des Films. Er nennt dies konzeptionelle Fotografie-Bearbeitung und ergänzt, dass Entwicklungsprozesse auch mit Kaffee gelingen. Es gehe dabei um die Abgabe von Elektronen.

Wow! Nichts bleibt also Zufall, sondern folgt einem sorgsamen von ihm verinnerlichten Regelwerk, das die technischen Konsequenzen berücksichtigt, aber natürlich auch und vor allem das Erzählen von Geschichten erlaubt. Seine Geschichten sind diejenigen von Landschaften in Deutschland und Italien, Gebäuden und Interieurs, weiter auch Begegnungen mit Menschen, insbesondere Modellen, die er sogar teilweise selbst in Szene setzt.

Alles scheint nahe an der Wirklichkeit zu sein, ist es aber nicht. Jede Fotografie ist damit sein Produkt, also dasjenige des Fotografen Rainer Schwesig. So kann er es sich erlauben, die Fotografien auf Ausstellungen oder auch in Bildbänden so miteinander in Beziehungen zu setzen, dass die von ihm jeweils adäquat gewählten Gestaltungen seine eigenen Geschichten sind. Die Rollen sind dabei von ihm vorgegeben, beruhen auf Erfahrung, Neugier, Eingebungen, Ideen, dem freien weiten Blick, aber auch viel Spaß und Emotionen, die ihm zum Einsatz der jeweils erforderlichen Technik inspirieren.

Der Betrachter seiner Werke, zum Beispiel der von ihm illustrierten „Haikus“, wird angeregt, das unterbreitete Angebot anzunehmen und aus den Bildern selbst auch wieder eigene Geschichten zu formen, diese ggf. weiterzuentwickeln oder seine bisherige Vorstellung angesichts der Fotografien und ihrer Präsentation zu überprüfen. Im Betrachten seiner Werke vollendet sich der Prozess des Schaffens und Erlebens von Fotografien mit Hilfe eines Mediums, und zwar des Fotografen Rainer Schwesig selbst.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Heinz Dürr Nachruf

Der Schwabe Friedrich Hölderlin sagte einst mal, dass der Tod ein Bote des Lebens sei und der Weimarer Johann Wolfgang Goethe ergänzte: „Mein Leben war das ewige Wälzen eines Steins, der immer von neuem gehoben werden musste.“ Das passt für Heinz Dürr, der auch den Schriftsteller und Dichter Goethe sehr verehrte.

Die Familie Dürr hat ihrer Traueranzeige den damit korrespondierenden Spruch vorangestellt, dass wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen sollten. Das Leben war für Heinz Dürr eine Aufgabe, die er pflichtgemäß zu erledigen hatte. Dieses Wälzen eines Steines, um im Bild Goethes zu bleiben, machte ihn zuweilen rastlos und ungeduldig. Die Ungeduld, die ihn trieb war aber konstruktiv, denn es gab immer viel für ihn zu tun. Er hatte sich der Arbeit verschrieben beim Aufbau der Dürr AG, als Verhandlungsführer bei Tarifkonflikten, als AEG- und Bahn-Chef, im „Forum für erneuerbare Energie“ zusammen mit der Schlecht-Stiftung in Stuttgart, in seiner eigenen Stiftung, der Heinz und Heide Dürr Stiftung, der Walther Rathenau-Gesellschaft und in vielen sonstigen ehrenamtlichen, privaten und öffentlichen Verpflichtungen.

Er war ein außerordentlich kluger und wichtiger Gesprächspartner, Ratgeber und guter Freund, voll Empathie, Witz und Wärme. Es war erfrischend, mit ihm zu sprechen und von ihm angesprochen zu werden. Jeder von uns hat diese Erfahrung gemacht. Er liebte Gedankenexperimente, hatte sich mit AI und KI auseinandergesetzt, auch etliche Bücher geschrieben und dabei zuweilen Cato, Ray Kurzweil und natürlich auch Walther Rathenau als seine Sparring-Partner für fiktionalen Gespräche bemüht.

Wie in „Die Physiologie der Geschäfte“ faszinierte Heinz Dürr im Sinne der Schriften von Walther Rathenau „Die kommenden Dinge“ – ebenfalls von Walter Rathenau – und was zu tun sei, um Fortschritt menschlich zu gestalten. Der Mensch sei kein Geschäftsmodell und Bildung von Anfang an sowie kulturelle Erfahrungen waren ihm genauso wichtig, wie wirtschaftliche Erfolge. Deshalb kümmert sich die Heinz und Heide Dürr Stiftung erfolgreich mit ihrem Early-Excellence-Programm um Kindergärten und Familien deutschlandweit, ferner um Autorentheater und andere kulturelle Vorhaben, aber auch um seltene Krankheiten, um nur einige der Aktivitäten der Stiftung zu nennen.

Bis zuletzt war Heinz Dürr nicht nur geschätzter Gesprächspartner für große Unternehmen, sondern auch in der Start-Up-Szene beratend aktiv. Er war ein integrer Mensch, der das beständige und entschiedene Handeln liebte.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Bilder

Es ist sicher nicht nur Instagram zu verdanken, dass wir diese Welt vorwiegend bildhaft begreifen. Durch Selfies versichern wir uns und anderen, dass wir vorhanden sind, teilhaben am großen Weltspektakel. Nicht Texte, sondern Bilder fluten die Smartphones insbesondere von Kindern und Jugendlichen. Die Pose ist Bildinhalt und muss den „Wischtest“ bestehen. Die Interaktion zwischen Bild und Betrachter ist entscheidend für die Beständigkeit im Konsum des bildhaft Dargestellten.

Auf der Konsumentenebene beanspruchen Bilder aber keine Ewigkeit. Sie vermitteln vielmehr zeitlich und örtlich Zustände, die mit jeder neuen Aufnahme wieder zur Disposition gestellt werden können. Die durch das Bild vermittelten Eindrücke sind niemals wahr, denn sie berücksichtigen keine Umstände, die außerhalb des Bildausschnittes liegen.

Woher wissen wir aber, dass selbst das, was wir vordergründig als Abbildung der Wirklichkeit begreifen, in Wahrheit nicht nur ein durch Manipulationen erzeugter Bildeindruck ist?

Das Bild ist eine Fiktion der Wirklichkeit, hat aber die Kraft, uns täglich nicht nur bei der optischen Wahrnehmung, sondern auch in unserem Handeln zu beeinflussen, selbst gar zu bestimmen. Zu dem Abbild einer konkret behaupteten Wirklichkeit, gesellt sich aber auch das Bild, dass zwar niemals behauptet, die Wirklichkeit zu kopieren, aber in seiner Ausdrucksstärke geeignet sein kann, uns einen Aspekt der Wirklichkeit aufzuzeigen, der unsererseits zwar mit Augen aufgenommen, aber nicht visuell verarbeitet werden kann.

Diese Bilder erzeugen Geschichten, die uns dabei unterstützen können, die Wirklichkeit zu begreifen und uns Möglichkeiten eröffnen, mehr zu erkennen, als ein Abbild dies jemals vermag.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wünsche

Einmal las ich, dass Wünsche das Rechnen gelernt hätten. Dieser zunächst völlig fremde Eindruck erschloss sich mir beim näheren Betrachten allerdings als zutreffend. Wünschende und diejenigen, die Wünsche erfüllen, begeben sich in einen Dialog, der Erwartungshaltung gegen Nutzen ausspielt. Wünschende vergnügen sich nicht damit, eine Erfüllung ihrer Wünsche als möglich erscheinen zu lassen, sondern versehen ihre Wünsche bereits mit berechenbaren Attributen.

Dadurch erleichtern sie einerseits deren Erfüllung, schaffen andererseits auch die potentielle Gefahr des Misstrauens, dem Wünschenden durch Versagungsrituale zu begegnen zu versuchen. Bei jeder Erfüllung eines Wunsches soll es möglichst darum gehen, diesem Prozess den Anschein der Freiwilligkeit zu geben, die in erkennbarem Widerspruch zum Wunsch selbst steht. Jeder Wunsch erwartet seine Befriedigung.

Nun wird natürlich nicht jeder Wunsch befriedigt, aber auch dieses Defizit ist kalkulierbar. Selbst nicht erfüllte Wünsche sind in der Lage, berechenbare Vorteile dem Wünschenden zu verschaffen, denn nur der Wünschende selbst weiß, wie auch der Adressat des Wunsches, auf welcher Ebene gerechnet wird. So kann auch der versagte Wunsch sich als besonders wertvoll erweisen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Lebensleistung

Wenn ich einmal alt geworden bin, so stelle ich mir vor, dann werde ich auf einem Stuhl sitzen und über mein verflossenes Leben nachdenken. Dann möchte ich, so stelle ich mir weiter vor, die Gewissheit haben, dass ich entsprechend meiner Möglichkeiten einen Lebensbeitrag für andere geleistet haben würde. Das schließt natürlich Frau, Familie, Kinder, Enkel und Freunde nicht aus, sollte allerdings entsprechend meiner Erwartungen mehr sein.

Die Frage stellt sich, war ich beruflich nur eigennützig erfolgreich gewesen oder hat mein Beitrag anderen Menschen geholfen, sie dabei unterstützt, ihr Anliegen umzusetzen, ihre Interessen zu fördern und ihre Situation zu verbessern. Eindeutig ist das sicher alles nicht, ich möchte allerdings dann auf meinem Stuhl herausfinden oder zumindest empfinden, dass ich meine Ich-Welt zeitweilig verlassen und Anteil genommen habe an ihren Problemen, Freuden und Erwartungen.

Natürlich bin ich mir auch dann meines stets privilegierten Lebens bewusst, aber ich stelle dann hoffentlich auch fest, dass es mir gelungen ist, mehrere Leben gleichzeitig zu leben, das eigene und das fremde. Meine Erziehung, meine Ausbildung, meine körperliche und physische Verfassung lassen es nicht zu, so aufopfernd zu handeln, wie es viele von mir bewunderte Menschen tun, aber – so hoffe ich jedenfalls – sind es nicht nur günstige Umstände, die es mir Zeit meines Lebens erlaubten, entsprechend meiner Fähigkeiten und Möglichkeiten für andere Menschen da zu sein und zu helfen.

Sicher werde ich dann auf meinem Stuhl sitzend auch erkennen, wie oft ich bequem, feige, selbstherrlich und anmaßend war. Aber auch meine vielen Fälle des Versagens werden verdeutlichen, dass ich mich darum bemüht habe, nicht nur ein mit mir selbst erfülltes Leben, sondern auch ein erfüllendes Leben mit anderen Menschen zu führen. Immer habe ich verstanden, dass ich einen Beitrag für dieses Leben zu leisten habe, so unerwartet die Geburt ist und wie abschließend der kommende Tod.

Wenn ich auf meinem Stuhl sitze, wäre es mir unerträglich, wenn ich bekennen müsste, dass sich in meinem ganzen Leben nichts Anderes ereignet hat, als meine Selbstbestätigung. Manch einen habe ich, so muss ich selbst bekennen, mutwillig oder unbewusst verletzt, durch Übermut verwirrt oder durch Anmaßung betrogen. Das Leben indes bildet aus und deshalb hoffe ich, dass dann, wenn ich auf meinem Stuhl sitze, der Blick zurück auf mein Leben mich gelassen bleiben lässt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Manieren

Noch habe ich das im Ohr: „Was bist du nur für ein ungezogener Bengel, hast du denn überhaupt keine Manieren!“ Oder auch: „Haben deine Eltern dir denn überhaupt keine Manieren beigebracht!“ Manieren? Welch seltsames Wort, aber als Kinder wussten wir genau, was damit gemeint war. Manieren bezeichnete das allgemeine Verständnis zu wissen, was sich gehört oder nicht gehört und entsprechend auch zu handeln. Der Begriff stammt aus dem Französischen. Er umfasst den gesamten Bereich einer Ordnung, die als allgemeinverbindlich angesehen wird, und zwar obwohl dies nirgends schriftlich verzeichnet ist.

Manieren wurden früher dem Kind beigebracht, d. h. es lernte die Regeln, die als selbstverständlich dafür angesehen wurden, dass sich der Mensch durch sein Leben navigieren sollte, ohne ständig mit dem Verhalten und den Ansprüchen anderer Menschen in Konflikt zu geraten. Ein Kind wusste, ob und wann es sich nicht manierlich verhält und versuchte dies möglichst zu vermeiden, es sei denn, dass es sich gerade bewusst und absichtlich unmanierlich verhielt, um Reaktionen der Erwachsenen zu provozieren.

Heute sind diese fast altertümlich anmutenden Begriffe kaum mehr gebräuchlich, aber der Sinn, der dahintersteht, ist weiterhin aktuell. Jeder Mensch muss wissen, was er darf und was er vermeiden muss, um ein einvernehmliches Zusammenleben mit anderen Menschen zu gewährleisten. Besteht dieses allgemeine Verständnis nicht und wird dies bei der Entwicklung von Kindern vernachlässigt, besteht die Gefahr, dass bei fehlender Kenntnis der Regeln der junge Mensch mit Verhaltensweisen anderer Menschen konfrontiert wird, die er nicht einordnen kann und sich dann entweder irritiert zurückzieht oder mit Aggressivität reagiert.

Diese Radikalisierung von Verhaltensweisen nehme ich wahr. Unhöflichkeit und Wut sind aber taktisch völlig ungeeignete Verhaltensweisen, um die Förderung des eigenen Anliegens und inhaltsbezogene Gespräche zu erreichen. Sie offenbaren vielmehr die Unfähigkeit, Ziele zwar beharrlich, aber auch unter Wahrnehmung eigener Grenzen zu verfolgen und einvernehmlich zum Erfolg zu gelangen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Geschichte

Wie dürfen wir uns hier die Geschichte und unsere Rolle, die wir in dieser spielen, vorstellen? Ist Geschichte etwa ein träger Fluss, der uns mit der Geburt aufnimmt, uns in ihm treiben oder gar schwimmen lässt, um uns schließlich, wenn die Kräfte nachlassen, verschlingt? Oder ist Geschichte etwa eine Geschichtensammlung, ein Archiv einzelner und kollektiver Erlebnisse, die durch gemeinsames Verständnis oder gemeinsame Schicksale begründet ist?

Vielleicht eher das Letztere. Meiner Ansicht nach spielt jeder Mensch in dieser Geschichte eine Rolle, für die er verantwortlich ist. Um der durch die Geburt begründeten Verantwortung gerecht zu werden, müssen wir unsere Rolle in dieser gestalten, unsere Geschichten weitererzählen, von Generation zu Generation. Unsere Erzählungen bergen wertvolle Schätze der Erfahrung, aber auch das Wagnis, Neues zu schaffen, sich dabei der Vergangenheit und Gegenwart zu vergewissern und unbekannte Wege zu erschließen.

Wir erkennen Gemeinsames auch dann, wenn wir Geschichtenerzählern zuhören, selbst Geschichten unseren Kindern erzählen, so familiäre Verbindungen pflegen und uns auch unseres Herkommens über Generationen hinweg versichern. Dabei geht es aber nicht nur um die Familie, sondern auch um all das, was uns mit anderen Menschen verbindet, selbst Tiere, Pflanzen, Heimat, Landstriche, Länder, Nationen, also alle Umstände, seien diese privat oder gemeinschaftlich.

Sowohl Versagungen als auch Erfolge prägen Geschichte. So birgt diese auch alle Tragödien, große und kleine Taten, alles Denken, Fühlen und Handeln. Die alltäglichen Mühen, die Fähigkeiten, Schwierigkeiten, Freude und Trauer, all dies ist selbst dann, wenn es nicht persönlich und unmittelbar erlebt wird, unsere Geschichte, die Geschichte aller Menschen und der Welt.

Geschichte ist völlig indifferent gegenüber Stolz oder Ablehnung, aber wir können unserer eigenen Verantwortung, Geschichte mitzugestalten, nicht entgehen und sollten bei unserem Handeln auch an die Ewigkeit unseres eigenen Beitrags und dessen Wirkung denken. Ein Neustart von Geschichte ist nicht möglich. Das, was geschehen und aufgezeichnet ist, bleibt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Netzwerke

Die Bildung von Netzwerken entspricht – wie die Forderung nach Nachhaltigkeit – dem Zeitgeist. Der Fortschritt allgemein und speziell die Entwicklung eigener Vorhaben wird mit der Zugehörigkeit zu und ggf. der Schaffung von Netzwerken verbunden. Das ist sicher nicht falsch, denn schon früh wussten wir Menschen, dass wir nur gemeinsam stark sind. Davon lebt auch der Allmendegedanke. Aber, was zeichnet nun Netzwerke aus, was sollten sie beachten und wo lauern Gefahren?

Netzwerke bilden sich dadurch, dass Menschen einander kennenlernen und ihre Auffassungen und Tätigkeiten miteinander teilen. Eine auf der Hand liegende Gefahr ist dabei aber auch, dass die Handelnden in erster Linie zusammenfinden, um eine gemeinsame Meinung zu bilden und zu verbreiten. Geschieht dies, führt das so aktivierte Netzwerk über kurz oder lang zu einer Gleichrichtung der Meinungen, die im Netzwerk durch Kraft aufgeladen, zu einer Meinungsdiktatur führen könnte und damit zerstörend und verantwortungslos wirkt. Dies ist aber genau das Gegenteil dessen, was ein Netzwerk verspricht, und zwar einander in der Vielfältigkeit von Meinungen, Erfahrungen und Ansichten kennenzulernen und eine gemeinsame Idee, einen weiterführenden Gedanken zu entwickeln und fortzuschreiben, um so in der Lage zu sein, das Netzwerk zu bereichern.

Damit sich die Netzwerkteilnehmer wahrnehmen, ist es unerlässlich, dass sie einander zuhören, statt in erster Linie eigene Parolen und Meinungen zu verbreiten. Jeder sollte bedenken: „Was ich zu sagen habe oder sagen könnte, das kenne ich, was andere aber zu sagen haben, nicht.“ Wenn ich erwartungsoffen anderen Menschen zuhöre, werde ich in der Regel an Ideen und Erfahrungen reicher. Sollte ich aber auch etwas beizutragen haben, dann muss ich darauf achten, dass dies mit den Erkenntniserwartungen anderer Netzwerkteilnehmer korrespondiert, d. h. dass ich empfängerorientiert rede. Dabei ist jedes Offensichtliche zu vermeiden, denn dies interessiert niemanden. Es ist nur Geduld und Höflichkeit, die ein solches Verhalten hinnehmbar erscheinen lassen.

Was ich sage, kann für andere wichtig sein, aber nicht unbedingt. Es ist allerdings für mich selbst stets wichtig, etwas Neues, mir bisher Unbekanntes zu erfahren, es ist wertvoll, und zwar selbst dann, wenn ich augenblicklich den Nutzen noch nicht richtig einordnen kann. Aufgeschlossenheit und Verständnis für die Ansichten anderer und deren Handeln schafft Verbindungen und leistet die Voraussetzung für etwaige gemeinsame Projekte, die in oder aufgrund eines Netzwerkes entstehen könnten.

Dies geschieht nicht zwangsläufig, sondern hängt von der Aufnahmefähigkeit und dem beharrlichen Willen aller Beteiligten ab, etwas zu gestalten, ihre Fähigkeiten kooperativ zu optimieren und beharrlich dabei zu sein, also prozessual nicht nachzulassen im Gestalten und Handeln und dabei zu bedenken, dass das Leben eine lange, wunderbare Veranstaltung ist, die allen Teilnehmern von Netzwerken alle Chancen und Möglichkeiten bietet, Vorhaben zu verwirklichen, wenn der Wille bleibt, sich tatsächlich einzubringen und dabei im Auge zu behalten, dass wir alles gemeinsam friedlicher und besser von Menschen für Menschen, für die Natur, die Tiere und schließlich die Umwelt machen sollten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erinnerungen

Erinnerungen bilden das Menschheitsgedächtnis. Sie sind im Besitz jedes einzelnen Menschen, werden von Generation zu Generation weitergegeben und erfahren ihre verbindliche Festlegung sowohl in Gegenständen, als auch in medialen Formaten jeglicher Art.

Erinnerungen werden nicht nur sprachlich und bildlich weitergegeben, sondern auch durch Gefühle und Stimmungen. Erinnerungen prägen unsere Fähigkeiten, zu Erkenntnissen zu gelangen und Entscheidungen zu treffen. Das durch Erinnerungen gefütterte Weltgedächtnis ist unverzichtbar. Es ist deshalb existenziell, dass alle Menschen ihren Beitrag dazu leisten.

Das geschieht bewusst oder unbewusst, durch ein Handeln oder Unterlassen, aber oft nicht mit dem Wissen um die Sinnhaftigkeit des Handelns. Dabei kann jeder, der seinen Kindern aus seinem Leben erzählt, mit ihnen singt oder spielt, erheblich zu einer bleibenden Erinnerung nicht nur für das Kind, sondern für die ganze Familie und schließlich die Menschheit beitragen.

Das Gute, das wir schaffen, bleibt der Erinnerung erhalten, aber auch alles Böse und Schreckliche, ob sich dieses in einem persönlichen Verbrechen oder in einem kollektiven Krieg manifestiert. Deshalb sollten wir die Beiträge, die wir zur Erinnerung abliefern, sehr sorgsam und gewissenhaft gestalten, immer wissend oder ahnend, dass sie relevant sein dürften.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ansichten

Anstatt sich eine Meinung anhand von eigenen Erfahrungen im Abgleich mit objektiven Gegebenheiten kontinuierlich zu erarbeiten, erlauben ein paar Klicks, sich eine Meinung aus dem Internet herunterzuladen. Eine Meinung zu haben, ist damit keine individuelle Leistung mehr, sondern die Konfirmation einer Ansicht, die etliche Menschen teilen. Die größte Schwierigkeit für jeden Einzelnen besteht nun darin, diese Meinung, deren Ausmaß er überhaupt nicht abschätzen kann, so aufzubereiten, dass sie persönlich zu werden scheint.

Um dieses Ziel zu erreichen, muss die erworbene Meinung veranlasst werden, jedem Zweifel zu widerstehen und für sich Wahrheit zu reklamieren. Der Begriff „Ansicht“, der Wegbereiter für die Meinung ist, bestätigt wortimmanent, dass es weitere, also andere Sichten auf einen bestimmten Betrachtungsgegenstand geben könnte. Der Begriff „Wahrheit“ kann dies allerdings nicht zulassen, denn Wahrheit ist intolerant, d. h. beansprucht den Absolutheitsanspruch.

Um diesem zu genügen, ist daher der Begriff „alternative Wahrheit“ geprägt worden, d. h. die Wahrheit weist Deutungsmöglichkeiten aus, die in ihren Vielfältigkeiten jede Meinung als stimmig bestätigt. Damit erfährt der seine Meinung äußernde Mensch seine umfassende Absicherung. Niemals kann er mit seiner Meinung falsch liegen. Seine Ansicht ist immer die richtige.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski